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Berliner Zeitung | 25 Jahre Friedliche Revolution: Mehr Aufmerksamkeit für ostdeutsche Identitäten
09. October 2014
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25 Jahre Friedliche Revolution: Mehr Aufmerksamkeit für ostdeutsche Identitäten

Jeses Jahr erinnern tausende Leipziger auf dem Nikolaikirchhof an die friedliche Revolution im Herbst 1989.

Jeses Jahr erinnern tausende Leipziger auf dem Nikolaikirchhof an die friedliche Revolution im Herbst 1989.

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imago stock&people

Heute jährt sich der entscheidende Tag der neuen deutschen Geschichte zum 25. Mal: Die Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Über 70.000 Menschen haben an diesem Tag ihre Angst überwunden und sind trotz riesigen Polizeiaufgebots und massiver Warnungen in den Betrieben in die Leipziger Innenstadt gezogen. Auch Kathrin Mahler Walther war damals unter den Demonstranten. Das SED-Regime war von der Größe des Protestes überwältigt und griff nicht ein.

In den Wochen danach begannen überall im Land Dialoge, wurden Runde Tische gegründet. Ohne den 9. Oktober in Leipzig hätte es den 9. November in Berlin nicht gegeben und auch nicht den 3. Oktober 1990. 25 Jahre später ist vieles zusammengewachsen und vieles auch nicht. Ost- und westdeutsche Identitäten sind ein wichtiger und oft zu wenig beachteter Teil der Vielfalt in Deutschland. In ihrem Gastbeitrag plädiert unsere Autorin für mehr Aufmerksamkeit für ostdeutsche Identitäten.

Kürzlich saß ich mit den Kolleginnen und Kollegen beim Mittagessen und wir erzählten über dies und das. Irgendwie landeten wir bei „Lotta aus der Krachmacherstraße“. In diesem Moment fühlte ich mich aus dem Gespräch ausgeschlossen. „Ich bin nicht Astrid-Lindgren-sozialisiert“ warf ich ein. Ich bin mit den Geschichten von Benno Pludra und Alexander Wolkow aufgewachsen, mit Ottokar Domma und Alfons Zitterbacke. „Ach stimmt ja“, fiel den es den anderen ein. Da wächst Deutschland nun seit 25 Jahren (wieder) zusammen, doch diese Unterschiede dauern fort und werden bestehen bleiben zwischen Menschen, die in den unterschiedlichen Teilen Deutschlands sozialisiert wurden.

Lange war ich damit beschäftigt, anzukommen in diesem Land, heimisch zu werden, alles neu zu lernen und zu verstehen, wie die Dinge hier laufen. Selten habe ich darauf hingewiesen, dass ich aus einer anderen Welt komme, ich wollte mich assimilieren und da war das Neue wichtig, nicht das Alte und Verworfene. Ich wollte dazu gehören, mich sicher fühlen in der eigenen Verortung.

Erst spät, als dieses Gefühl Fuß gefasst hatte, habe ich begonnen, auch manchmal über das Andere zu reden, dass mich ausmacht und das für mich auch Teil von Heimat ist. Heute kenne ich die großen Linien der Ereignisse und Bewegungen in Westdeutschland, aber ich trage auch die Kultur- und Sozialgeschichte Ostdeutschlands in mir. Ich bin mit anderen (Kindheits-)Held/innen aufgewachsen und mit anderen Selbstverständlichkeiten.

Es geht mir dabei nicht um Verklärung. Im Gegenteil, gerade das schmerzhafte Erkennen dessen, wo das System negative Spuren in mir hinterlassen hat, ist Teil des Erinnerns. Aber dieser Erkennungsprozess ist nur möglich, wenn ich meine Geschichte und mein Prägung nicht ignoriere. Doch der Raum für offenes und selbstverständliches Reden über Aufwachsen und Leben in der DDR ist oft begrenzt: Auf Klischees wie „Stasi“, auf „Täter“ und auf „Opfer“. Schnell wird man gefordert, sich zu positionieren – bei den „Guten“ oder den „Bösen“, obgleich das so einfach nur selten zu beantworten ist.

Wenn ich heute die Zeitung lese, auf Konferenzen bin, ein Schulbuch zur Geschichte Deutschlands aufschlage, dann wird in der historischen Linie immer der Bezug zu Westdeutschland gesetzt. „Wir dürfen nicht vergessen, bis in die 1970er Jahre hinein durften Frauen nicht ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns arbeiten gehen, das prägt.“, so hörte ich kürzlich in einem Vortrag. Ja, denke ich, aber nicht in meiner Welt. In dieser sind Frauen mit der größten Selbstverständlichkeit einer eigenen Berufstätigkeit nachgegangen und ihre finanzielle Unabhängigkeit war ein unumstrittener Grundwert.

Das eröffnete Handlungsspielräume, führte zu ökonomischer Selbständigkeit und ermöglichte Begegnung auf Augenhöhe - jenseits traditioneller Machtsymmetrien im Geschlechterverhältnis, wie sie für Westdeutschland üblich waren und immer noch sind. Diese kulturellen Muster wirken in den ostdeutschen Bundesländern bis heute fort: Frauen sind häufiger und in größerem zeitlichen Umfang berufstätig und öfter in Führungspositionen als im Westen Deutschlands. Dass Frauen Beruf und Familie, Karriere und Kinder vereinbaren, wird im Osten als Selbstverständlichkeit gesehen, während sich im Westen der „Rabenmutter“-Vorwurf hartnäckig hält.

„Blühende Landschaften“, die weiter schrumpfen

Manchmal habe ich den Eindruck, man will auf Teufel komm raus ostdeutsche Spezifika übertünchen. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln untersuchte unlängst das Armutsrisiko in Deutschland. Es sei in Städten deutlich größer als auf dem Land und diese Differenz liege höher als die Differenz der Einkommen zwischen Ost und West. Sie sei daher die eigentlich relevante Größe für den Blick auf Deutschland. Wenn man aber Ost und West betrachte, dann müsse man relativieren, die nominal zwar hohen Einkommensunterschiede zwischen Ost und West seien real deutlich niedriger aufgrund geringerer Lebenshaltungskosten.

Natürlich gibt es Entwicklungsprozesse in allen Bundesländern, natürlich hat sich die Bundesrepublik in den letzten 25 Jahren verändert. Ja - es gibt auch im alten Westdeutschland arme Regionen und im Osten starke Städte. Doch egal, zu welchem Thema wir uns die bunt eingefärbten Landkarten neuer Studien ansehen – der Osten ist immer deutlich als Region unterscheidbar vom Westen. Während sich z.B. hohe Arbeitslosenquoten dort auf einige Gegenden konzentrieren, durchziehen sie im Osten ganze „blühende Landschaften“ – die weiter schrumpfen.

Der prognostizierte Bevölkerungsrückgang in den ostdeutschen Bundesländern liegt bei 28 Prozent bis 2050, für die westdeutschen Bundesländer ist er halb so hoch (Institut für Mittelstandsforschung 2008). Das laut Institut der deutschen Wirtschaft nicht so problematische niedrige Nominaleinkommen impliziert problematische Folgen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung: Ostdeutschland müsse es künftig gelingen, Arbeitskräfte aus dem Westen anzuwerben, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Doch dazu müssen „die Löhne in Größenordnungen steigen. Die Lebensqualität muss gut sein.“ so Mirko Wesling, Autor einer Studie der Bundesagentur für Arbeit im Mai dieses Jahres in der Zeit.

Die Entwicklung im Osten ist wichtig für die Entwicklungsmöglichkeiten Gesamtdeutschlands. Wer sich das klar macht, der versteht, warum der Länderfinanzausgleich wichtiges Instrument für die Gestaltung des gemeinsamen Deutschlands ist. Die Unterschiede bleiben auch für nachfolgende Generationen relevant, weil die ökonomische Situation nicht nur vom Einkommen, sondern auch vom Vermögen determiniert wird. Und das ist mit 41.000 Euro unter Ostdeutschen nicht mal halb so hoch wie unter Westdeutschen mit durchschnittlich 94.000 Euro (DIW 2014). Entsprechend fällt auch der Nachlass geringer aus. Es bleibt eine wichtige Zukunftsaufgabe, die spezifischen Entwicklungen im Osten und im Westen wahrzunehmen und darauf zu reagieren – ohne sie gegeneinander auszuspielen.

Es gibt noch eine Menge zu tun

Nur die Hälfte der Deutschen kennt die Bedeutung des 13. August 1961, des Jahrestages des Mauerbaus, so zeigte eine Studie der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Sommer dieses Jahres. Unter der jüngeren Generation sind es noch weniger. Kein Wunder – im Geschichtsunterricht, so bekomme ich oft zu hören, kommt die DDR quasi nicht vor. Die heute in Westdeutschland Aufwachsenden lernen nichts über Geschichte, Leben und Revolution in der DDR, auch hier ist ungebrochen die westdeutsche Geschichtsschreibung an der Tagesordnung.

Durch das stetige Nichtbeachten wirkt die DDR wie nicht existent, sie ist in den Köpfen einfach nicht repräsentiert. Wohl aber in den Köpfen derer, die selbst in der DDR lebten oder deren Großeltern und Eltern diese Familiengeschichte weiter geben. So müssen Menschen mit ostdeutscher Sozialisationsgeschichte immer wieder auf Verschiedenheiten hinweisen. Das ist mühsam und es ist oft unangenehm, sich selbst in gewisser Weise dadurch auszugrenzen, indem man das Anderssein benennt.

„Für ein offenes Land mit freien Menschen“, so forderte eines der ersten Transparente im Leipziger Herbst 89. Da gibt es gemeinsam noch eine Menge zu tun. Denn offen – das heißt auch offen für Anderes, offen für die Vielfalt in unserem Land, offen dafür, dass „deutsch sein“ vielfältige Identitäten impliziert – dass es die in Westdeutschland und die in Ostdeutschland Aufgewachsenen, die Familien mit Vertreibungsgeschichten, die aus Südeuropa stammenden Gastarbeiter und viele andere umfasst. Und dass innerhalb dieser Kategorien vielfältige, sich mischende Identitäten versammelt sind. Wenn Vielfalt nicht nur im Nebeneinander sondern im Miteinander gelebt werden soll, dann gilt es, zu differenzieren, sich Zeit zu nehmen, um genau hinzusehen und nicht alles im vermeintlichen Konsens untergehen zu lassen.

Im Herbst 89 haben viele Frauen und Männer in Ostdeutschland große Stärke bewiesen. Sie haben ihre Angst überwunden, sind zu Tausenden auf die Straßen gegangen und haben sich selbst befreit. Das war keine „Wende“, was da passierte, auch wenn der Vater dieses unsäglichen Wortes, Egon Krenz, sich das damals gewünscht hätte. Es war eine Revolution und so sollten wir sie auch nennen. Das wäre der erste Schritt zu Sichtbarkeit und Wertschätzung von ostdeutschen Identitäten. 

Die Autorin: Kathrin Mahler Walther, geb. 1970 in Leipzig, gehörte seit 1987 zur Leipziger und DDR-weiten Bürgerrechtsbewegung. Heute ist sie Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der EAF Berlin und setzt sich für Vielfalt und Chancengleichheit in Politik und Wirtschaft ein.