blz_logo12,9

15 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica erinnerte in Berlin ein Berg aus 16 744 Schuhen an das Geschehen in Bosnien: Ein Mahnmal der Schande

Immer und immer wieder zeichnet sie Lkw-Kolonnen. Für Asemina Mustafic, die aus der bosnischen Kleinstadt Bratunac nahe Srebrenica stammt, ist das wie ein innerer Zwang. Auf ihren Bildern sieht man auch eine lange Reihe von Männern, alten und jungen, die auf die Laster steigen. Angetrieben werden sie von bewaffneten Soldaten. Von Serben, die die Männer anschließend in die Wälder fahren und erschießen. Die heute 65-Jährige hat das miterlebt. Vor 15 Jahren musste sie dabei zusehen, wie 30 Männer aus ihrer Familie abtransportiert und ermordet wurden. Gefunden hat man bislang nur wenige Überreste von ihnen. Die Opfer aus Asemina Mustafics Familie zählen zu den 8 300 Bosniern, die unter den Augen der UN-Blauhelmsoldaten in der Schutzzone von Srebrenica getötet wurden."Was für eine Schutzzone, in der so etwas passieren kann", sagt sie, schüttelt den Kopf und fängt an zu weinen. Seit 1995 wohnt Asemina Mustafic in Berlin, in ihren Heimatort kann sie nicht zurück, sagt sie. Dort seien die Serben. Gestern kam die schmächtige Frau mit dem weißen Kopftuch zum Brandenburger Tor, wo auf eine besondere Weise der Opfer von Srebrenica gedacht wurde: 16 744 Schuhe wurden auf dem Pariser Platz zu einem Berg aufgeschichtet. Ein "Mahnmal der Schande", wie der Organisator der Aktion, Philipp Ruch, sagt: "Mein bester Freund ist damals aus Bosnien geflohen. Was dort geschah, war ein Völkermord, bei dem Europa tatenlos zusah." Der 29-jährige Berliner Aktionskünstler und Menschenrechtler leitet eine Gruppe, die sich Zentrum für politische Schönheit nennt. "Wir sind eine kleine Internet-Sturmtruppe, die Genozide verhindern will", sagt er.Die 16 744 Schuhe haben sie in nur 40 Tagen gesammelt. Sie stammen von Opfern aus bosnischen Massengräbern und von Menschen, die damit an den Genozid erinnern wollen. Die meisten Schuhe auf dem Berg sind schwarz und braun, es sind Stiefel, Halbschuhe und Sandalen, auch rosafarbene Kinderstiefel sind dabei.Der Schuhberg vor dem Brandenburger Tor war nur der Auftakt einer Reihe von Aktionen. "Wir wollen ein Mahnmal der Schande errichten, das an das Versagen der Uno und der Weltgemeinschaft erinnert", sagt der Initiator. "Die Menschen in Bosnien glaubten uns einst, dass wir sie beschützen." Doch der Westen habe sie ihren Mördern ausgeliefert und verraten.Zunächst soll der Schuhberg im September in Den Haag aufgebaut werden, wo der internationale Kriegsverbrecherprozess gegen den Serbengeneral Karadzic stattfindet. Im nächsten Jahr sollen die Schuhe eingegipst und in zwei Stahlgittergestellen drapiert werden, die die Buchstaben UN bilden. Acht Meter hoch soll die "Säule der Schande" werden und über Srebrenica vom Versagen der Weltgemeinschaft künden. Das Geld für das Denkmal, rund 250 000 Euro, soll übers Internet eingesammelt werden (www.pillarofshame.eu).Auch Asemina Mustafic hat Schuhe ihrer Toten gebracht. Jetzt, sagt sie, sei der Abschied endgültig. "Und das Mahnmal erinnert daran, was mit ihnen geschah."------------------------------Foto: "Wir dürfen bei Genozid nie wieder wegsehen." Philipp Ruch, InitiatorFoto: Vor dem Schuhberg sprach der Mufti der muslimischen Bosnier in Deutschland, Mustafa Efendi Klanco, ein Gebet.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?