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Berliner Zeitung | Alexander Solschenizyn versucht sich an der Geschichte der Juden in der Sowjetunion: Reue wäre der sauberste Weg
07. October 2003
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Alexander Solschenizyn versucht sich an der Geschichte der Juden in der Sowjetunion: Reue wäre der sauberste Weg

Alexander Solschenizyn gilt zu Recht als einer der größten Schriftsteller unserer Zeit. Er wird als das christliche Gewissen Russlands mit monarchistischen Neigungen betrachtet. Seine Bücher haben den Niedergang des unmenschlichen sowjetischen Regimes beschleunigt. Im Juni 2001 erschien der erste Band seines ersten historischen Werkes "Zweihundert Jahre zusammen": Die russisch-jüdische Geschichte 1795-1916. Der nun erschienene zweite Band behandelt die russisch-jüdischen Beziehungen zwischen 1917 und den siebziger Jahren. Die Perspektive ist klar: Es sind die Juden, die nach Meinung des Autors am Unglück Russlands schuld sind. Wie im ersten Band fehlen auch hier Materialien aus den nun zugänglichen Archiven. Der Autor benutzt fast ausschließlich russische Sekundärquellen, wie Zitate aus russisch-jüdischen Zeitschriften in Israel (oft das Journal "22") und jüdische Enzyklopädien, darunter die obsolete, bereits 1906-1913 in Petersburg erschienene "Jewrejskaja Enzyklopedia". Forschungen westlicher Historiker über Russland und die Juden, wie Pipes, Haberer, Klier, Löwe, Heller, Vaksberg und Redlich sind ihm offenbar unbekannt. Die 17-seitige Einführung, mit fast einhundert Zitaten meist jüdischer Autoren, ist der Frage gewidmet, wer Jude ist. Einer von ihnen, E. Norden, ist der Meinung, dass die einzig mögliche Vorgehensweise sei, jene als Juden anzusehen, "die sich als Juden betrachten". Hätte sich der Autor an diese Definition gehalten, dann hätte er sich die Hälfte seines Buches sparen können. Denn nicht nur übergeht er die Tatsache, dass es nicht Juden waren, die Revolution und Marxismus nach Russland importierten - es waren Plechanow, Krapotkin, Struve und Lenin, alles geborene Christen, die das revolutionäre Geschehen organisiert haben. Sondern er nennt im Personenregister über eintausend Namen von Juden, die mit dem sowjetischen Regime und dessen Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Wer aber waren diese kommunistischen Übeltäter? Es waren atheistische Apostaten jüdischer Abstammung, die sich für Russen oder Internationalisten hielten, sich mit den Juden nicht identifizierten und sich nie als solche betrachteten. Sie waren zunächst eine winzige Minderheit: Bei den ersten freien Wahlen zum Jüdischen Kongress in Russland 1917 erhielten die Zionisten 60% der Stimmen. Bis zum Jahr 1917 gehörten nur 964 Juden der bolschewistischen Partei an, bei insgesamt 23 600 Mitgliedern. 1917 kamen 2 182 hinzu. Tausende von Juden kämpften aber bis zum Oktober-Umsturz, oft auch danach, als Mitglieder der demokratischen Parteien - als Kadetten, Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Bundisten, Folkisten, Zionisten - gegen die bolschewistische Diktatur. Sie haben das mit hohen Strafen, der Verbannung und oft mit dem Tod bezahlt. Es waren zwar hauptsächlich Russen, die die Revolution entfesselten, aber nach Solschenizyns Meinung haben die Juden am meisten von ihr profitiert. Nun gab es für Juden gute Gründe, sich für die Sowjetmacht zu engagieren, denn der Sieg der weißgardistischen Armeen im Bürgerkrieg hätte die Vernichtung des russischen Judentums bedeutet. Da aber die Juden meist Kleinhändler und Handwerker und somit Nichtproletarier waren, zählten Hunderttausende von ihnen nach der Revolution zur untersten Paria-Klasse der "Lischenzy", die kein Wahlrecht hatten, nicht Gewerkschaft- oder Kooperativmitglieder werden konnten und vom Bezug verbilligter Lebensmittel ausgeschlossen waren. Die sowjetischen Juden haben durch einen schmerzhaften Umschichtungsprozess ihren Platz in der sowjetischen Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Armee errungen. Das wird ihnen oft zum Vorwurf gemacht. Dem Bürgerkrieg folgte bald, wegen des Terrorregimes, zu dessen Opfern auch Abertausende von Juden zählten, die Ernüchterung. Viele flüchteten oder wanderten als überzeugte Antikommunisten aus. Die in Berlin gegründete "Vaterländische Vereinigung russischer Juden" publizierte 1924 einen Sammelband "Russland und Juden", in welchem die rechtskonservativen jüdischen Autoren I. Bikerman, G. Landau, I. Lewin, D. Linski, B. Mandel und D. Pasmanik scharfe Kritik an der Rolle der jüdischen Aparatschiks übten. Das Buch dient bis heute als Anklageschrift gegen die Bolschewiken jüdischer Abstammung. Solschenizyn verwendet unzählige Auszüge aus diesem längst überholten Werk. Dagegen erfährt man nicht aus seinem Buch, dass die Juden zu den ersten Dissidenten zählten. Tausende der jüdischen "Opposizionery" wurden, neben den Zionisten, in den 20er- und 30er-Jahren in die Straflager von Workuta, Kolyma und Magadan verbracht, wo sie Hungerstreiks, die eigentlich Häftlingsmeutereien waren, organisierten. Fast alle wurden erschossen. Die russische Menschenrechtsorganisation "Memorial" schätzt den Anteil der Juden an den Gefangenen dort auf 30, den der Russen auf nur 40%. Seit den Moskauer Prozessen, also seit 65 Jahren, gab es keine Juden mehr im Regierungsapparat außer Kaganowitsch und Litwinow, der 1939 entlassen wurde. Die Vorherrschaft der Juden in Russland gehört zu den vielen, sie betreffenden Mythen. Solschenizyn ist es dennoch gelungen, die Geschichte Russlands nicht nur als eine Kette von Verfolgungen von Juden darzustellen. Den zwanzig Jahren des Aufstiegs auf vielen Gebieten des Lebens folgten vierzig Jahre des staatlichen Antisemitismus und des Niedergangs. Die zunächst stark geförderte jiddische, wenn auch staatlich-kommunistisch orientierte Literatur und Kultur wurde später zerschmettert, ihre Träger umgebracht. Für diesen einmaligen Kulturozid müssten sich die Schuldigen postum verantworten. Im Buch ist das Kapitel "Der Wendepunkt zur Anklage Russlands" der angeblichen Schuld der Juden und der Forderung nach Reue und Sühne gewidmet. Dort heißt es: "Aber die Verantwortung für jene Geschehnisse müssen wir, egal, ob wir uns als Brüder oder als fremde sehen, teilen. Reue, und zwar beiderseitige Reue für wirklich alles, was geschehen ist, wäre der sauberste Weg. Ich werde nicht aufhören, die Russen dazu aufzurufen. Und ich rufe die Juden dazu auf ... Aber es ist notwendig, dass dies auf beiden Seiten erfolgt!"So beansprucht Solschenizyn die Rolle des Schiedsrichters in einem ewigen Streit über die Frage, wer an Russlands Unglück die Hauptschuld trage. Doch die allgemeine Tendenz seines Buches deutet auf die Juden als Urheber einer jeden Fehlentwicklung der russischen Geschichte. Kann man aber ein Volk oder einzelne Menschen von der Geburt bis zum Tode für die Taten anderer verantwortlich machen? Soll man von den Polen Reue fordern, weil ihr Landsmann Dzierzynski Gründer der Tscheka war? Sollen die Georgier Buße tun, weil Stalin und Beria Millionen Menschen auf dem Gewissen hatten? Solschenizyn verurteilt den Antisemitismus unter Chruschtschow und Breshnew, aber beklagt sich, dass die Juden keine Reue für die Verbrechen der jüdischstämmigen Bolschewiki zeigten. Dient es der von ihm postulierten Aussöhnung, wenn Solschenizyn die Meinung eines frommen Juden wiedergibt: "Die Shoa ist in bedeutendem Maße eine Strafe für die Sünden, unter anderem für die Sünde der Leitung der kommunistischen Bewegung"? Oder teilt er die Meinung einer in Deutschland lebenden jüdisch-russischen Publizistin, die er veröffentlicht: "Heute ist das moralische Kapital von Auschwitz bereits verausgabt"? Wer solche Gemeinheiten verbreitet, kann nicht erwarten, dass ich mich als ehemaliger Auschwitz-Häftling vor ihm beknirsche und um Verzeihung bitte - für Verbrechen, die unmenschliche Täter jüdischer Abstammung, die nie etwas mit Juden zu tun haben wollten, vor 70 Jahren vollbracht haben. Zweihundert Jahre zusammen? Der Titel könnte eher lauten: Zweihundert Jahre und nie wieder zusammen!Arno Lustiger ist Autor von: Rotbuch. Stalin und die Juden. Aufbau Tb., Berlin 2. A. 2002. 474 S., 12,50 Euro.Alexander Solschenizyn: "Zweihundert Jahre zusammen". Band 2: Die Juden in der Sowjetunion. Aus dem Russischen von Andrea Wöhr und Peter Nordqvist. Herbig, München 2003. 608 S. , 39,90 Euro.AP/ITAR-TASS/SERGEI VELICHKIN Drei Stunden zusammen: Alexander Solschenizyn empfängt Wladimir Putin.