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"Kontakthof mit Damen und Herren ab 65" - Pina Bauschs Theaterwelt für ältere Mitbürger: Wer rastet, der rostet

Tanzstunde, gibt es das noch? Diese zehn Abende währenden Kurse mit Abschlussball, wo die Mädchen lange Kleider zu tragen haben? Wo unter den Mädchen die Angst umgeht, nicht den richtigen oder schlimmer, gar keinen Partner zu finden, während die Jungen über ihre Ängste nicht reden, weil sie ja angeblich keine haben?1978 hat Pina Bausch in Wuppertal ihr Stück "Kontakthof" herausgebracht. Zu diesem Zeitpunkt kauten Jungen und Mädchen bereits Kaugummi und trugen Jeans, während sie mit Walzer- und Foxtrottschritten kämpften. Große Garderobe gab es nur zum Schluss des Kurses und Worte wie "Mauerblümchen" wurden bestenfalls als Witz gebraucht. "Kontakthof", das war schon 1978 ein Erinnerungsstück, mit Schlagern aus den 20er- und 30er-Jahren, mit "Frühling und Sonnenschein" und "Gnädige Frau, sie sind ja so schön", mit Pfennigabsätzen und eng sitzenden Kleidern aus den 50ern, mit einer Mischung aus Kino- und Tanzsaal als Bühnenbild, in dem die Zeit bereits auf eine Weise stehen geblieben schien, wie dann erst sehr viel später wieder, bei Christoph Marthaler und Anna Viebrock.Das Bühnenbild hat noch Rolf Borzik entworfen, Pina Bauschs 1980 verstorbener Lebensgefährte. Das Pina Bausch jetzt ausgerechnet dieses Stück ausgesucht hat, um es mit Laiendarstellern, die das 65. Lebensjahr überschritten haben, von den früheren Tänzerinnen und ihren jetzigen Assistentinnen Josephine Ann Endicott und Beatrice Libonati erneut einstudieren zu lassen, dürfte mit der Atmosphäre von stehen gebliebener Zeit zu tun haben. Mit der nostalgisch-melancholischen Weise, in der das Vergangene hier seine gespenstische, aber auch ironisch-heitere Gegenwärtigkeit behauptet.Ein Jahr lang haben Endicott und Libonati mit den Darstellern, die sich auf eine Anzeige des Wuppertaler Tanztheaters gemeldet hatten, geprobt. Spieltermine standen zunächst nur wenige auf dem Plan, und wie alles, was Pina Bausch ananfasst, wurde das Projekt "Kontakthof mit Damen und Herren ab 65" zu einem durchschlagenden Erfolg. Das Stück ist auf Festivals gefragt und war in drei Vorstellungen bei den Theaterwelten Berlin zu Gast. Auf der Bühne des Festspielhauses tanzen die Damen und Herren, von denen allerdings nicht alle über 65 sind. Sie kommen einzeln an die Rampe und zeigen Hände, Gebiss und ihre vom Alter gezeichneten Körper vor. Sie üben sich im Beckenschwung und in weit ausgreifenden Schrittformationen, sie führen mit freundlicher Geste den Partner nach vorn, um ihn dann bloßzustellen und weh zu tun. Hauptsache, man selbst sieht gut aus. Die Bühne, die Borzik gebaut hat, ist dem Probenraum des Wuppertaler Tanztheaters, einem stillgelegten Kino, nachempfunden. Es gibt jede Menge Stühle, ein Klavier und ein Schaukelpferd vom Jahrmarkt, für das eine Frau immer wieder Münzen vom Publikum erbittet, um dann mit stolz erhobenem Haupt, ihre Würde gegen die Albernheit ihres Tuns verteidigend, auf dem Pferdchen zu reiten.Zur Zeit seiner ersten Premiere hatte das Stück über das Tanzstundenmilieu mit all seinen hoffnungsvollen, verzweifelten und scheiternden Annäherungsversuchen verhandelt, über das schnelle Kippen von Zärtlichkeit in Brutalität und Verachtung. Es war auch ein Stück über die eigenen Produktionsbedingungen des Theaters, über Theater als Prostitution. Zumindest in der Einstudierung mit den Senior-Laien spielt dieser Aspekt keine Rolle mehr. Dass da ältere Leute auf der Bühne stehen, die noch genauso hilflos sind, in ihren Versuchen, dem anderen näher zu kommen, und genauso erbarmungslos und gemein, sobald jemand eine Schwäche zeigt, das gibt dem Stück eine andere Wendung.Es kehrt die lächerliche Seite dieser Mechanismen hervor, allerdings tut es dies auf eine überaus freundliche, fast schon banale Weise. Weh getan werden soll hier niemandem. Die schmalzige Schlagermusik, in der unerbittlich ein Lied nach dem anderen abgespielt wird, sollte früher einmal dem Publikum bis zur Unerträglichkeit das Billige, Abgedroschene und Verlogene des Unterhaltungsgewerbes vorführen.Heute hört man solche Musik wieder recht gern. Es ist vielleicht etwas zu viel des Guten, aber es bereitet durchaus Vergnügen. Nicht nur Menschen altern, Stücke tun es auch. Aber während sich die Damen und Herren ab 65 gegenseitig über die Bühne scheuchen, während etwa eine Frau weint, weil der von ihr mit schriller Stimme nervtötend herbeigerufene Liebste partout nicht erscheinen will und die anderen mit dem Finger auf sie zeigen, begreift man auch: Um den ihr so oft unterstellten Feminismus ist es Pina Bausch nie gegangen. Nie hat sie die Frauen als Opfer und die Männer als gefühlskalte Machos gezeigt. Sie hat die Abgründe auf beiden Seiten gezeigt, das war schon immer ihre Kunst.Kontakthof // Ein Stück von Pina Bausch, mit Damen und Herren ab 65; Inszenierung und Choreografie: Pina Bausch; Bühne und Kostüme: Rolf Borzik; Musik: Charlie Chaplin, Anton Karas, Juan Llossas, Nino Rota, Jean Sibelius; Einstudierung: Jo Ann Endicott, Beatrice Libonati, Tänzer: Wuppertaler Laien