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Absturz in der Ostukraine: Vier Deutsche sterben bei Flugzeugabsturz

Flug MH17 beim Abflug aus Amsterdam

Flug MH17 beim Abflug aus Amsterdam

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AFP

Donezk/Kiew -

Rauchsäulen im Abendhimmel, brennende Wrackteile, verstümmelte Leichen, weit verstreut in einem Umkreis von fast 15 Kilometern. So beschreiben Augenzeugen am Donnerstagabend die dramatischen Szenen zwischen den Ortschaften Grabovo und Schachtarsk im umkämpften Osten der Ukraine. Die blutige Krise dort spitzte sich am Nachmittag auf tragische Weise erneut zu. Eine malaysische Passagiermaschine stürzte in der Region ab, in der seit Monaten heftige Gefechte zwischen prorussischen Milizen und Regierungstruppen toben, und zerschellte am Boden.

An Bord der Boeing 777 der Malaysia Airlines, die sich auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur befand, waren 295 Menschen. Auf einer Pressekonferenz am Abend teilten die Betreiber des Amsterdamer Flughafens mit, 154 Passagiere seien Niederländer gewesen. Vier Insassen waren demnach Deutsche, 27 Australier, 23 stammten aus Malaysia, 6 aus Großbritannien und etwa 20 aus den USA. Sie seien alle bei dem Absturz aus 10.000 Metern Höhe ums Leben gekommen.

Sofort wurden Vermutungen laut, die Boeing sei in dem Kampfgebiet von einer Rakete getroffen worden. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko gab diesen Spekulationen Nahrung. Es handele sich „nicht um einen Zwischenfall, sondern um einen terroristischen Akt“. Die Schuldigen müssten bestraft werden, forderte er. Am Abend behaupteten auch US-Geheimdienstexperten, man gehe „stark davon aus“, dass die Maschine von einer Boden-Luft-Rakete getroffen wurde.

Ein Experte des ukrainischen Innenministeriums äußerte sich detaillierter. Er behauptete, die todbringende Rakete sei von einem Buk-Flugabwehrsystem sowjetischen Typs abgefeuert worden. Bei diesen Waffen wird ein radargesteuerter Sprengkopf in der unmittelbaren Nähe eines fliegenden Objekts zur Explosion gebracht. Das Ziel wird regelrecht durchsiebt. Beweise für diese Version gab es am Donnerstagabend allerdings nicht.

Gegenseitige Vorwürfe

Schnelle Klarheit über den Hergang der Katastrophe wird es kaum geben. Erste Retter und Experten drangen kurz vor Einbruch der Dunkelheit in die umkämpfte Region vor, die von den Aufständischen kontrolliert wird. Der Flugschreiber soll sich in ihren Händen befinden. Die Absturzstelle liegt rund 80 Kilometer östlich von Donezk.

Die Orte Grabowo und Schachtarsk, in deren Umkreis die Trümmer niedergingen, sind nicht weit von der Kleinstadt Snischne entfernt, wo am Dienstag eine Rakete ein Wohnhaus zerstört und elf Menschen getötet hatte. Die Ukraine hatte das russische Militär der Täterschaft beschuldigt.

Angesichts der wachsenden Kriegsgefahr wurde die menschliche Tragödie von Flug MH17 am Donnerstagabend fast zur Nebensache – und auch die tragische Fügung, dass das Unglück ausgerechnet Malaysia Airlines traf, deren Flug MH 370 seit März als verschollen gilt. Die Katastrophenmeldung reihte sich am Donnerstag an weitere dramatische Nachrichten aus dem Krisengebiet, die Spekulationen über einen Abschuss des zivilen Flugzeugs anheizten.

Am Mittag hatte der Nationale Sicherheitsrat (SNBO) in Kiew der russischen Luftwaffe vorgeworfen, einen ukrainischen Kampfjet vom Typ Suchoj SU-25 über ukrainischem Territorium abgeschossen und damit einen kriegerischen Akt begangen zu haben. Präsident Poroschenko wies die Sicherheitskräfte an, auf den Angriff zu reagieren. Genauere Angaben zu einer möglichen Reaktion machte das Präsidialamt nicht.

Die russische Regierung wies die Darstellung als absurd zurück. Völlig unstrittig ist, dass sich die von Russland unterstützten Aufständischen seit Tagen mit den ukrainischen Truppen heftige Gefechte liefern, bei denen auf beiden Seiten Raketen zum Einsatz kommen.

Die Zuspitzung kommt zu einem Zeitpunkt, in dem sich Bewegung im Ukraine-Konflikt abzeichnete. Ursprünglich wollte die Kiewer Regierung am Donnerstagabend einen weiteren Versuch unternehmen, mit den Separatisten in einer Videokonferenz Verhandlungen anzubahnen. Ein Gesprächsversuch am Dienstag war gescheitert. Zugeschaltet werden sollten Vertreter Russlands und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die Meldungen über den Flugzeugabsturz dürften aber eine völlig neue Lage schaffen. Zumindest einem kurzzeitigen Waffenstillstand stimmten die Separatisten am Donnerstagabend zu.