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"Bild" hat kaum Neues von Daum, berichtet aber täglich. Zur Not spricht die Zeitung mit sich selbst: Der Wim vom Land

Die "Bild"-Zeitung hat es momentan nicht leicht: Schmökel ist gefasst, Dieter Bohlen macht s mit der Verkäuferin vom Teppichladen, was aber keinen überrascht, und Christoph Daum ., ach Christoph Daum. Das wär eine schöne Geschichte gewesen. Da war alles drin und alles dran. Viel besser als Schmökel. Schmökel war eine Spur zu hart, zu krank, vielleicht auch zu real. Die Sache mit Daum hat etwas von einer Seifenoper: Der erfolgreiche Meistertrainer, der ins Milieu abrutscht. Immobilien, Frauen, Koks, der böse Uli aus München - ein wunderbarer Sumpf. Leider ist der Christoph dann abgehauen. Das ist das Problem. Seitdem ist "Bild" auf der Suche. Nach Daum. Und seiner Geschichte.Hätte ja sein könnenAm Anfang schien alles klar zu sein. Oder zumindest schrieb man, dass alles klar sei: "Hier versteckt sich Daum", titelte "Bild" kurz nach Daums Flucht. Ein Foto von der Villa, samt Details zur Inneneinrichtung ("4 Schlafzimmer, 4 Marmorböden, alles vom allerfeinsten") - man wusste Bescheid. Tage später räumte Sport-Chef Alfred Draxler in der "Süddeutschen Zeitung" ein, "nicht genau zu wissen, in welchem Haus sich Daum aufhält". Egal. Hätte ja sein können. Die nächsten Tage verliefen erfolglos, Daum war weg. Berichten wollte man trotzdem. Die Geschichte war zu gut. Und wo es keine Informationen gibt, gibt es immer noch Gerüchte und Spekulationen. Und Angelika Camm! Daums Lebensgefährtin ließ "Bild" nicht hängen: "Die Geliebte ist schwanger." "Bild" konnte das Glück kaum fassen: "Ausgerechnet jetzt ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen!" Ein dicker Bauch zur rechten Zeit. Und die Sache war diesmal auch wasserdicht: "Sie ließ zwei Tests machen." Mit dem kleinen Daum ("Wenn es ein Junge wird, soll er Paul heißen.") kann man schon ein paar Tage über die Runden kommen, bis der große Daum aus seinem Versteck kriecht.Schließlich ist das ja auch für die Redakteure kein Spaß. Jeden Tag steht der Chef im Büro und fordert eine Daum-Story. Und wenn man die nicht hat, muss man wenigstens so tun, als wenn man eine hätte. Oder alte Geschichten herauskramen. Zum Beispiel die von der Bauchtänzerin Oya Asya Basarir aus Istanbul ("Ich war schwanger von Christoph Daum und habe abtreiben lassen.") Schon im April war sie in der "Bild" zu sehen, aber manche Dinge haben eben eine zweite Chance verdient. Eine Woche später konnte man das Aus-den-Fingern-Saugen beenden. Man hatte den Christoph selbst! Zumindest am Telefon. "Kein Zeichen von Daum, bis morgens um 11.18 Uhr Ortszeit (als Reporter schaut man zur Uhr) in meinem Hotel in Orlando mein Handy klingelt", beschreibt "Bild"-Reporter Vim Vomland den ersten Kontakt. War dieses erste Gespräch noch zurückhaltend informativ (Vomland: "Womit telefonierst du?", Daum: "Mit einer Telefonkarte"), platzte am Tag darauf die Bombe: "Bild traf Daum. Er war beim Friseur." 1994 war die Nase sauberBei derart heißer Ware wollte auch die "Bild am Sonntag" nicht nachstehen und präsentierte Fotos von Daums Nasenoperation aus dem Jahre 1994 und einen Arzt der wusste: " 94 war seine Nase sauber." Kaum konnte man sich der Frage widmen, warum bei einer Nasenoperation Fotos gemacht werden und ob dies nicht zumindest fragwürdig ist, ging das Trommelfeuer der Nachrichten weiter: "Neue Enthüllung! Neue Rätsel! Schamhaare im Notar-Tresor!" Dazu die messerscharfe Analyse von Vim Vomland: "Diese Haarprobe könnte Daum entlasten. Oder erneut schwer belasten." Im Prinzip hat sich nichts geändert. Fotos gibt es keine, also druckt "Bild" Zeichnungen. Man weiß nicht, wo Daum wohnt ("Hier irgendwo ist er!"), also zeigt man einen Stadtplan. Ruft Daum nicht an, wird Vim Vomland, der eigene Reporter, interviewt. Der erklärt dann, warum Daum nicht anruft. Schickt Daum ein Fax an "Mr. Wim vom Land" klärt Vim Vomland darüber auf, warum Daum seinen Namen so verstümmelt: "Er schreibt ihn halt so, wie er ihn spricht. Für ihn war ich immer der Wim vom Land". Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Christoph Daum ist noch nicht am Ende. Vim Vomland wird weiter telefonieren. Und falls er nichts raus bekommt, muss Dieter noch mal in den Teppichladen. Bis Daum zurück ruft.Auffällig sind die Unterlängen // "Bild" vom 03. 11. : Daum ist im Großraum Orlando. Mit Hilfe dieser Karte kann nun jeder Leser selbst auf die Suche gehen. Was jedoch nicht einfach wird. Auch wenn es der übersichtlich anmutende Kartenausschnitt kaum verrät:In Orlando leben über 1 Million Menschen."Bild" vom 04. 11. : Daum traf sich mit Reporter Vim Vomland. Bedingung: Fotografieren verboten. Kein Problem. Daum wird gezeichnet. Ein Daum-Aquarell! Das originalgetreue Bild verrät Daums Geheimnis sofort: Er war beim Friseur! Oder beim Haartest?"Bild" vom 08. 11. : Das geheimnisvolle Fax von Christoph an "Mr. Wim vom Land". Reporter V(W)im Vomland : "Er will mir und damit den "Bild"-Lesern die neue Sachlage mitteilen. Nämlich, dass er sich nun in Atlanta aufhält. Auch ein Grafologe untersucht das Fax. Auffällig: Die Unterlängen bei den Buchstaben "g" oder "f": "Hinweis auf Eitelkeit bis hin zur Arroganz. "