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Als die NSU-Terrorzelle aufflog: Der letzte Tag

Am 4. November 2011 endete die mörderische Mission der Terrorgruppe NSU. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos starben in Eisenach in einem Wohnmobil, Beate Zschäpe steckte in Zwickau die gemeinsame Wohnung in Brand. Oder war es ganz anders? Der Versuch einer Rekonstruktion – und einige drängende Fragen.

Am 4. November 2011 endete die mörderische Mission der Terrorgruppe NSU. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos starben in Eisenach in einem Wohnmobil, Beate Zschäpe steckte in Zwickau die gemeinsame Wohnung in Brand. Oder war es ganz anders? Der Versuch einer Rekonstruktion – und einige drängende Fragen.

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picture alliance / dpa

Liese ist unruhig. Seit fast drei Stunden sitzt sie zu Hause an ihrem Computer, surft im Internet. „Warum rufen die Jungs nicht an?“, fragt sie sich halblaut. Draußen scheint die Sonne, es ist der 4. November 2011, ein Freitag, kurz nach zwei Uhr nachmittags. Mehrfach hat sie in den letzten Stunden online nach Meldungen über Autounfälle in Sachsen gesucht. Nichts, kein verunglücktes Wohnmobil. Aber wieso lassen Max und Gerri nichts von sich hören? Das gemeinsame Leben der drei Freunde war ruhiger geworden in den letzten Jahren. Sie hatten diese schöne Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße gefunden, in einer bürgerlichen Gegend mit schönen Gärten und Einfamilienhäusern. Geld war auch genug vorhanden. Die drei leisteten sich lange Urlaube, trafen Leute, fanden neue Freunde. Die Angst der ersten Jahre vor einer Entdeckung war längst verschwunden.

Es geht auf halb drei zu. Liese klickt sich durch die Seiten der Tierschutzorganisation Peta. Soll man denen Geld spenden? Oder doch lieber dem Tierheim oder der Obdachlosenhilfeeinrichtung, deren Internetseiten sie sich vorher angeschaut hatte? Beide Vereine könnten das Geld sicher auch gut brauchen. Nervös schaut die junge Frau auf ihr Handy. Nichts, keine Nachricht. Die Uhr auf dem Display zeigt 14.28 Uhr. Liese wendet sich wieder dem Computer zu und tippt „fleisch von freilaufenden tieren zwickau“ in das Google-Suchfeld. Da leuchtet das Display ihres Handys auf, eine SMS: „Alles o.k., sind in zwei Stunden da“, liest sie. Liese atmet auf. Die beiden Jungs kommen heim.

Wäre der 4. November 2011 so abgelaufen – wohl kaum jemand würde heute die Gesichter von Liese, Max und Gerri kennen, die in Wirklichkeit Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt heißen. Möglicherweise hätte auch noch niemand etwas gehört von der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund. Die „Ceska-Morde“ würden weiter als unaufgeklärte Verbrechensserie in den Polizeiarchiven ruhen. Zschäpe und ihre beiden Freunde hätten sich inzwischen möglicherweise getrennt oder wären unerkannt in eine andere Stadt gezogen. Vielleicht wären die drei auch wieder zurückgekehrt in ihr altes Leben, so als wäre in den vorangegangenen fast 14 Jahren nichts passiert. Vielleicht …

In der Realität aber zerbricht die Welt von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos an jenem 4. November 2011. Anstelle einer SMS von ihren Freunden, die ihre Rückkehr nach Zwickau ankündigen, erreicht Zschäpe kurz vor 14.30 Uhr auf einem bis heute nicht bekannten Weg die Nachricht, dass beide tot sind. Kampflos endet an diesem Tag die mörderische Mission des NSU. Zschäpe steckt noch die Wohnung in der Frühlingsstraße in Brand, es ist ein letzter kopfloser Versuch, Spuren zu beseitigen. Dann ist der NSU Vergangenheit.
Oder ist dieses Finale nur Theater? Sind die Toten von Eisenach nur Statisten in einem schlechten Schauspiel? Sind das brennende Wohnmobil voller Waffen und Geld, das ausgebrannte Haus in der Frühlingsstraße nur Kulisse, die ablenken soll von Ereignissen hinter der Bühne? Lässt sich die Geschichte vom Ende dreier mutmaßlicher Rechtsterroristen auch anders erzählen?

Es gibt Indizien dafür. Viele davon stammen aus den Ermittlungsakten der zeitweise 400 Mann starken Besonderen Aufbauorganisation „Trio“ (BAO „Trio“) des Bundeskriminalamtes. Aber die Ermittler haben diese Spuren nicht konsequent genug weiterverfolgt. Für die Bundesanwaltschaft sind die Geschehnisse des 4. November 2011 aufgeklärt, der Fall NSU weitgehend abgeschlossen. Doch Politiker, Sicherheitsexperten und kritische Journalisten haben zunehmend Zweifel, ob die ganze Wahrheit über die rechte Terrorgruppe bereits auf dem Tisch liegt. Schon wird über weitere Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern debattiert, denn Abgeordnete aller Parteien halten viele Fragen für ungeklärt. Dazu gehören auch die Geschehnisse an jenem 4. November 2011, die ein Schlüssel zu der Frage sind, wer wirklich hinter dem NSU steckt und ob die Behörden bis dahin tatsächlich so ahnungslos waren, wie sie sich gaben.

Ein Muster wird sichtbar

Die Merkwürdigkeiten beginnen bereits einige Wochen vor jenem Novembertag: Am 7. September, morgens um 8.45 Uhr, überfallen zwei Männer die Sparkassenfiliale in der Arnstädter Goethestraße. Mit vorgehaltener Waffe erbeuten die Täter 15 000 Euro, dann flüchten sie mit Fahrrädern. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei den Bankräubern um Mundlos und Böhnhardt. Die Ermittlungen übernimmt die Polizeidirektion Gotha. Leiter der Behörde ist damals Polizeidirektor Michael Menzel. Sechs Tage nach dem Raub von Arnstadt fragt er das Bundeskriminalamt und andere Landespolizeiämter an, ob es in ihrem Zuständigkeitsbereich ähnliche Banküberfälle gegeben habe. Ein paar Tage später meldet sich die Polizeidirektion Chemnitz mit der Nachricht, dass bei ihnen ein Täterduo nach dem gleichen Muster vorgegangen sei. Doch dieser Überfall liegt sechs Jahre zurück. Polizeichef Menzel ist sich dennoch sehr sicher, dass es sich um die gleichen Täter wie in Arnstadt handeln könnte. Warum?

Vor dem Erfurter NSU-Untersuchungsausschuss erläuterte er, welche besonderen Maßnahmen er einleiten ließ, um auf einen möglichen weiteren Banküberfall des Täterduos schnell reagieren zu können. So habe er über mehrere Wochen hinweg zusätzliche Einsatzkräfte vorgehalten, insbesondere in der jeweils zweiten Wochenhälfte. Außerdem stellte er seine Beamten auf Fahndungsmaßnahmen ein, um notfalls schnell mit einer Tätersuche beginnen zu können. Ungewöhnlich dabei: Menzel behält seine Vermutung, dass die Gangster bald wieder zuschlagen könnten, für sich. Weder das Erfurter Landeskriminalamt noch die sechs anderen Polizeidirektionen in Thüringen informiert er über seinen Verdacht. Dabei könnten die Räuber von Arnstadt doch überall in Thüringen eine Bank überfallen. Offenbar ist sich Menzel sicher, dass der nächste Überfall wieder in seinem Zuständigkeitsbereich passieren wird.

Hatte die Polizei möglicherweise einen Tipp von Mitwissern bekommen? Waren Behörden – Geheimdienste oder Polizei – Mundlos und Böhnhardt schon auf die Spur gekommen und hatten sie observiert? Oder wurde den untergetauchten Neonazis eine Falle gestellt von jemandem, der das Trio auffliegen lassen wollte? Vor dem NSU-Ausschuss in Erfurt sagt Menzel, als er über die damaligen Abläufe berichtet, jedenfalls einen bemerkenswerten Satz: „Es kommt, wie es kommen muss – am 4. November wird die Sparkassenfiliale von Eisenach überfallen.“

Eine knappe Stunde nach dem Überfall in Eisenach bekommt eine Polizeistreife von einem Zufallszeugen den entscheidenden Tipp. Zwei junge Männer sollen Fahrräder in einem weißen Wohnmobil mit vogtländischem Kennzeichen verstaut und damit in Richtung Baumarkt nahe der Autobahnauffahrt gefahren sein. Gegen 10.30 Uhr landet die Zeugenaussage beim Gothaer Polizeichef Menzel. Er lässt sofort seine Leute nach dem beschriebenen Wohnmobil fahnden. Insgesamt ein Dutzend Streifenwagen sind unterwegs in Eisenach und Umgebung, ein Hubschrauber überfliegt das relativ überschaubare Gebiet. Doch erst anderthalb Stunden später, um kurz nach 12 Uhr, stößt eine Streife zufällig auf das auffällige Fahrzeug. Es parkt in der baumlosen Straße einer ruhigen Einfamilienhaussiedlung, nur drei Straßenecken und 500 Meter entfernt von jenem Baumarkt, den die Räuber laut Zeuge angesteuert haben. Die Polizisten verlassen ihren Wagen und gehen zum Camper, als sie Schüsse im Fahrzeug hören. Sie gehen in Deckung und alarmieren ihre Einsatzstelle. Doch es fällt kein weiterer Schuss, stattdessen steht plötzlich das Wohnmobil in Flammen. Die Feuerwehr rückt an, löscht den Brand – und findet zwei Leichen im Fahrzeug.

Das Verwirrspiel beginnt

Bereits kurz nach 12.30 Uhr am Freitag, dem 4. November, ist Polizeichef Menzel am Tatort. Er muss sofort losgefahren sein, nachdem die Streifenwagenbesatzung die Entdeckung des Wohnmobils gemeldet hatte. Denn selbst mit Blaulicht braucht man mindestens 25 Minuten von Gotha nach Stregda. Als Menzel den Tatort erreicht, läuft ihm ein Feuerwehrmann mit Fotoapparat über den Weg. Der Mann hatte zu Dokumentationszwecken Aufnahmen im Inneren des Wohnmobils gemacht. Menzel kassiert die Kamera ein und entfernt die Speicherkarte. Er habe verhindern wollen, dass die Aufnahmen unkontrolliert in die Öffentlichkeit gelangen, rechtfertigt er sich später. Diese ersten Aufnahmen vom Tatort sind bis heute verschwunden.

Schon um 13.22 Uhr – Menzel ist erst eine Dreiviertelstunde vor Ort – lässt der Polizeichef einen privaten Abschleppdienst anfordern, der das Fahrzeug in eine Garagenhalle zur Spurensicherung bringen soll. Vor dem Abtransport fertigt die Tatortgruppe der Polizei erste Aufnahmen, soweit dies möglich ist: die beiden Leichen liegen noch im Innenraum, sodass sich die Fotografen nicht im ganzen Fahrzeug bewegen können. Als das Abschleppfahrzeug in Stregda eintrifft, zieht es das Wohnmobil über eine rund 20 Grad schräge Rampe hoch. Es ist gut vorstellbar, dass dabei alle losen Gegenstände, also auch die unter dem Brandschutt liegenden Waffen und Patronenhülsen, verrutschen. Die ursprüngliche Spurenlage im Fahrzeuginneren dürfte damit erheblich verändert worden sein. Gegen 15.30 Uhr trifft der abgeschleppte Camper in einer Garagenhalle ein. Erst jetzt beginnen die Beamten damit, die Leichen und die Waffen aus dem Fahrzeug zu bergen.

Bis heute steht nicht eindeutig fest, wann die Identität der Toten ermittelt wurde. Polizeichef Menzel will erst am Sonnabendmorgen erfahren haben, dass einer der beiden Toten Uwe Mundlos sei. Die Identifizierung durch die Rechtsmedizin, so Menzel, sei erst am Sonnabend um kurz nach 3 Uhr erfolgt. Doch ein Mitarbeiter von Menzel füllte eine Sterbeanzeige bereits am späten Abend des 4. November um 23.13 Uhr aus – auf ihr steht der Name Uwe Mundlos. Menzel hätte also schon eher informiert sein können. Die Verwirrung perfekt macht Norbert Wießner, ein ehemaliger Verfassungsschützer. Er gibt vor dem Erfurter NSU-Untersuchungsausschuss an, bereits am Abend des 4. November, gegen 21 Uhr, durch einen ehemaligen Polizisten vom Tod Böhnhardts erfahren zu haben. Dessen Leiche wurde aber den Akten zufolge erst am Nachmittag des 5. November identifiziert.

Doch nicht nur die Behörden agieren rätselhaft an diesem 4. November 2011. Unklar ist auch das Verhalten von Mundlos und Böhnhardt. Unklar ist ebenso, wo Zschäpe bis zum Abend des 3. November war. Rückblick: Am 25. Oktober 2011 erscheint ein junger Mann in einer Caravanvermietung im vogtländischen Schreiersgrün, etwa 30 Kilometer südlich von Zwickau. Es ist Uwe Böhnhardt, der mit einem gefälschten Ausweis ein Wohnmobil der Marke Fiat Sunlight mietet. Am 4. November will er das Fahrzeug zurückbringen. Begleitet wird er von einer jungen Frau und einem kleinen, blonden Mädchen im Vorschulalter, das „Mama“ zu der Frau sagt. Das behaupten zumindest später die Vermieter. Wer das Kind ist, weiß man bis heute nicht. Auch ob die Frau wirklich Zschäpe war, wie die Ermittler glauben, ist fraglich. Eine erste Phantomzeichnung der Zeugen weist keine Ähnlichkeit mit ihr auf. Außerdem fahren die drei, als sie am 25. Oktober das Wohnmobil abholen, in einem großen Familienauto vor – das Trio besitzt aber kein eigenes Auto.

Wohin das Wohnmobil in den kommenden Tagen fährt, lässt sich nicht mehr vollständig klären. Gut möglich, dass Mundlos und Böhnhardt die Eisenacher Gegend für ihren geplanten Coup ausbaldowern. Ist Zschäpe dabei? Zumindest scheint auch sie unterwegs zu sein. Diesen Schluss lässt die Auswertung der Onlineaktivität in der Frühlingsstraße zu. So registrieren die Ermittler, dass es in der Phase der Wohnmobilanmietung zwei längere Unterbrechungen im Internetverlauf gab. Zwischen dem 24. und 29. Oktober sowie vom 31. Oktober, 17.33 Uhr, bis zum 3. November, 21.38 Uhr, loggt sich niemand in der Wohnung des Trios ins Internet ein. Das ist deshalb ungewöhnlich, weil Zschäpe unter dem Nutzernamen Liese täglich mehrere Stunden lang im Netz surft. Die Pausen deuten also auf eine Abwesenheit hin.

Allerdings ist sie zumindest am 1. November, einem Dienstag, noch in Zwickau unterwegs. Am späten Nachmittag fährt sie zur Polenzstraße, wo das Trio bis 2007 gewohnt hatte, und besucht dort Heike K., ihre ehemalige Nachbarin und gute Freundin. Sie hätten zusammen Abendbrot gegessen und Fernsehen geschaut, erinnerte sich K. später bei der Befragung durch das BKA. Ihr sei aber aufgefallen, dass die sonst so lustige Zschäpe an diesem Abend auffällig ruhig und in sich gekehrt gewesen sei. Der Abschied am Abend sei dann wie eine Trennung gewesen. Zschäpe habe sie „eine ganze Minute“ an sich gedrückt und Tränen in den Augen gehabt, erinnerte sich K. Als schließlich das Taxi kam, sei Zschäpe „fast weggerannt“.

Wenn sie an diesem Abend aber, wie es die Ermittler vermuten, nicht in die Frühlingsstraße gefahren ist – wo hat das Taxi Zschäpe dann hingebracht? Im Wohnmobil war sie in diesen Tagen wohl kaum. Das lässt sich an den sichergestellten Spuren feststellen. Nur zwei Betten im Fahrzeug sind benutzt worden, in den Schränken finden sich lediglich Kleidungsstücke der beiden Männer. Von Frauensachen keine Spur – dafür aber Hinweise auf die Anwesenheit eines Kindes. Am Boden der Fahrerkabine finden die Ermittler einen Plüschbären, eine Plastikpuppe, eine Wasserspritzpistole. Und eine einzelne rosafarbene Kindersandale, Größe 34. Die DNA-Spur eines Mädchens kann darauf gesichert werden. Wer das Mädchen ist, weiß man bis heute nicht.

In das Bild einer Terrorgruppe, die fast 14 Jahre lang ebenso umsichtig wie professionell ihr Leben im Untergrund zu tarnen vermochte, will auch der scheinbar so sorglose Umgang mit Waffen und Beutegeld nicht passen. In der Wohnung in der Frühlingsstraße sowie im Wohnmobil befinden sich an jenem 4. November 2011 wie auf einem Präsentierteller insgesamt 20 Schusswaffen und über 1 600 Schuss Munition sowie zweieinhalb Kilogramm Schwarzpulver. Acht dieser Waffen – darunter die beiden Dienstpistolen der in Heilbronn überfallenen Polizisten und ein bei einem Raubüberfall 2006 in Zwickau verwendeter Revolver – haben Mundlos und Böhnhardt dabei, als sie mit ihrem Wohnmobil durch die Lande fahren. Die restlichen zwölf Waffen – darunter die Ceska und eine zweite, bei der Mordserie eingesetzte Pistole sowie die beiden Tatwaffen, mit denen auf die Polizisten in Heilbronn gefeuert worden war – liegen in der Frühlingsstraße. Hinzu kommen Bargeld und Reiseschecks aus früheren, zum Teil mehrere Jahre zurückliegenden Überfällen.

Warum hortet das Trio die verräterischen Beweise in Wohnung und Wohnmobil? Denkbar wäre, dass Mundlos und Böhnhardt in den Tagen vor dem 4. November 2011 ein Depot geräumt haben, also ein Erdversteck oder eine zweite geheime Wohnung, in der bis dahin Geld und Waffen lagerten. Eine andere Möglichkeit wäre, dass dem Trio einige der Waffen von noch unbekannten Komplizen zur vorübergehenden Aufbewahrung übergeben wurden. Tatsächlich stellt sich ja die Frage, warum Mundlos und Böhnhardt ihr Wohnmobil mit Waffen und Geld aus früheren Überfällen vollstopfen, bevor sie zu dem Bankraub nach Eisenach fahren. Sie gehen damit ein unnötig hohes Risiko ein, schon bei einer Polizeikontrolle oder einem Verkehrsunfall erwischt zu werden. Wollen sie die Sachen möglicherweise in ein anderes Versteck oder eine neue Wohnung fahren? Oder sie an einen Mitwisser weitergeben? Dafür spricht, dass am Nachmittag des 3. November 2011 Böhnhardt bei der Caravan-Vermietung in Schreiersgrün anruft, um die am nächsten Tag ablaufende Mietzeit für das Wohnmobil zu verlängern – bis zum darauffolgenden Montag, dem 7. November. Offenbar sollte die Reise nach dem Bankraub noch weitergehen.
Damit erscheinen aber auch die Vorgänge am 4. November im Eisenacher Ortsteil Stregda in einem anderen Licht. Nach dem Banküberfall flüchten Mundlos und Böhnhardt auf Fahrrädern zu ihrem Wohnmobil, das gerade mal 600 Meter von der Sparkasse entfernt auf einem leeren Parkplatz abgestellt ist. Von dort fahren sie aber nicht auf die nahe Autobahn, sondern biegen in das Wohngebiet von Stregda ab, in dem ein abgestelltes Campingmobil nur auffallen muss. Warum bleiben sie dort auch noch eine Stunde lang stehen, nachdem sie gegen 11 Uhr aus dem von ihnen abgehörten Polizeifunk erfahren haben dürften, dass die Ringfahndung aufgehoben worden ist? Warten sie vielleicht auf einen Komplizen, mit dem sie an diesem Ort verabredet sind, um ihm die Waffen und das Geld aus dem Fahrzeug zu übergeben?

Als die Polizeistreife gegen 12 Uhr eher zufällig auf das Wohnmobil stößt, sind die beiden Männer in dem Fahrzeug vermutlich noch am Leben. Dafür sprechen zumindest die Geräusche, die die Beamten wahrnehmen, als sie sich dem Fahrzeug nähern. Ein Rumpeln habe man gehört, „als würde ein Möbelstück gerückt“, wie sich einer von ihnen später erinnert. Dann fällt ein Schuss. Die Beamten suchen Deckung und vernehmen – da gibt es von ihnen unterschiedliche Aussagen – nach zwei beziehungsweise drei bis fünf Sekunden einen zweiten Schuss. Schließlich fällt noch ein dritter Schuss – nach weiteren drei bis fünf Sekunden, wie der eine Beamte sagt, oder nach zehn bis 15 Sekunden, wie es der andere glaubt. Kurz darauf dringen Rauch und Flammen aus dem Wohnmobil.

Was ist in diesen – je nach Zeugenaussage – sieben bis 20 Sekunden im Inneren des Wohnmobils passiert? Sicher ist: Alles muss sich unvorstellbar schnell in dem engen Fahrzeug abgespielt haben. Laut einem Brandgutachten soll Mundlos nach dem Todesschuss auf Böhnhardt Papier in der Mitte des Wohnwagens angehäuft und angezündet haben. Spuren von einem Brandbeschleuniger fand man nicht. Dennoch muss das Feuer innerhalb kurzer Zeit hoch aufgelodert sein. Es wird schließlich so heiß, dass nach wenigen Minuten die Fenster und die Decke des Fahrzeugs herausfliegen und sich einige der Waffen verformen. Mundlos ist zu diesem Zeitpunkt längst tot. Dem von den Polizisten geschilderten Ablauf zufolge muss er sich, unmittelbar nachdem er das Papier angezündet hat, sofort hingesetzt und selbst erschossen haben.

Wem gehören die schwedischen Mobilfunknummern?

Falls es tatsächlich so ablief, bleibt aber die Frage: Warum haben sich Mundlos und Böhnhardt nur ein, höchstens zwei Minuten nach dem Auftauchen der Funkstreife in Stregda zum Selbstmord entschlossen? Warum suchten sie, die bis an die Zähne bewaffneten eiskalten Killer, nicht das Gefecht? Hatten sie an ihrem Parkplatz in der Wohnsiedlung vielleicht einen Vertrauten erwartet, der sie abholen wollte, und glaubten sich nun wegen des Auftauchens der Polizei in eine ausweglose Falle gelockt? Die Spurenlage am Tatort und die glaubwürdigen Beobachtungen der Streifenpolizisten sprechen dagegen, dass Mundlos und Böhnhardt im Wohnmobil von einem unbekannten Dritten ermordet wurden. Dennoch muss es einen dritten Mann gegeben haben, der die Vorgänge in Stregda im Blick hatte und wusste, um wen es sich bei den Toten im Wohnmobil handelt. Wie sonst hätte Beate Zschäpe in der Zwickauer Wohnung vom Tod ihrer beiden Freunde erfahren sollen? Sie surft an diesem 4. November zwar im Internet, ist aber arglos. Nur am Vormittag – das ergaben die Ermittlungen – sucht sie im Netz einmal nach Meldungen über Autounfälle in Sachsen. Dann aber kehrt sie zurück auf die Seiten über Tierschutzorganisationen und Biobauern in der Region. Um 14.28 Uhr klickt sie das letzte Mal eine Internetadresse an. Zwei Minuten später schaltet sie den PC aus, eine weitere halbe Stunde später steht die Wohnung in Flammen.

Zwischen 14.28 und 14.30 Uhr muss ihr also jemand glaubhaft versichert haben, dass Mundlos und Böhnhardt tot sind, dass ihr nichts als die überstürzte Flucht bleibt und der Versuch, Spuren zu vernichten. Bei der Suche nach diesem Jemand sind die Ermittler auf eine brisante Spur gestoßen: Sie ergibt sich aus der Auswertung von Telefondaten, die an dem Tag zwischen 9.30 und 15.30 Uhr in den betreffenden Funkzellen von Eisenach und Zwickau angefallen sind. Dabei fallen zwei Nummern auf, deren Inhaber nicht festgestellt werden konnten – bei beiden Anschlüssen handelt es sich um schwedische Mobilfunknummern.

Von besonderer Bedeutung ist vor allem eine dieser Nummern, die erstmals um 9.33 Uhr in jener Eisenacher Funkzelle gespeichert wurde, die auch den letzten Standort des Wohnmobils erfasst. Um diese Zeit dürften Mundlos und Böhnhardt nach dem Bankraub an ihrem Zufluchtsort in der Wohnsiedlung des Ortsteils Stregda eingetroffen sein. Eine Stunde lang blieb die schwedische Mobilfunknummer in diesem Bereich ins Internet eingeloggt. Danach fuhr der unbekannte Anschlussinhaber offenbar nach Zwickau. Denn dort tauchte seine Handynummer um 12.26 Uhr exakt in der Funkzelle auf, die auch die Frühlingsstraße in Zwickau abdeckt. In Zwickau war das Handy bis 13.54 Uhr eingeloggt.

Auch die zweite schwedische Mobilfunknummer war an diesem Tag in der Funkzelle rund um die Frühlingsstraße aktiv. Der Inhaber dieser Nummer loggte sich dort zwischen 9.06 und 10.36 Uhr ins Internet ein. Die Verbindung nach Schweden ist deshalb brisant, weil es enge Kontakte militanter Neonazis aus dem weiteren NSU-Umfeld zu dortigen Gesinnungsgenossen gibt. Das BKA legte die Spur aber mangels Aufklärungsmöglichkeiten zu den Akten. Auf welchem Weg auch immer Zschäpe vom Tod ihrer beiden Freunde erfährt, die Nachricht versetzt sie offenbar in große Panik. Dabei hätte sie genug Zeit gehabt, belastende Beweise, also Waffen, verräterische Unterlagen und die NSU-Videos, aus der Wohnung zu schaffen. Ergibt sich für die Behörden doch erst am Freitagabend ein Zusammenhang zwischen dem Bankraub und der Wohnung in der Frühlingsstraße, nachdem ein Anwohner aus Zwickau in einem Fernsehbericht zufällig das Wohnmobil erkannt und die Polizei alarmiert hatte.

Ziellose Flucht

Dennoch entscheidet sich Zschäpe offenbar innerhalb weniger Minuten dafür, einen auf maximale Zerstörungskraft angelegten Brand zu entfachen. Aus einem schon bereitstehenden Kanister soll sie laut Anklageschrift zehn Liter Benzin in der Wohnung verteilt haben. Da die Fenster geschlossen sind, entwickelt sich ein hochexplosives Luftgemisch, das aber erst auf unbekannte Weise entzündet wird, als sie bereits die Wohnung verlassen hat. Die Zerstörung, die die Detonation und das anschließende großflächige Feuer anrichten, ist enorm – dennoch können später im Brandschutt erstaunlich gut erhaltene Beweisstücke gefunden werden.

Bis zum 8. November fährt Zschäpe mit dem Zug scheinbar ziellos durch mehrere Bundesländer. Ist sie auf der Flucht, weil sie um ihr Leben fürchtet, oder ringt sie an diesen Tagen mit dem Gedanken, Selbstmord zu begehen? Oder gehört diese Tour gar zu einer Inszenierung? Die Polizei in Jena ist jedenfalls erstaunt, welch gelassenen Eindruck Beate Zschäpe macht, als sie sich am Dienstag, den 8. November 2011, stellt.