Als die "Beluga" sank, war das Meer ruhig. Das Seeamt sagt, der Kapitän hat Fehler gemacht. Seine Witwe und ihr Anwalt haben einen anderen Verdacht: Auf den Grund gegangen
WOLGAST/SELLIN, im Mai. Max Reich gibt Anweisungen. Sein Gesicht ist wettergegerbt, die schwarze Kapitänsmütze hat er sich in den Nacken geschoben und die Ärmel seines alten Wollpullovers hochgerollt. Auf seinem rechten Unterarm ist eine verblasste Tätowierung zu erkennen, sie zeigt die Masten untergegangener Schiffe. Darüber ist der Schriftzug "Last Port" zu lesen, Schiffsfriedhof. Max Reich steht auf seinem neuen Schiff, einem Fischkutter, der sanft schaukelt am Dock der kleinen Horn-Werft im Ostseehafen von Wolgast. Der Geruch von frischer Farbe hängt in der Luft, und auf dem Deck des siebzehn Meter langen Kutters sägen zwei Tischler in blauen Overalls Kirschholzplatten für die Innenverkleidung zurecht. Am blauen Bootsheck steht in weißen Buchstaben noch der alte Name des Schiffes: "Beluga".Vor eineinhalb Jahren hat der 44 Jahre alte Seemann Max Reich das Verkaufsinserat für die "Beluga" in der "Bootsbörse" gelesen, damals suchte er gerade ein Touristenschiff zum Hochseeangeln. Reich wusste nicht, dass der Kutter sechs Monate zuvor unter mysteriösen Umständen vor der Insel Rügen gesunken war und drei Menschen in den Tod gerissen hatte. Reich kaufte die "Beluga". "Es war ein günstiges Angebot", sagt er, "und ein gutes Schiff". Windstärke zehn sei kein Problem. Reich muss es wissen, er fuhr die Hälfte seine Lebens zur See.Windstärke dreiAm 17. März 1999 herrschte Windstärke drei auf der Ostsee. Die "Beluga" liegt an jenem Mittwoch den achten Tag wegen Reparaturarbeiten im Hafen von Sassnitz auf Rügen, am Vormittag trifft endlich das letzte Ersatzteil für die Maschine ein. Frank Schneider ist der Kapitän des Schiffes, er hat es 1996 in Finnland gekauft und sich damit selbstständig gemacht; die "Beluga" zählt zu den modernsten Schiffen der Sassnitzer Fischfangflotte. Am Abend verabschiedet sich Schneider in seinem Wohnort Sellin von den beiden Söhnen und lässt sich von seiner Frau Beate mit dem Auto nach Sassnitz fahren. Gegen 23.30 Uhr läuft der Fischkutter SAS 104 "Beluga" aus, mit Kurs auf die dänische Insel Bornholm. Dort will Schneider neue Netze und Kühleis für die Fische an Bord nehmen. Bei seinen Kollegen ist der 38 Jahre alte Mann als umsichtiger und erfolgreicher Kapitän bekannt. Martin Senfft, 19, Lehrling, und Hartmut Gleixner, 40, Maschinist, legen sich zum Schlafen in ihre Kojen. Es reicht, wenn während der achtzig Kilometer langen Fahrt ein Mann auf der Brücke wacht. Die See liegt ruhig, und das Radar zeigt keinerlei Gefahr an.Der "Adlergrund" liegt auf der Hälfte der Strecke. Dort sinkt die "Beluga" plötzlich, steil, mit dem Heck zuerst. Schneider hatte noch rückwärts fahren lassen wollen. Doch die wenigen Momente, die ihm blieben, reichten nicht einmal mehr um über Kanal 16 einen Notruf zu senden. Die zwei Männer unter Deck kommen nicht mehr dazu, die Überlebensanzüge überzustreifen, an denen sie auf dem Weg an Deck vorbeigekommen sein müssen. Sie werden in Schlafanzug und Unterhose von Bord gespült. Wochen später werden sie aus dem Meer geborgen. Die Uhren auf dem Schiff bleiben um 3 Uhr morgens stehen. Innerhalb von nur sechzig Sekunden, so wird später ausgerechnet, war die "Beluga" verschwunden. Am folgenden Tag wird ein Ölfleck auf der Ostsee entdeckt, kurz darauf die "Beluga" von dem Minenjagdboot "Dillingen" geortet. Der Kutter steht fast senkrecht im zwanzig Meter tiefen Wasser auf dem Meeresgrund. Zwei Wochen später wird das Schiff gehoben - es ist fast unbeschädigt. Nur der Kran, mit dem das Netz eingeholt wird, hat eine ungewöhnliche Stellung. Sein Motor ist aus der Verankerung gerissen. Außerdem befinden sich am Schornstein eigenartige Schleifspuren. Sie seien bei den Bergungsarbeiten von der Ankerkette des Schiffes "Neustrelitz" entstanden, heißt es in den Ermittlungsakten. Ein Schuldiger für den Untergang ist schnell gefunden: Kapitän Frank Schneider. Das Seeamt Rostock erklärt am 28.Oktober 1999, dass der Unfall mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf zurückzuführen ist, dass "Wasser über die beiden geöffneten achteren Bodenspeigatten eindrang, dieses über die offene Fischeingabeluke in den Fischladeraum und von dort verzögert in den Maschinenraum einlief und zum Verlust der Reststabilität führte". Die Staatsanwaltschaft in Stralsund schließt ein Fremdverschulden beim Sinken des Fischkutters aus. Sie hat die Akten geschlossen. "Schneider hatte Altwasser an Bord und zudem vergessen, eine Luke zu schließen", sagt Ralf Lechte, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Dort sei das Wasser hineingeschwappt. Dass die See ruhig war, irritiert Lechte nicht. Das sei ein Trugschluss, dem auch Schneider erlegen sei, darum habe er ja keine Gefahr darin gesehen, die Luke geöffnet zu lassen. Bewiesen sei das nicht, sagt Lechte. Es sei lediglich wahrscheinlich. "Aber die Staatsanwaltschaft hat nun mal nicht die Aufgabe, Zweifel auszuräumen."Peter-Michael Diestel, letzter Innenminister der DDR und Rechtsanwalt der Hinterblieben, hat Zweifel an dieser Darstellung. "Zu viele mysteriöse Dinge sind passiert", sagt Anwalt Diestel. Die Spuren an Bord des Kutters seien ignoriert worden. Dass die Lenzpumpe defekt war, so wie es das Seeamt festgestellt hat, widerlegte ein Gutachter. Es hätten Taucher ausgesagt, die nie getaucht seien. Die Mutter von Martin Senfft musste den Totenschein für ihren Sohn wieder abgeben. Darauf stand, wo die Leiche genau gefunden worden war. Auch dass die Radaraufzeichnungen an Land angeblich schon vier Wochen nach dem Unglück gelöscht wurden, sei ungewöhnlich. "Der zuständige Staatsanwalt ließ ein Gefälligkeitsgutachten erstellen", behauptet Diestel, "eine Expertise, auf deren Deckblatt der Gutachter sinngemäß an den Staatsanwalt schrieb: Sollten Sie Änderungswünsche haben, lassen Sie es mich wissen". Doch warum das alles? Diestel geht davon aus, dass "hier eine Riesensauerei passiert ist, die gedeckelt wird". Für ihn steht anhand der Spuren fest, dass die "Beluga" gegen ein Stahlseil gefahren ist und von der Trosse unter Wasser gedrückt wurde. "Drei renommierte Gutachter, die das Unglück im Auftrag der Hinterbliebenen untersucht haben, und das festgestellt haben, können sich nicht irren", sagt Diestel. An dem Tag, als die "Beluga" sank, fand vor Bornholm das Seemanöver "Jaguar" zur Vorbereitung auf den Krieg im Kosovo statt; wenige Tage später begann der Krieg. Bei Manövern wie "Jaguar" benutzt die Marine Stahlseile, an denen Schiffswracks geschleppt und beschossen werden. Die Marine streitet ab, etwas mit dem Unglück zu tun zu haben. Das Manöver sei am frühen Abend beendet gewesen, sagt ein Sprecher. Weitere Stellungnahmen gibt er nicht - wegen eines noch offenen Verfahrens beim Oberseeamt Hamburg, das ein Beamter der Seeberufsgenossenschaft angestrengt hat. Ihm wurde bei den Ermittlungen zum Untergang der "Beluga" vorgeworfen, er habe im Hafen Sassnitz nicht kontrolliert, ob alle Speigatten geschlossen seien.Es sei doch klar, sagt Anwalt Diestel, dass die Bundeswehr nichts zugeben würde. "Das wäre ein Skandal: Die ersten Toten des Krieges drei deutsche Fischer. Ein Politikum." Diestel hat recherchiert. Er weiß, dass für Holztransporte auf dem Meer ebenfalls Stahlseile benutzt werden. Doch Diestel sagt, in der fraglichen Nacht sei kein Holztransport im "Adlergrund" unterwegs gewesen. Bliebe nur die Marine. Deshalb hat Diestel gegen die Einstellung des Verfahrens Widerspruch eingelegt. Die Begründung dafür soll Klaus Ibendorf liefern.Ibendorf ist anerkannter Materialkundler und hat das letzte der drei Gutachten erstellt, die auf ein Fremdverschulden beim Untergang der "Beluga" hindeuten. Damit er den Kutter untersuchen konnte, ließ er den schon verkauften Schiffskran aus Bornholm zurückholen. Die Spuren an der Winde waren bereits überlackiert. "Sie stammen eindeutig von einem Stahlseil, das mit großer Kraft eingewirkt hat", sagt Ibendorf. Eine Ankerkette, so wie vom Staatsanwalt angenommen, würde ganz andere Spuren hinterlassen". Der Wissenschaftler legt sich sogar auf die Dicke der Stahltrosse fest: 16 Millimeter. "Mit so einem dünnen Seil werden keine Schiffe gezogen. Man muss aber wissen, dass ein Schleppseil aus mehreren Adern besteht, die durchaus so dünn sind." Eine Selbstversenkung, bei der "einfach so Wasser ins Boot" geflossen sein soll, schließt er aus. Schneider müsse noch versucht haben zu wenden und ist dann mit dem Heck in die Trosse gelangt. "Was mich am meisten wundert, ist, dass all diese sichtbaren Beweise nicht sofort nach dem Unglück untersucht worden sind - das wäre normal gewesen", sagt Ibendorf. Dann hätte man vielleicht auch ermitteln können, wer mit der Trosse durch das Meer gefahren sei. Vielleicht hätte dies ja auch die Marine entlastet, vielleicht wäre man ja doch noch auf die Spur eines Holzschleppers gestoßen.Das letzte FotoAuf dem Nachttisch von Beate Schneider steht das Bild eines schnauzbärtigen Mannes. Es ist das letzte Foto von Kapitän Frank Schneider. Das Bild ihres Mannes, ein Passfoto, ist in der "Beluga" gefunden worden, Beate Schneider hat es vergrößern und rahmen lassen und in ihr Schlafzimmer gestellt. Vor dem Fenster wachsen Kiefern, dahinter liegt der Ostseestrand. Beate Schneider wirkt nicht wie eine Frau, die nicht einsehen will, dass ihr Mann Fehler gemacht haben könnte. "Ich könnte damit leben, wenn es so wäre. Jeder Mensch macht Fehler", sagt sie. Doch es sei etwas faul an den Erklärungen. Wenn sie den Ermittlern glauben solle, dann hat ihr Mann seelenruhig zugeschaut, wie das Schiff mit Wasser voll gelaufen ist. "Und das glaube ich einfach nicht", sagt Beate Schneider. Sie zeigt zwei dicke Alben. Auf der ersten Seite klebt ein Bild vom "Weisswal", dem Schiff ihres Vaters, bei dem ihr Mann gelernt hat, daneben eines von der "Beluga". Es folgen Fotos vom blumengeschmückten Grab des Kapitäns auf dem Selliner Friedhof. Briefe an Verteidigungsminister Scharping mit der Bitte um Aufklärung. Eine nichts sagende Antwort, in dem ein Kapitän zur See aus dem Führungsstab der Marine sein Bedauern über das Unglück ausdrückt. Das Urteil des Seeamtes. Dann Listen mit Unterschriften, für den Petitionsausschuss des Bundestags. Der Petitionsausschuss hat sich des "Beluga"-Falls bereits angenommen. Der Verteidigungs- und auch der Verkehrsminister müssten sich schon einige Fragen gefallen lassen, sagt der christdemokratische Abgeordnete Ulrich Adam. Und die Gutachter wolle man noch in diesem Halbjahr an einen Tisch bekommen.In der "Beluga" am Wolgaster Dock deutet kaum noch etwas darauf hin, dass dieses Schiff ein Fischkutter war. Im ehemaligen Laderaum wurden vier Zweimann-Kabinen mit Duschen für Urlauber eingebaut. Dort, wo Schneider und seine Männer einst Hering verarbeitet haben, befindet sich ein Salon. Der Name "Beluga" wird auch verschwinden. Max Reich will sein Schiff "Leone" nennen. Und nichts wird an einen Untergang erinnern."Wenn ich den Ermittlern glauben soll, hat mein Mann seelenruhig zugeschaut, wie das Schiff mit Wasser voll gelaufen ist. Das glaube ich nicht." Beate Schneider Witwe des Kapitäns BERLINER ZEIUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER (2) In einer Wolgaster Werft wird die "Beluga" umgebaut. Max Reich (r. ) hat das vom Grund gehobene Schiff gekauft, will es umtaufen und an Touristen vermieten.