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Berliner Zeitung | Angriff auf Staatsanwalt mit Bewährungsstrafe geahndet: Schläge galten nicht dem "Organ der Rechtspflege"
21. November 2001
http://www.berliner-zeitung.de/16013880
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Angriff auf Staatsanwalt mit Bewährungsstrafe geahndet: Schläge galten nicht dem "Organ der Rechtspflege"

FRANKFURT (ODER). Gewissermaßen mit einem "blauen Auge" kam ein Mann davon, der am 3. November in Frankfurt (Oder) einem Staatsanwalt ein ebensolches verpasst hat. Das Amtsgericht verurteilte den 27-Jährigen am Dienstag im beschleunigten Verfahren wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Beleidigung zu zwei Monaten Haft auf Bewährung. Ohne nachvollziehbaren Grund habe der aus Beeskow stammende Angeklagte sein Opfer mit Faustschlägen attackiert. Dass der Mann dabei auch "Scheiß Staatsanwalt" rief, hielt die Richterin für erwiesen. Der Angeklagte hatte das bestritten. Sein Mandant habe gar nicht gewusst, wer der Mann sei. Deshalb hätte er ihn auch nicht mit "Scheiß Staatsanwalt" titulieren können. Das Opfer - als Pressesprecher der Staatsanwaltschaft ist er regelmäßig in der Presse und im Regionalfernsehen präsent - hatte am Dienstag die Beschimpfung noch gut im Ohr. Bis zu jenem Abend habe er noch nie mit dem Angreifer zu tun gehabt. Detailliert schilderte der 33-Jährige, der wie der Angeklagte nach einem Kneipenbesuch auf dem Weg nach Hause war, den Verlauf der Prügelei, bei der er mehrere Schürf- und Platzwunden im Gesicht und ein blaues Auge erlitt. Er sei völlig unvermittelt angegriffen worden: "Was machst du mich an?", habe der junge Mann gebrüllt und dann losgeprügelt.Der Verteidiger sagte, dass sich der 27-Jährige durch Neff provoziert gefühlt habe, weil dieser still dastand und ihn unbewegt anstarrte. Sein Mandant habe aus Notwehr gehandelt, weil er vermutete, dass der Mann unter seinem Mantel eine Pistole oder ein Messer trug und dabei war, dieses zu zücken.Diese Version wies die Richterin Martina Koch zurück. In ihren Augen sei der Angriff aber keine Attacke auf "ein Organ der Rechtspflege" gewesen, sondern eine auf einen normalen Bürger. Für die Faustschläge wollte sich der Angeklagte am Dienstag eigentlich auch entschuldigen. Dass dies nicht geschah, lag an seinem Anwalt: "Das haben wir schlicht vergessen." (ost.)