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Andreas Schmidt-Schaller und die 100. Folge der ZDF-Serie "Soko Leipzig": Gute Arbeit

Es gibt eine Szene in dieser 100. Folge von "Soko Leipzig", da ist Hajo Trautzschke kurz davor. "Ich werde nicht zulassen, dass das Mädchen stirbt", sagt der Soko-Leiter zu seinen Kollegen, er geht ins Verhörzimmer und zieht die Jalousien zu. Dort sitzt ein Mann, der ein Kind entführt hat. Saskia ist elf und zuckerkrank. Der Mann hat erst alles abgestritten, aber dann haben sie ein Haar von Saskia in seiner Wohnung gefunden und im Auto den Anhänger von ihrer Kette."Wir haben alles versucht", hat Kriminalhauptkommissar Trautzschke zu seinen Leuten gesagt. "Haben wir das?", hat ein Kollege gefragt, die Frage hing eine Weile im Raum. "Alles, was wir können und dürfen", hat der Chef geantwortet. Den ganzen Tag und die ganze Nacht haben Hajo und seine Kollegen den Mann verhört, sie haben an sein Gewissen appelliert, sie haben ihm gedroht, doch der Mann schweigt. "Irgendwann macht er einen Fehler", sagt Trautzschke, aber der Mann macht keinen Fehler, und irgendwann kann hier zu spät sein. Draußen auf dem Flur sitzen die Eltern. "Geben Sie mir fünf Minuten mit diesem Mann", bittet der Vater.Seit der ersten Folge dabeiAndreas Schmidt-Schaller, der in der ZDF-Serie "Soko Leipzig" den Soko-Chef Hajo Trautzschke spielt, sitzt in einem Café in Pankow und überlegt, wie weit er gehen würde. "Sehr weit", sagt er schließlich, "wenn das mein Kind wäre, würde ich ganz schnell zur Selbsthilfe schreiten". Schmidt-Schaller ist einundsechzig, er hat drei Kinder, sein jüngster Sohn ist zehn.Seit sechs Jahren läuft "Soko Leipzig" im ZDF, zunächst im Vorabendprogramm, vor drei Jahren wurde die Serie wegen anhaltenden Erfolges in den Hauptabend verlegt. Seitdem ist sie freitags um 21.15 Uhr zu sehen, es ist eine gute Krimiserie, keine ganz große Fernsehkunst, aber ordentlich gemacht und nicht so betulich wie andere Freitagskrimis im ZDF, "Der Alte" etwa oder "Ein Fall für zwei".Andreas Schmidt-Schaller ist seit der ersten Folge dabei. Dabei hatte er nach seinem Ausstieg aus dem "Polizeiruf 110" gesagt, dass er nie mehr einen Kommissar spielen wird. "Aber ich habe auch gesagt, dass man nie nie sagen soll", sagt Schmidt-Schaller. So etwas nennt man wohl Dialektik. Mitte der achtziger Jahre ist Schmidt-Schaller zum "Polizeiruf" gekommen, sein Leutnant Thomas Grawe war immer ein bisschen anders als die anderen Genossen Ermittler. Schon dafür liebte ihn das DDR-Publikum.Und Stück für Stück entwickelte Schmidt-Schaller seine Figur weiter, auch äußerlich: Angefangen hatte er ganz ordentlich mit Schlips und Jackett, dann ließ er sich die Haare wachsen, schließlich trug er Jeans und Lederjacke. Wenn man so will, war Andreas Schmidt-Schaller so etwas wie der Götz George des Ostens, ein Schimanski in den Farben des DDR-Fernsehens.Als Grawe, durch die Wende zum Oberkommissar befördert, 1995 den Dienst im "Polizeiruf" quittierte, konnte man mit seinem Namen auch im Westen etwas anfangen. Das lag nicht nur am "Polizeiruf", sondern vor allem an Serien wie "Oppen und Ehrlich" oder Filmen wie "Ein Mann stürzt ab", in denen Schmidt-Schaller mitspielte. Doch so richtig bundesweit bekannt hat ihn erst die "Soko Leipzig" gemacht."Das Besondere an ,Soko Leipzig' ist die Machart", sagt Andreas Schmidt-Schaller. "Und dass es keine Routine gibt im Team, dass wir immer um die beste Variante ringen, auch nach hundert Folgen noch." Nun ja, das sagen alle, aber wenige Serien schaffen hundert Folgen. In der "Soko Leipzig" geht es nicht um Action und Ballerei, hier fliegt nicht andauernd irgendetwas in die Luft. In einer Folge, "Sansibar", ging es um einen Autisten, der von einem Autisten gespielt wurde, das gab es im deutschen Fernsehen noch nie. Das sind so Fälle, mit denen es die Soko Leipzig zu tun hat.Zwar kommen auch in Leipzig Mord und Totschlag vor, daneben geht es aber auch um Drogenmissbrauch und Ausländerfeindlichkeit, um Raubüberfälle und Versicherungsbetrug. Vier bis fünf Millionen Zuschauer sehen die Serie, die Leute scheinen es zu mögen, wenn es im Fernsehen nicht ständig knallt und qualmt. Zum Beispiel heute Abend. "Spiel auf Zeit" heißt die Jubiläumsfolge, es ist ein Kammerspiel, im Grunde eine einzige große Verhörszene, ein glänzend gespielter Krimi, vor allem von Frank Giering als aalglattem Täter, an dem die Polizisten zu scheitern drohen.Mit solchen Stücken kann Andreas Schmidt-Schaller zeigen, was er meint, wenn er von Qualität im Fernsehen spricht und davon, dass sich gutes Fernsehen wie jede Kunst ins Leben einmischt, sich mit der Gesellschaft auseinandersetzt, die Welt interpretiert und auf die eine oder andere Art Wirklichkeit abbildet. "Alles andere ist eitle Selbstdarstellung, l'art pour l'art oder einfach nur lächerlicher Mist."Dieser Fall hier kommt dem Anspruch von Schmidt-Schaller schon sehr nahe. In "Spiel auf Zeit" geht es um Gesetz, Gerechtigkeit und Gewalt, es geht darum, ob Gerechtigkeit Gewalt legitimiert. Oder ob das Gesetz über allem steht, auch über dem Leben eines Menschen. Es geht um die ganz persönliche Entscheidung, wie weit man geht.Soko-Leiter Hajo Trautzschke entscheidet sich. Er schreibt seine Kündigung, er geht ins Verhörzimmer, er zieht die Jalousien zu. Doch es kommt anders. "Gute Arbeit, Kollegen", sagt der Kriminalhauptkommissar zum Schluss. Gute Arbeit, Andreas Schmidt-Schaller.Soko Leipzig: Spiel auf Zeit, 21.15 Uhr, ZDF------------------------------Vom Leutnant zum HauptkommissarAndreas Schmidt-Schaller wurde am 30. Oktober 1945 in Arnstadt geboren, aufgewachsen ist er bei seiner Oma in Weimar. Der Vater starb früh. Sein Onkel, Harry Schmidt-Schaller, war ein bekannter Maler und Grafiker. Andreas Schmidt-Schaller lebt in Berlin-Pankow.Nach dem Schauspielstudium arbeitete Schmidt-Schaller am Theater in Karl-Marx-Stadt, einem der besten DDR-Theater. 1986 begann er als Leutnant Grawe im "Polizeiruf", 1995 verließ er die Reihe. Seit sechs Jahren spielt er in der ZDF-Serie "Soko Leipzig" den Hauptkommissar Hajo Trautzschke.------------------------------Foto: Der Schauspieler Andreas Schmidt-Schaller, im Hintergrund ein Selbstbildnis seines Onkels