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22. Oktober 1983: Die Friedens-Veteranen

Weg mit dem Nato-Doppelbeschluss, keine Pershings und keine Cruise Missiles in Westeuropa, keine SS-20-Raketen in Osteuropa: Die Kundgebung in Bonn am 22. Oktober 1983 war die größte in der Geschichte der alten Bundesrepublik.

Weg mit dem Nato-Doppelbeschluss, keine Pershings und keine Cruise Missiles in Westeuropa, keine SS-20-Raketen in Osteuropa: Die Kundgebung in Bonn am 22. Oktober 1983 war die größte in der Geschichte der alten Bundesrepublik.

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imago/Sommer

BONN -

Das Wetter hat es gut gemeint. Sonnenstrahlen tauchen die Bonner Universität an diesem Herbstwochenende in ein mildes Licht. Familien und Pärchen strömen vom Einkauf aus der City heimwärts, auf der Hofgartenwiese spielen Kinder. Diskutierend ziehen jüngere Menschen vorbei, sie kommen von einer Veranstaltung zum Tag der Vereinten Nationen.

Da fällt eine Gruppe zunächst gar nicht so auf, bis sie dann doch auf etwa 40 Personen anwächst. Blaue Luftballons knattern im Wind, Regenbogenfahnen werden geschwungen, „Pace“ steht drauf, Frieden. Und dann wird gesungen. „Wehrt euch, leistet Widerstand“: gegen die Atomkraft, gegen Volksverräter, gegen das System, die Drahtzieher, die Besatzer. Ein altes Lied der Anti-Atomkraft- und der Friedensbewegung.

Die da singen, wollen sich und andere erinnern: Am 22. Oktober 1983 mobilisierte die westdeutsche Friedensbewegung mehr als eine Million Menschen zu Demonstrationen gegen die Stationierung neuer Atomraketen in Mitteleuropa. Allein nach Bonn kamen an die 500 000, auch in Hamburg und West-Berlin waren Pazifisten auf den Beinen, zwischen Stuttgart und Neu-Ulm spannte sich eine 108 Kilometer lange Menschenkette.

Der ganz harte Kern

Zu diesem Treffen 30 Jahre später hat nur ein sehr harter Kern den Weg gefunden. Jens Jürgen Korff, der alles mühevoll organisiert hat, begrüßt die wenigen treuen Gefährten vor dem Südeingang der Universität. Seine Gefühle schwanken zwischen Frust und Freude.

Korff ist Historiker und Texter. Und Aktivist: in der SPD von 1977 bis 1982, seit 1982 in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN), zwischen 1982 und 1990 in der DKP und bis heute beim BUND, wo er sich besonders um die Stadtbäume kümmert. Zeit und Muße findet Korff auch noch fürs Wandern, Fotografieren, Radfahren und Singen, er ist Standardtänzer, „aktiver Wikipedianer“ und zählte 2005 zu den Initiatoren des ersten autofreien Sonntags in Westfalen. Ein Mann, der nur in der Unruhe seinen Frieden finden kann.

Und nun steht er also im Bonner Hofgarten und ärgert sich, wie wenig heute von damals berichtet wird. „Dabei war diese Demonstration die größte in Deutschland!“ – „In Europa!“, verbessert einer aus der Runde. „Der Weltgeschichte“, witzelt ein Dritter hinterher, wird aber harsch zur Räson gerufen.

Man müsse sich noch einmal vor Augen führen, fährt Korff unbeirrt fort, dass damals eine enorme Angst vor einem Atomkrieg in Europa die Bevölkerung gelähmt habe. Und nun diese öffentliche Missachtung! „Jeder Schützenverein von Posemuckel feiert mit Pomp und Rfftata seine Jubiläen. Und da soll die 30-jährige Wiederkehr des 22. Oktober 1983 unbemerkt verstreichen? Nein!“, ereifert sich Korff.

Bei aller persönlichen Betroffenheit und Verklärung – tatsächlich war der Protest gegen die Nato-„Nachrüstung“ die größte politische Manifestation in der Geschichte der alten Bundesrepublik. Die Friedensbewegung der 1980er-Jahre vereinigte die unterschiedlichsten Gruppen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner: Weg mit dem Nato-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979. Der sah vor, Pershing-Raketen und Cruise Missiles der USA vornehmlich in Westdeutschland zu stationieren, um ein tatsächliches oder vermeintliches Übergewicht sowjetischer SS-20-Raketen auszugleichen. Zugleich bot die Nato ihrem Widersacher im Kalten Krieg, dem Warschauer Pakt, Gespräche über wechselseitige Abrüstung an. Die Verhandlungen kamen jedoch nicht voran – auch weil die Nato es ablehnte, die britischen und französischen Atomwaffen in die Berechnungen des strategischen Gleichgewichts einzubeziehen.

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Jens Jürgen Korff, der mit seinem Palästinensertuch und der von Buttons übersäten Jeans-Jacke wie der pazifistische Gegenentwurf zu einem hochdekorierten russischen Weltkriegsteilnehmer aussieht, zeigt noch einmal die ganz großen Linien der Zeitgeschichte auf. „Wir haben das antisowjetische Ressentiment im Westen aufgebrochen“, ruft er mit zitternder Stimme. Am Ende habe die Friedensbewegung den Russen als Menschen gezeigt – und so die späteren Gespräche erst möglich gemacht.

Eine kurze Pause tritt ein, und Eva Quistorp nutzt sie. Die evangelische Theologin, Gründungsmitglied der Grünen, Aktivistin der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung und 1983 neben Jo Leinen Moderatorin der Bonner Kundgebung, sagt, sie wolle dann doch darauf hinweisen, dass die Friedensbewegung eben nicht nur eine Angst-, sondern auch eine Bürgerrechtsbewegung gewesen sei.

„Wir haben in viele Berufsfelder hineingewirkt“, sagt die hagere Frau, die ihr Haar immer noch lang und offen trägt und mit umfangreicher einschlägiger Literatur ausgerüstet nach Bonn gekommen ist. Auch sie schlägt einen weiten Bogen: über das alternative Europa von unten zu den immensen Kosten für die Atomkraft, über die Globalisierung, den Waffen- und den Drogenhandel bis zur Graswurzelrevolution. Die Ortsgruppen in der Friedensbewegung, die Koordinierungsräte, die linke SPD und die mittlere SPD, die undogmatische Linke – sie alle seien sozusagen umarmt worden von der Bewegung. Und ja, „ich habe mich auch neben CDU-Leute gesetzt“.

Und dann die Koordinierungsarbeit: Hunderttausende Menschen zu mobilisieren, „und das ohne Facebook“. Eva Quistorp lacht laut, und viele in der Runde nicken. In dem Moment platzt einer der blauen Luftballons, und Korff ergreift wieder das Wort. Ach, die sogenannten sozialen Netzwerke: „Ich bin auch über Facebook gegangen“, gesteht er. Das magere Ergebnis stehe ja vor ihm.

So viel Selbstironie und Selbstkritik sind unter den in Bonn wieder vereinten Pazifisten nicht unbedingt weit verbreitet. Natürlich redet man über „Irrtümer“: Korff gibt zu, man habe sicherlich zu oft und überall nur Kriegsgefahr verspürt. Auch der undifferenzierte Blick auf den Ostblock sei kein Ruhmesblatt gewesen. „Die DKP hat hier keine Kritik zugelassen“, ergänzt Jürgen-Bernd Runge.

Er hat fünf Tage nach der Hofgarten-Kundgebung die Blockade des Verteidigungsministeriums auf der Hardthöhe durch eine Mauer aus Kriegsspielzeug mitorganisiert. Was er von damals erzählt, klingt heute noch beängstigend: Welche Angst man vor einem „Agent provocateur“ hatte. Wie die Verhandlungen mit den Innenministern des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen seinerzeit abliefen. Das Deeskalationstraining, das sie absolvierten. Am Ende ging alles gut: Hardthöhe blockiert, kein Verräter in den eigen Reihen.

„Hopp, hopp, hopp, Atomraketenstopp!“

Beim Stichwort Verrat kommen die Friedens-Veteranen auf Willy Brandt und Helmut Schmidt zu sprechen. Schmidt war einer der geistigen Väter des Nato-Doppelbeschlusses, konnte sich als Befürworter der Raketen-Stationierung aber nicht mehr gegen die Mehrheit in seiner eigenen Partei durchsetzen. Brandt zählte zu den entschiedenen Gegnern.

Dass er in Bonn vor der Friedensbewegung auftrat, grenzte in den Augen der Grünen, die ein Kind der Friedensbewegung waren, gleichwohl an Verrat: Er gehöre mit seiner ambivalenten Haltung zur Nato nicht wirklich zur Bewegung, gab ihm vor allem Petra Kelly zu verstehen.

Eva Quistorp ist noch heute erregt, wenn sie sich an die „starke Spannung“ zwischen den beiden erinnert: Brandt habe nervös an einer Cola herumgeknibbelt, neben ihm habe Kelly gestanden mit fast kniehohen Stiefeln, quasi als Symbol ihrer Kampfbereitschaft. „Und dazwischen ich als Öko-Feministin.“

Die Geschichte verlief letztlich anders, als es sich die Friedensbewegten vor 30 Jahren erhofften. Die Raketen wurden stationiert, Helmut Kohl ätzte: „Die demonstrieren, wir regieren“, und ein paar Jahre später löste sich die Sowjetunion auf, was zumindest die Kommunisten in der Friedensbewegung gewiss nicht so gewollt hatten. Der Pazifismus als breite politische Bewegung verebbte. Korff trauert ein bisschen: „Petra Kelly und Gerd Bastian, das wären zwei Galionsfiguren gewesen. Ihr Tod hat alles ausgelöscht.“

Aber die Völkerschlacht!

So bleibt den Aufrechten an diesem Abend nur die Erinnerung und der Gesang. Anders als die Kriegsveteranen haben sie kein Ehrenmal, an denen sie einen Kranz für ihre Helden niederlegen könnten. „Aber die Völkerschlacht bei Leipzig von 1813 wird nachgestellt“, lästert einer. Noch einmal wird „hopp, hopp, hopp, Atomraketenstopp“ skandiert, und dann geht es in den „Cassiusgarten“, ein Vollwertrestaurant. Dort spielt Klaus der Geiger mit seinem Gitarristen Herrmann-Josef Wolf auf, sie singen von „Oma Else, die baut Haschisch an, auf dem Grab vom Ehemann“.

So wird es trotz alledem noch fröhlich. Als Wolf seine Gitarre einpackt, trällert er mehr so für sich Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“. Und mit den Zeilen „dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war“, schlurft er zum Bahnhof.