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Berliner Zeitung | Anschlag in Istanbul: Wollte der Terrorist gezielt Deutsche töten?
12. January 2016
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Anschlag in Istanbul: Wollte der Terrorist gezielt Deutsche töten?

Blick auf die Blaue Moschee: Der Tatort ist nur wenige Minuten entfernt.

Blick auf die Blaue Moschee: Der Tatort ist nur wenige Minuten entfernt.

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AFP

ISTANBUL -

Man habe das Unheil kommen sehen, wie eine dunkle Wolke, die auf die Metropole zutrieb, sagt Davut Dogan, Inhaber einer kleinen Reiseagentur im touristischen Herz von Istanbul, dem Altstadtviertel Sultanahmet. „Und jetzt ist es passiert.“ Am Dienstagmorgen um kurz vor halb elf Uhr hörte Dogan einen gewaltigen Knall, der die Fenster seines Geschäftes erbeben ließ. Als der 35-jährige Geschäftsmann vor die Tür trat, sah er eine senfgelbe Rauchwolke über dem weitläufigen Sultanahmet-Platz, dem altrömischen Hippodrom neben den Istanbuler Wahrzeichen Hagia Sophia und Blaue Moschee, in den makellos blauen Himmel aufsteigen. Ein beißender Pulvergeruch lag in der Luft. Hunderte Menschen rannten in Panik davon, kurz darauf heulten die Sirenen von Polizei und Krankenwagen.

Nachrichtensperre verhängt

„Ich dachte, jetzt haben die Terroristen Istanbul angegriffen“, sagt Davut Dogan. Sein Gefühl trog ihn nicht. Feuerball und Knall rührten von der mächtigen Explosion einer Bombe nahe dem berühmten ägyptischen Obelisken im Hippodrom her, wo an diesem frühlingshaften Dienstag wie immer Gruppen von Touristen flanierten. Dort sprengte sich ein Selbstmordattentäter inmitten einer Touristengruppe in die Luft. Er tötete mindestens neun Menschen und sich selbst und verletzte mindestens 15 weitere, zwei davon schwer, wie der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu bekannt gab.

Der Sprengsatz traf ausschließlich Ausländer, vor allem Deutsche. Mindestens acht Todesopfer stammen nach Angaben der türkischen Regierung aus Deutschland.

Schon am Dienstagmittag hatte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan im Fernsehen erklärt, dass ein 28-jähriger Syrer den Anschlag verübt habe. Türkische Medien ergänzten später, dass der Mann in Saudi-Arabien geboren und aufgewachsen sei. Premier Davutoglu bezeichnete ihn als Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Vize-Regierungschef Numan Kurtulmus sagte, der Attentäter sei vermutlich erst kürzlich aus Syrien in die Türkei eingereist. Er gehöre nicht zu den Personen, die die Türkei zur Beobachtung ausgeschrieben habe. Die Regierung hatte wie bei früheren Anschlägen kurz nach der Tat eine Nachrichtensperre verhängt, weshalb Informationen die Öffentlichkeit nur noch gefiltert erreichten.

"Es herrschte Chaos"

Da das Attentat sich mitten im touristischen Zentrum Istanbuls ereignete, waren die ersten Reporter schon wenig später in Sultanahmet. Ein Fernsehteam des staatlichen türkischen Senders TRT World drehte zufällig ganz in der Nähe. „Wir waren als erste Reporter am Tatort“, sagte die TRT-Korrespondentin Soraya Lennie der Berliner Zeitung. „Es herrschte Chaos, wir sahen Hunderte Menschen in alle Richtungen rennen, wir sahen Verwundete, Tote. Die meisten Leute, die wegliefen, sahen wie Türken aus, es waren nur wenige Ausländer zu beobachten.“ Offenbar hatte der Attentäter gezielt westliche Touristen angegriffen, die in der derzeitigen Nebensaison nur in geringer Zahl Istanbul besuchen.

Die Attacke ist der schwerste Terrorangriff in der Türkei seit dem Doppelanschlag des IS in Ankara, bei dem am 10. Oktober letzten Jahres 102 Menschen starben und mehr als 500 verletzt wurden. Die Terroristen haben das Land ins Visier genommen, seit Ankara sich offiziell der US-geführten Koalition gegen den IS anschloss und dem US-Militär die Luftwaffenbasis Incirlik an der Ägäis für Angriffe in Syrien und im Irak überließ. Bisher attackierten die Dschihadisten vornehmlich kurdische Organisationen und Aktivisten, erstmals wurden nun Touristen zu Opfern. Dass der Attentäter vor allem Deutsche in den Tod riss, könnte eine Reaktion auf die Aufklärungsflüge der Bundeswehr sein, die seit Jahresbeginn von Incirlik nach Syrien starten.

Die IS-Terrormiliz bekannte sich entgegen ihrer üblichen Praxis zunächst nicht zu dem Terrorangriff, genau wie bei den drei schweren Attacken des letzten Jahres in den türkischen Städten Diyarbakir, Suruc und Ankara, die ihr ebenfalls zugeschrieben werden. Der Istanbuler Anschlag hat Befürchtungen verstärkt, dass die Sicherheitskräfte der Gefahr zunehmend hilflos gegenüberstehen. Erst am Montag hatte die Zeitung Habertürk behördeninterne Informationen über IS-Schläferzellen publik gemacht. Danach soll der IS allein in der Hauptstadt Ankara 450 Mitglieder rekrutiert haben. Doch Polizei und Militär konzentrieren sich derzeit vor allem auf den Kampf gegen die Kurdenguerilla PKK im blutigen Bürgerkrieg im Südosten des Landes.

Schwere Einbußen erwartet

Sultanahmet ist normalerweise ein quirliger, lauter, bunter Ort voller Menschen. Doch knapp eine Stunde nach dem Anschlag wirkt das Viertel am Dienstag ungewohnt still. Polizisten haben die Explosionsstelle weiträumig abgesperrt, zwischenzeitlich ist der Straßenbahnverkehr eingestellt worden. Ein Hubschrauber kreist über dem Hippodrom, Polizisten sichern die Aufnahmen der zahlreichen Überwachungskameras. Fernsehteams warten auf Stellungnahmen der Polizeiführung. Auch Touristen stehen am Straßenrand und nehmen die Szene mit ihren Handykameras auf. Europäer sind kaum unter ihnen, um diese Jahreszeit kommen vor allem Gäste aus dem arabischen Raum in die Bosporusmetropole.

Der 40-jährige Kaufmann Fetih Arumaih ist mit seiner Frau und drei Kindern aus Saudi-Arabien angereist, um eine Woche lang Istanbul zu erleben. „Unser Hotel liegt nur 500 Meter entfernt. Ich habe meiner Familie noch gar nicht erzählt, was passiert ist, um sie nicht zu ängstigen“, sagt er. „Wären wir nur eine Stunde früher losgegangen, wären wir vielleicht jetzt tot.“ Dann sagt Arumaih, dass er die Reise wahrscheinlich abbrechen werde. Diese Reaktion der Touristen fürchten die Hoteliers, Händler und Gastwirte am meisten. „Natürlich haben unsere Gäste Angst“, sagt Altin Diko, Manager des kleinen Hotels Star Holiday gegenüber der Hagia Sophia.