blz_logo12,9

Anschlag in Pakistan: Dozent zückte eine Pistole, um Studenten zu verteidigen

Trauer und Anteilnahme am Mittwoch am Krankenhaus in Charsadda

Trauer und Anteilnahme am Mittwoch am Krankenhaus in Charsadda

Foto:

REUTERS/Khuram Parvez

Die sechs schwer bewaffneten Angreifer schlichen sich im Morgennebel an. Die Sichtweite rund um das Gebäude der Bacha-Khan-Universität in Charsadda im Nordwesten Pakistans betrug knapp zehn Meter. Als nach drei Stunden langen, heftigen Kämpfen die Waffen wieder schwiegen, waren mindestens 21 Studenten und Dozenten sowie mindestens vier Angreifer der radikalislamischen pakistanischen Talibanmilizen tot. Mindestens 30 Menschen wurden bei dem Überfall am Mittwoch zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Kein Interesse an Frieden

Die Attacke erinnerte an den Anschlag auf eine Schule des pakistanischen Militärs vor rund einem Jahr im 50 Kilometer entfernten Peshawar, bei der rund 150 Menschen – die meisten Schüler – ermordet worden waren. Doch der Angriff in Charsadda zeigt nun mehr noch als andere Terrorüberfälle der vergangenen Jahre, wie verhasst den radikalislamischen Extremisten des Landes Frieden oder Alternativen zur Gewalt sind.

Die Gruppe überfiel am Mittwoch an dem Tag die Universität, als Dutzende von Gedichten vorgetragen werden sollten. Studenten und Dozenten wollten dem 1988 verstorbene Abdul Ghaffar Khan gedenken – im Volksmund Bacha Khan genannt und Namensgeber der Universität. Der war ein Weggefährte von Mahatma Gandhi, Indiens Ikone der Gewaltlosigkeit. Im Jahr 1929 begründete Bacha Khan den passiven Widerstand gegen das britische Kolonialreich in Pakistan.

Dozenten mit Pistolen

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod erinnerten die Talibanmilizen nun mit ihrem brutalen Angriff an die fast vergessene Tradition der Gewaltlosigkeit im Paschtunen-Gebiet im Norden des Landes im Grenzgebiet zu Afghanistan. Sie schlichen sich auf der Hinterseite der Universität an und drangen zunächst in die Räume der Studenten ein, in denen sie übernachten.

„Unser Chemiedozent hat angeordnet auf keinen Fall das Gebäude zu verlassen, als der Angriff anfing“, sagte ein Student am Mittwoch. Hamid Hussain, so der Name des jungen Professors, zückte selbst eine Pistole und versuchte, die jungen Leute in seinem Unterrichtsraum zu verteidigen. Ein Talibanattentäter streckte ihn laut Augenzeugen mit zwei Schüssen nieder.

Angst vor Wiedererstarken der Extremisten

Pakistans Behörden hatten nach dem Anschlag auf die Militärschule in Peshawar vor mehr als einem Jahr beschlossen, das Lehrpersonal an Schulen und Universitäten in der Region zu bewaffnen. Doch das scheint wenig zu nützen. Das Massaker in der Universität weckt nun zudem Zweifel am nachhaltigen Erfolg einer Militärkampagne, für die sich Armeechef Raheel Sharif bereits seit Monaten feiern lässt. 2013 hatten die Generäle eine Militäroffensive in der Region Wasiristan gestartet, in der sich sowohl Mitglieder von Al Kaida wie auch der Taliban versteckten. Viele flohen nach Afghanistan.

On Pakistans Terrorszene zerschlagen werden kann, war von Anfang an umstritten. Der Anschlag nun auf die Universität von Charsadda folgt einer Reihe von Attacken der vergangenen Woche – und weckt Befürchtungen, dass die Terrorgruppen des Landes sich neu formiert haben und versuchen, aus der Defensive zu kommen.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?