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André C. Hercher fotografiert das Berliner Partyleben, nachdem er als Physiker keinen Job fand: Jäger der Nacht

André C. Hercher sieht aus wie ein Mann, dem die Mutter die Kleider aussucht, dabei ist er schon 32. Graues Jackett, grauer Pulli, aus dem ein weißer Hemdkragen guckt, dazu eine schwarze Hose. Das Jackett schlackert, und auch das Brillengestell ist etwas zu groß für sein schmales Gesicht. Hercher sieht anders aus als die Vernissagebesucher. Modisch gestylte junge Männer und Frauen drängeln sich am Sonnabendabend in der Galerie FFWD in der Ackerstraße 154 in Mitte, um sich auf der Ausstellung "Polaroids 1993-2000" Fotos aus ihrem Leben anzuschauen. Der Fotograf: André C. Hercher.Seit 1993 radelt er bis zu fünf Mal die Woche von seiner Lichtenberger Wohnung aus los, um die Berliner Partyszene und Veranstaltungen mit Prominenten zu fotografieren. Seine Fotos sind in den Stadtmagazinen Tip (Jäger und Sammler) und Prince zu sehen. Der Flyer druckt sie schon seit 1995 in der Rubrik "Polaroids". Der gleichnamige Titel der Ausstellung ist jedoch irreführend, denn Hercher lässt seine Bilder für neun Pfennig das Stück im Fotoladen entwickeln. Viele sind überbelichtet, auf den meisten haben die Nachtgestalten rote Augen. "André ist überall", sagen die Bilder. So präsent ist der Fotograf, dass sogar eine Newsgroup im Internet die Frage diskutierte, wie oft es ihn eigentlich gibt. "André gehört zur Szene wie Beck s Bier", sagt Dag vom Club 90 Grad. Für ihn ist der Fotograf ein "Großstadtmythos". Auf einmal sei André dagewesen und habe mit einer billigen Pocketkamera Clubbesucher geknipst. Wenn er sie das nächste Mal sah, drückte er ihnen das Bild in die Hand. Auf der Rückseite klebte seine Telefonnummer. Wer aber versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, könnte glauben, dass er ganz froh ist, wenn niemand anruft. Smalltalk liegt ihm nicht. Und während fast alle von ihm Fotografierten ein Glas Sekt oder eine Flasche Bier in der Hand haben, hat er vor Jahren aufgehört, Alkohol zu trinken. "Ich war immer schon Einzelgänger", sagt André Hercher und schüttelt verlegen Hände. Herzliche Umarmungen sind nicht sein Ding.Es scheint so, als wäre er zufrieden mit seiner Rolle als Sonderling. Trotzdem sagt er, das Fotografieren in den Clubs und Partyorten mache ihm Spaß, weil er dabei immer neue nette Leute kennen lerne. Dem Sammler widerstrebt es nämlich, zweimal dasselbe Gesicht zu fotografieren. Eine Fotoausbildung hat André Hercher nicht gemacht. Er studierte Physik, und schrieb nach seinem Diplom jahrelang an einer Promotion. Die beendete er jedoch nie. Da er als Physiker keine Arbeit fand, machte er sein Hobby - die Fotografie - zum Beruf. In zwei bis drei Jahren will er "irgendetwas Anderes" machen. Das Partyleben sei auf Dauer anstrengend, sagt er. "Ab einem gewissen Alter kann man das nicht mehr machen."BERLINER ZEITUNG/KAY HERSCHELMANN André C. Hercher hasst es, fotografiert zu werden. Dabei fotografiert er jeden Abend bis zu hundert Club- und Partygänger.