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Ahmadiyya-Gemeinde in Leipzig: AfD mobilisiert gegen Moschee-Bau

Vor einigen Jahren waren es noch Anhänger der islamfeindlichen und rechtspopulistischen Partei Pro Deutschland, die gegen den Neubau von Moscheen demonstrierten (Archivbild von 2012).

Vor einigen Jahren waren es noch Anhänger der islamfeindlichen und rechtspopulistischen Partei Pro Deutschland, die gegen den Neubau von Moscheen demonstrierten (Archivbild von 2012).

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imago stock&people

Massiv ragt die katholische Propsteikirche am Leipziger Innenstadtring empor, ihr Turm ist fast 50 Meter hoch. Die fensterlose Fassade ist mit rotbraunem Stein verkleidet. Im Mai kommenden Jahres soll der größte Kirchenneubau Ostdeutschlands geweiht werden. In Leipzig regt das kaum jemanden auf.

Dafür löst ein anderes Gotteshaus, obwohl noch gar nicht gebaut, seit Monaten Streit in der Stadt aus. Im Stadtteil Gohlis will die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde eine Moschee für ihre 60 Mitglieder errichten – drei Stockwerke, zwei Gebetsräume, getrennt nach Männern und Frauen, eine Wohnung für den Imam, zwei Zierminarette, nicht begehbar. Details des Moschee-Neubaus – einem der ersten in den ostdeutschen Ländern – soll ein Architektenwettbewerb klären.

60 Gläubige – das klingt nicht nach viel. Doch die Leipziger Gemeinde ist damit die größte der Ahmadiyya-Bewegung im Osten außerhalb Berlins. Der Ruf des Muezzins übrigens wird nur im Haus zu hören sein und nicht über die Häuser tönen.

Schweineköpfe aufgespießt

Dennoch brach ein Sturm der Empörung los, als die Pläne Ende vergangenen Jahres bekannt wurden. Anwohner im gutbürgerlichen Gohlis sorgten sich um Parkplätze. Eltern fürchteten, dass hier und in rund um die nahe Grundschule künftig Drogen verkauft würden.

Alte Menschen ängstigen sich, weil annehmen, dass die Kriminalität zunehmen wird. Die Stadtverwaltung lud erst zu einer Bürgerversammlung, um Druck aus der Debatte zunehmen, als Neonazis schon Protest-Flugblätter verteilt und das Thema okkupiert hatten.

Kurz vor dem Jahreswechsel erreichte der Protest ein nie gekanntes Niveau: Unbekannte spießten blutige Schweineköpfe auf Holzpfähle und verunglimpften so den muslimischen Glauben.Danach wurde es ruhiger. Bis die Stadtverwaltung jetzt eine Bauvoranfrage der muslimischen Gemeinde positiv beschied. Das ist in Sachen Baugenehmigung schon die halbe Miete. Seitdem streitet Leipzig wieder, ganz vorne dabei: die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD).

Uwe Wurlitzer sitzt in einem kargen Büro am Rand der Leipziger Innenstadt. Er trägt ein blaues Polo-Shirt mit dem AfD-Parteilogo auf der Brust und setzt eine selbstzufriedene Miene auf. „Endlich werden wir wieder gehört“, sagt der Leipziger Kreisvorsitzende und Generalsekretär der Sachsen-AfD.

Um wenig später zu beklagen, dass die Medien seine Partei nun wieder als rechtspopulistisch diffamieren werden. Dabei wolle die AfD doch nur einen Bürgerentscheid über den Moschee-Neubau. Wurlitzer, 39, betont mehrfach, er habe nichts gegen Muslime. „Aber die Moschee wird definitiv das Stadtbild verändern. Darüber sollte man die Bürger entscheiden lassen.“

Said Ahmed Arif entlockt das nur ein Lächeln. Das soll heißen: mal abwarten, was daraus wird. „Wir versuchen, Brücken zu bauen“, sagt der junge Imam in den Gebetsräumen der Ahmadiyya-Gemeinde im Leipziger Osten. Trotz alledem. Trotz rechtsextremer Flugblätter.

Trotz aufgespießter Schweineköpfe. Trotz der Forderung der AfD. Arif, 28, erzählt, dass er Neugierige aus der Nachbarschaft auch mal zum Kaffeetrinken einlädt. Er würde das gerne öfter tun. Aber es mangele an Neugierigen. Die AfD hat noch nicht geklingelt.

Seit 1991 gibt es die Gemeinde in Leipzig. Nun wollen sie „raus aus den Hinterhöfen und in der Gesellschaft ankommen“, wie Arif es ausdrückt. Raus aus der Dreiraumwohnung im dritten Stock einer Mietskaserne, die schlicht zu klein ist. Im Zimmer neben der Küche liegen Läufer gen Osten ausgerichtet – das ist der Gebetsraum der Männer. In den beiden anderen Zimmern stehen Sofas und Couchtische. In einem davon beten bei Bedarf die weiblichen Gemeindemitglieder. „Wenn alle kommen, zum Beispiel zum muslimischen Opferfest, dann haben wir ein Problem“, sagt Arif.

Mit ihrem Ruf nach einem Bürgerentscheid kann sich die AfD des Beifalls von Moschee-Gegnern sicher sein, auch von radikalen. Die rechtsextreme NPD hat bereits weiteren Widerstand angekündigt. Schon im Frühjahr hatte eine Bürgerinitiative 11.000 Unterschriften gegen den Bau gesammelt – Ausdruck einer diffusen Mischung aus offenem Fremdenhass, für den die NPD im Landtagswahlkampf den Slogan „Moschee? Nee!“ geprägt hat, und eines Unbehagens vieler Bürger, das sich aus Unwissenheit speist.

Dabei geht es beileibe nicht nur um Parkplätze. Es gehe um die Angst, eine „andere Kultur übergestülpt“ zu bekommen. So sagt es Petra Kramer. Sie ist Projektleiterin im Gohliser Bürgerverein, der sich für die Moschee einsetzt. Reihenweise haben Anwohner vor ihrem Schreibtisch gestanden, als die Baupläne bekannt geworden waren. „Die meisten haben Angst vor allem, was fremd ist.“

Und dann die ständigen Nachrichten über Gräueltaten angeblich im Namen des Islam, über eine Scharia-Polizei, die die strenge Einhaltung islamischer Gesetze – beispielsweise des Alkoholverbots – überwacht. Für Muslime wie Said Ahmed Arif machen solche Geschichten das Ausräumen von Vorurteilen gegen seinen Glauben nicht leichter.

„Da liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns.“ Dabei wissen die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde selbst nur zu gut, was Terror bedeutet. Die meisten von ihnen mussten aus Pakistan fliehen, wo sie ihre spezielle reformorientierte Glaubensrichtung nicht ausüben konnten.

Mit Hilfe von Petra Kramer und dem Bürgerverein hat sich eine Bewegung gegen die Proteste formiert. Unter dem Motto „Dialoge für Gohlis“ haben sie Christen und Muslime, Bauherren und Anwohner an einen Tisch gebracht – und am Ende 5000 Unterschriften für die Moschee gesammelt. „Ich verstehe die Ängste“, sagt Petra Kramer, 52, „aber für mich ist die Moschee eine Bereicherung.“ Das Leben im Stadtteil werde so bunter.

Bürgerentscheid nicht möglich

Den 5000 Stimmen pro Moschee stehen die 11.000 kontra gegenüber, gesammelt von der Bürgerinitiative „Gohlis sagt nein“. Wer dahinter steckt, ist unklar. Auf der Facebook-Seite der Initiative ist auch schon mal von einer „zunehmenden Islamisierung“ Leipzigs die Rede. In mehreren Beträgen wird dort auf die NPD verwiesen. Ein Anfrage dieser Zeitung ließ „Gohlis sagt nein“ ebenso unbeantwortet wie einen eingereichten Katalog von Fragen.

Und die AfD? Nach ihrer Logik hätten die Leipziger auch über den Neubau der katholischen Propsteikirche bestimmen müssen; der greift ebenso in das Stadtbild ein. Allerdings war die AfD noch nicht aktiv, als der Kirchenbau genehmigt wurde. Er hätte sich eine Befragung gewünscht, sagt Kreischef Uwe Wurlitzer ausweichend. Aber die Frage stelle sich nicht.

Sie stellt sich allerdings auch nicht im Fall der Moschee. Ein Bürgerentscheid ist nach Angaben der Stadt gar nicht möglich, da weder der Stadtrat noch an seiner Stelle die Bürger über eine Baugenehmigung befinden könnten. Das sei Sache der Verwaltung. Die AfD will jetzt ihre Juristen bemühen.

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