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"Die Wache" - Der Schifffahrtsroman des griechischen Funkers und Lyrikers Nikos Kavvadias aus dem Jahr 1954: Angst vor dem Land und krank an der See

Die Pytheas, ein klappriger Frachter aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, fünftausend Ladetonnen, Dampfmaschine, der reinste Seelenverkäufer, nimmt Ende der vierziger Jahre Kurs auf Shantou. Der junge Assistent hat einen Pickel, hat er sich die Krankheit eingefangen, die alle haben? Im Hafen soll er es erfahren, soll sich der Kreis schließen, das ist das Ziel. Was sich dazwischen abspielt, ist eine Fahrt nach nirgendwo, eine Fahrt ans Ende der Welt, die alle Fahrten über alle Meere einschließt, eine Endlosreise in die Erinnerung. Hier an Bord, wo die Wache den Rhythmus schreibt, sechsmal vier Stunden Tag und Nacht, und man sich das Erzählen einteilt wie Brot oder Zigaretten, damit man morgen noch was übrig hat, treffen der Steuermann und der Funker sich wieder und erzählen einander die Abenteuer der Zwischenzeit aus den Hafenstädten aller Welt, Short Storys über Schmuggel, Schießereien, Stürme, Syphilis, über Täuschung und Verrat, Verratene und Verräter. Es sind die Geschichten ihrer erotischen Karrieren, düster oft, aber auch komisch, anrührend, sentimental, rund wie Filmplots oder kurze Szenen, die statt in die erwartete Pointe ins Leere laufen. Sie handeln von den Frauen, von den Huren aller Länder, Französin, Araberin, Eskimo-Frau. Von den Huren der Bordelle und der Straße und von den Huren im häuslichen Bett, denn "Nutten" sind sie alle, erst recht die Sittsamen, die Treuebrüchigen, "Frauen haben von der Hüfte abwärts keine Heimat". Ob aus Lust oder Not, sie spreizen die Beine, ihr Dasein erschöpft sich in dieser Aufgabe. Mit kräftigen Strichen skizziert Kavvadias die Porträts, junge und alte Huren, selten schöne, faule, schlampige, gierige, müde. Aber es gibt auch die barmherzigen, die den Mann beschämen. Das Gewerbe ist dreckig, aber das Herz ist rein, und kein Klischee bleibt ausgelassen. Aber wie farbig sind sie ausgestaltet. Hure oder Heilige, dazwischen ist keine. Bei schwerer See beten die Männer zu Maria, die den Namen der eigenen Mutter trägt, und einzig ödipale Fantasien verursachen ihnen Beunruhigung. Der Roman "Die Wache" erschien in Griechenland 1954 und wurde zur Bibel der Seefahrer. "Niemand kann die See so gut befahren wie die Griechen", und der Autor, Nikos Kavvadias, war einer von ihnen, Seemann und Poet dazu. Seine Gedichte machten ihn schon früh bekannt, manche sind vertont, man singt die Lieder. Noch jung heuerte er als Matrose auf einem Frachtschiff an, nach Krieg, Albanienfeldzug und Widerstand gegen die deutschen Okkupanten fuhr er als Funker zur See.Wie uns das Nachwort der Übersetzerin mitteilt (sie hat eine wunderbare Sprache für die robuste Poesie des Erzählten gefunden), beschreibt Kavvadias in der Figur des Funkers sich selbst, den Mann von der Insel Kefalonia, klein von Gestalt, mit spärlichem Haar und der tätowierten Meerjungfrau auf dem Arm. Nicht gerade der Prototyp des harten Mannes, der allen Stürmen trotzt. Das Buch spielt mit Elementen der Romantik, ein Wrack (fast), Schiffbruch (als Drohung), Erinnern, Sehnsucht, Tod, aber gegen diese Hintergrundstimmung setzt Kavvadias die Geschichten brutaler Realität, er erzählt in Brüchen, schafft Distanz durch Ironie und Sarkasmus. "Schöner Tag heute, was? Alle, die sich gestern ertränkt haben, bereuen es jetzt." Ein Sarkasmus, der manchmal vor Herzeleid schreit.So wird der Mythos vom Mann, der mit seiner Seele das Eisen übers Meer zieht, im raschen Wechsel bedient und zerstört, zerstört und wieder aufgebaut, und das macht vielleicht über die Erotik hinaus die enorme Wirkung des Buches beim seefahrenden Volk aus, dass es sich wiederfindet nicht nur in seinem Stolz, sondern auch in seiner Schwäche. Steuermann und Funker, ihre Berufe sind Metapher: Auf geradem Kurs der eine, moralische Instanz, Realist und Pragmatiker, der die Sterne nach ihrem Nutzen fragt. Ausschweifend der andere, der Dichter, der den alltäglichen Dingen die poetische Überhöhung gibt, der in die Leere ruft und das Fieber vom Kreuz des Südens spürt.Noch dazu ist er anfällig für die Seekrankheit und doch auch krank nach der See, befallen von der ewigen Sehnsucht nach Unbehaustheit und Grenzenlosigkeit. Flucht vor dem Festland, feige Flucht vor den Frauen, die dort bleiben müssen: "Auf See niemals. Seit zwanzig Jahren fahr ich auf diesen Schrottkähnen, aber meine Kajüte hab ich noch nie besudelt." Seemannsbraut ist die See. Gefesselt wie Odysseus an die Planken des Schiffs widersteht er dem Lockruf des Weibes, verdammt zur ewigen Irrfahrt durch den Strom der Erinnerung. Ist der erste Teil dieses Kursbuchs der Seefahrerseele in seinem Wechsel aus Schiffsalltag und Landgeschichten der realistischen Erzählhaltung verpflichtet, so fällt der zweite Teil, wie der Funker selbst, ins Delirium.Losgelöst von den Begrenzungen des Landes verschwinden die Koordinaten, verschwimmen Zeit und Raum im Nebel und im Dunst des Schnapses, beginnen die eigenen Konturen sich aufzulösen, gerät die Existenz in einen Zustand zwischen Sein und Nichtsein, in den Vorhof des Todes. Wo nur noch Halluzination und Imagination sind, holt das Gedächtnis Tote und Untote hervor, schiebt Zeiten übereinander, vermischt reale Szenen mit solchen aus Dichtung und Malerei, reproduziert Bilder von Bildern und setzt sie verkehrt zusammen, ein zersplitterten Zerrspiegel der verlorenen Zeit. Der Funker findet sich verwirrt im Zwiegespräch mit dem Phantom seiner selbst, "jetzt wird abgerechnet", narzisstisch und masochistisch. Vor langer Zeit hat der Seemann den Dichter verlassen. "Eines Abends sind wir auseinander gegangen, vor vielen Jahren, an der Pier in Piräus. Du hast einen Seesack geschultert, und ich bin mit nem Buch in der Hand zurückgeblieben.". "Wir sind nicht auseinander gegangen. Du bist vor mir abgehauen, Feigling." Nach der "Wache" hat Kavvadias zwanzig Jahre nicht mehr veröffentlicht.Und was hat sie gebracht, die große Lebensreise über die Meere? Melancholie und Resignation. "Ohne Liebe, ohne Sinn, ohne Gerechtigkeit." Am Ende wird es, wie der dritte Teil überschrieben ist, den "Trionfo della Morte" geben, "geradewegs in den Rachen des Hais". Schon kommt kein Blut mehr aus der aufgeschnittenen Ader, aber dennoch: der Lebenstrieb wird den Seemann wieder an Land spülen. "Wo auch immer. Hauptsache, da sind rote Lichter."Nikos Kavvadias: Die Wache. Roman. Aus dem Griechischen von Maria Petersen. Alexander Fest Verlag, Berlin 2001. 336 S. , 39,90 Mark.REUTERS/CHARLES PLATIAU"Alle, die sich gestern ertränkt haben, bereuen es jetzt. "