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Ägypten: Italiener mit Folterspuren tot aufgefunden

Die Leiche des italienischen Studenten Giulio Regeni ist in ein Kairoer Leichenschauhaus gebracht worden.

Die Leiche des italienischen Studenten Giulio Regeni ist in ein Kairoer Leichenschauhaus gebracht worden.

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dpa

Kairo -

Zwischen Rom und Kairo herrscht ein eisiger Ton. Italiens Regierung ist außer sich, seit der italienische Doktorand Giulio Regeni am Mittwoch in der ägyptischen Hauptstadt halbnackt, mit Folterspuren am Körper und schwer entstelltem Gesicht tot aufgefunden wurde. Man habe Messerstiche und Brandwunden von Zigaretten, Schnitte im Ohr und Spuren von Schlägen an der Leiche gefunden, die auf einen „langsamen Tod“ hindeuteten, erklärte die ägyptische Staatsanwaltschaft.

„Wir wollen die ganze Wahrheit wissen, bis ins letzte Detail“, schimpfte Italiens Außenminister Paolo Gentiloni im staatlichen Fernsehen RAI. Wirtschaftsministerin Federica Guidi brach ihren Besuch am Nil ab und kehrte zusammen mit der 60-köpfigen Firmendelegation vorzeitig in die Heimat zurück.

In Europa hoffähig gemacht

Vor ihrer Abreise warnte sie Ägyptens Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi, der Fall könne die Beziehungen zwischen beiden Ländern empfindlich stören. Italien hatte den Ex-Feldmarschall im November 2014 als erste westliche Nation zum Staatsbesuch eingeladen und damit in Europa wieder hoffähig gemacht. In Rom wurde der ägyptische Botschafter einbestellt und ihm mitgeteilt, Italien sei „fassungslos“, erwarte „maximale Kooperation“ bei der Aufklärung des Verbrechens sowie eine Beteiligung italienischer Experten an der Obduktion des 28-Jährigen.

Die Täter hatten die übel zugerichtete Leiche nahe der Ringautobahn am Rande der Wüste in einen Graben geworfen. Giulio Regeni promovierte an der britischen Cambridge Universität über die Rolle der Gewerkschaften in Ägypten nach 2011. Er hielt sich seit September als Gastwissenschaftler an der Amerikanischen Universität Kairo (AUC) auf, um seine Arabischkenntnisse zu vertiefen und für seine Doktorarbeit zu recherchieren.

Staatssicherheit involviert?

Nach Angaben seiner Mitbewohner wollte Regeni am 25. Januar gegen Abend mit der Metro ins Zentrum von Kairo fahren. Am Eingang der Station wurde er zum letzten Mal gesehen. An diesem Tag, dem fünften Jahrestag des Arabischen Frühlings auf dem Tahrir-Platz, wimmelte es in der ägyptischen Hauptstadt von Polizei und Militär, während die meisten Bürger aus Angst vor Gewalt und Übergriffen zu Hause blieben.

Die Hintergründe des mysteriösen Mordfalls an dem italienischen Doktoranden sind bisher unklar. Er könnte einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Er könnte aber auch – wie einige prominente Menschenrechtsanwälte vermuten – von der Staatssicherheit verhaftet und verschleppt worden sein. Die Polizei- und Justizwillkür in Ägypten ist nach dem Urteil von Demokratieaktivisten inzwischen krasser als unter Hosni Mubarak.

Fälle häufen sich

So häufen sich die Fälle, bei denen Verhaftete kurz nach ihrer Festnahme einfach totgeschlagen wurden. Andere werden durch Folter zu falschen Geständnissen gezwungen. Unabhängige Beobachter zählten im letzten Jahr mindestens 640 Fälle von Folter in Gefängnissen und 137 Todesfälle unter Häftlingen.


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