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Anja Sturm: Zschäpes Anwältin unter Druck

Sie verteidigt Beate Zschäpe und wechselt die Kanzlei: Anja Sturm.

Sie verteidigt Beate Zschäpe und wechselt die Kanzlei: Anja Sturm.

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afp/CHRISTOF STACHE

Seit Monaten sieht man sie immer wieder im Fernsehen. Meist kommt Anja Sturm ins Bild, wenn Beate Zschäpe den Schwurgerichtssaal des Münchener Oberlandesgerichts betritt und den Kameras den Rücken zudreht. Ihre Anwälte – Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und eben Anja Sturm – bilden dann einen schützenden Halbkreis um die Rechtsextremistin, die dringend verdächtigt wird, an den zehn NSU-Morden beteiligt gewesen zu sein. Meist plaudern die vier oder tun so, als ob. Das sieht vertraut aus.

Dass es einen Preis hat, sich vor Zschäpe zu stellen, das hat Anja Sturm nun erfahren. In ihrer bisherigen Berliner Kanzlei gab es Kritik daran, dass die Anwältin die Verteidigung der mutmaßlichen NSU-Terroristin übernahm. Der Kanzlei-Mitgründer Axel Weimann musste sich nach eigenen Angaben immer wieder wegen des Zschäpe-Mandats rechtfertigen, das er selbst „niemals angenommen hätte“. Und bei der Wahl zum Vorstand der Vereinigung Berliner Strafverteidiger scheiterte seine Kollegin.

Anja Sturm, 43, wäre schon aus privaten Gründen gern in Berlin geblieben. Sie nahm dann aber ein Angebot ihres Kölner Kollegen Wolfgang Heer an und zieht jetzt von der Spree an den Rhein. Was natürlich eine Debatte ausgelöst hat.

"Der Lauf der Welt"

Der grüne Rechtsexperte Jerzy Montag findet an dem Vorgang nichts Besonderes. Meinungsverschiedenheiten über Mandate und das Profil einer Kanzlei seien ganz normal, sagt er. Manche Kanzleien gingen auseinander. Andere fänden sich neu zusammen. Das sei der Lauf der Welt. Eine Anwaltskanzlei sei eben nicht zuletzt ein Unternehmen, das sich um seine Corporate Identity bemühe, weil es sich am Markt behaupten will und muss.

Prinzipieller sieht die Sache der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka. „Auch Frau Zschäpe hat ein Recht auf eine Verteidigung“, sagte er der Berliner Zeitung. „Das gehört zum Rechtsstaat. Ich will nicht in einem Staat leben, in dem eine Frau Zschäpe keinen Verteidiger mehr hat. Das sind ganz fundamentale Dinge.“ Der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele meint: „In einem Rechtsstaat muss jeder einen Anwalt haben. Man kann keinem per se übelnehmen, dass er so ein Mandat übernimmt.“ Der 74-Jährige, der in den 70er-Jahren Linksterroristen vor Gericht vertrat, sagt indes auch, dass er dem NSU-Mandat ferngeblieben wäre. Dazu gehöre ein Vertrauensverhältnis. Das könne zwischen Zschäpe und ihm kaum entstehen.

Juristen, die in anderen politischen Verfahren aktiv waren, tun kund, Sturm sei über jeden Zweifel erhaben. Anders als etwa die Anwältin des mitangeklagten Ralf Wohlleben, Nicole Schneiders, sei sie keine Szeneanwältin und unverdächtig, mit Rechtsradikalen zu sympathisieren. Unterdessen gibt es auch unter den Anwälten der NSU-Opfer solche, die aufgrund ihres Mandats Probleme haben. Dabei geht es weniger um politisch-moralische Erwägungen als um das Profil der Kanzlei. Opfer- und Täter-Anwälte haben zudem eines gemeinsam: Das ganze NSU-Verfahren ist so umfangreich, dass es einen Anwalt vollständig bindet.

Von Anja Sturm, die als sehr ehrgeizig gilt, heißt es übrigens, dass sie die Sache durchaus mitnehme. Kein Wunder, der NSU-Prozess wird so oder so der Prozess ihres Lebens.



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