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Ärzte drängen Patienten immer öfter zu Selbstzahlerleistungen. Die Kassen wollen das erschweren: Die Igel-Plage stoppen

BERLIN. Noch eine extrakorporale Stoßwellentherapie für 380 Euro gefällig oder doch lieber der "Manager-Check" für 650 Euro? In vielen Arztpraxen geht es heute zu wie auf einem Basar. Mit Verkaufsargumenten wie "Ihre Gesundheit wird Ihnen das doch wohl wert sein?" oder "Sie müssen ja nicht, aber denken Sie an die möglichen Folgen!" werden die gesetzlich Versicherten immer stärker von den Ärzten bedrängt, sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) in Anspruch zu nehmen. Das sind häufig fragwürdige Angebote, die aus Sicht der Mediziner jedoch einen entscheidenden Vorteil haben: Die Versicherten müssen sie aus eigener Tasche zahlen und zwar direkt an den Arzt. Die gesetzlichen Kassen wollen die Entwicklung allerdings nicht länger hinnehmen und fordern Gesetzesänderungen.Der Nutzen ist fragwürdig"Bei den sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen geht es vorrangig um Umsatz und Gewinn der Ärzte und nicht um medizinische Hilfe für Kranke", sagte Gernot Kiefer, Vorstand im Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung, der Berliner Zeitung. Die Igel-Angebote seien mehrheitlich nutzlos und damit überflüssig. "Es widerspricht dem ärztlichen Ethos, kranken Menschen fragwürdige Leistungen unterzujubeln", kritisierte Kiefer: "Wir müssen dem einen Riegel vorschieben."Die Krankenkassen fordern daher, das Angebot von individuellen Gesundheitsleistungen zu beschränken, und zwar durch das von der schwarz-gelben Koalition geplante Gesetz zur Stärkung der Patientenrechte. Konkret verlangt der Spitzenverband, dass die Patienten ein Igel-Angebot erst nach einer 24-stündigen "Einwilligungssperrfrist" annehmen dürfen. Außerdem fordert der Verband einen schriftlichen Behandlungsvertrag, wobei der Arzt vorher über Vor- und Nachteile und Alternativen aufklären muss."Es kann nicht sein, dass es bei jedem Haustürgeschäft mit Staubsaugern eine Widerspruchsfrist gibt, aber bei medizinischen Behandlungen nicht", sagte Kiefer. Gehe ein Patient wegen eines Gesundheitsproblems zu einem Arzt, dann befinde er sich in einer besonders verletzlichen Situation, argumentierte er. "Wenn ein Arzt dann eine bestimmte Behandlung vorschlägt, handelt es sich nicht um Verhandlungspartner auf gleicher Augenhöhe", so Kiefer. Es bestehe die Sorge, dass die Qualität der ärztlichen Beratung unter deren wirtschaftlichem Interesse an Igel-Angeboten leide. "Der Patient kann für sich nur sehr schwer entscheiden, welche Bedeutung und Konsequenz eine zusätzliche Diagnostik und Therapie auf eigene Kosten hat." Eine Ablehnung des Angebots werde häufig durch die Angst der Patienten erschwert, ansonsten schlechter behandelt zu werden. Nur in den Fällen, wo der Patient ausdrücklich nach Igel-Angeboten fragt, soll die 24-Stunden-Frist nicht gelten.Der Umsatz mit Igel-Angeboten ist seit 2008 um rund 50 Prozent auf etwa 1,5 Milliarden Euro jährlich gestiegen. Die häufigsten Leistungen sind das Glaukom-Screening auf Grünen Star und der vaginale Ultraschall auf Eierstock- und Gebärmutterkrebs. Wissenschaftliche Studien, die einen Nutzen belegen, gibt es nicht. Viele Untersuchungen führen im Gegenteil zu falschen Befunden und zu unnötigen Eingriffen. Ex-Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hatte daher seine Kollegen ermahnt: "Wir sind keine Kaufleute und die Patienten keine Kunden. Patienten müssen bedingungslos auf ärztliche Professionalität und Fürsorge vertrauen können."Patientenrechte stärkenDer Spitzenverband fordert zudem, in dem Patientenrechtegesetz auch die Stellung der Versicherten bei Behandlungsfehlern zu stärken. Sobald sich herausstellt, dass die Dokumentation einer Behandlung fehlerhaft oder unvollständig ist, soll es zu einer Beweislastumkehr kommen. Dann muss nicht mehr der Patient nachweisen, dass der Schaden durch einen Behandlungsfehler verursacht wurde. Vielmehr muss die ärztliche Seite beweisen, dass es keinen Zusammenhang gibt. Diese Beweislastumkehr soll auch dann gelten, wenn Patienten die Herausgabe von wichtigen Unterlagen verweigert wird. Nach Angaben von Kiefer schaffen es aus diesem Grund bisher viele Betroffene nicht, ihre Rechte durchzusetzen.Die Kassen fordern darüber hinaus, die Patientenrechte gegenüber den Arzneimittelherstellern zu verbessern. "Von Pharmaunternehmen finanzierte Studien stellen den therapeutischen Nutzen eines Arzneimittels häufig zu positiv dar und verschweigen Risiken", heißt es im Positionspapier des Verbandes zum Patientenrechtegesetz. Die Kassen verlangen daher, dass alle Studienprotokolle und Ergebnisse veröffentlicht werden, um so das Zurückhalten von Informationen über gefährliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu verhindern.------------------------------Mehr als jeder Vierte erhält AngeboteZunahme: Patienten werden von den Ärzten immer häufiger Igel-Angebote unterbreitet. Wurden im Jahr 2004 noch 8,9 Prozent der Patienten diese privat zu zahlenden Leistungen nahegelegt, stieg der Anteil bis 2010 auf 28,3 Prozent, wie das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen (Wido) erhoben hat.Angebotsgetrieben: Bei Leistungen wie Glaukomvorsorgeuntersuchungen, ergänzenden Krebsfrüherkennungsuntersuchungen bei der Frau oder Ultraschalluntersuchungen geht die Initiative laut Wido in rund 80 Prozent der Fälle von den Ärzten aus. Nur Leistungen, die stark beworben werden, wie Hautkrebsvorsorge oder kosmetischen Leistungen, fragten Patienten selbst nach.Ärzte: Am häufigsten bieten laut Studie Frauenärzte, Allgemeinmediziner und Augenärzte Igel an.------------------------------Grafik: Häufigste individuelle GesundheitsleistungenFoto: Augenärzte gehören zu den häufigsten Anbietern von sogenannten "individuellen Gesundheitsleistungen", kurz: Igel.



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