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Antisemitismus in Berlin: Alter und neuer Judenhass

In der Synagoge wie hier in Prenzlauer Berg tragen Männer die Kippa. Zentralrats-Präsident Josef Schuster hat Gläubige aber davor gewarnt, sie überall zu zeigen – und damit eine Debatte ausgelöst.

In der Synagoge wie hier in Prenzlauer Berg tragen Männer die Kippa. Zentralrats-Präsident Josef Schuster hat Gläubige aber davor gewarnt, sie überall zu zeigen – und damit eine Debatte ausgelöst.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Berlin -

Viele Juden in Deutschland sind alarmiert. Nach den antisemitischen Anschlägen von Paris und Kopenhagen ist in den Gemeinden eine erneute Debatte über die Sicherheit jüdischer Einrichtungen entbrannt. Es geht auch darum, ob der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, recht hat. Er hatte Juden davor gewarnt, in Vierteln mit vielen Muslimen eine Kippa, die rituelle Kopfbedeckung, zu tragen.

Antisemitismus sei in Deutschland virulent. Es sei leider notwendig, Synagogen und andere jüdische Einrichtungen zu bewachen, sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, am Freitag beim Jüdischen Jugendkongress in Berlin. Besonders besorgniserregend sei, dass zum Rechtsextremismus antisemitischer Islamismus hinzukomme. Importierter Antisemitismus sei eine Bedrohung und ein neues Phänomen für die Sicherheitsbehörden.

Konkrete Hinweise zu Anschlagsplänen auf jüdische Einrichtungen gebe es nicht, sagte Maaßen. Dennoch riet er zur Vorsicht im Alltag. Dass es Personen gebe, die sich von einer Kippa oder Davidsternen provoziert fühlten, sei Realität. „Darüber muss man sich einfach im Klaren sein, und man sollte sich in solchen Gegenden entsprechend verhalten“, sagte er.

Die Amadeu-Antonio-Stiftung zählte im vergangenen Jahr in Deutschland 864?Straftaten mit antisemitischem Hintergrund – das waren rund zehn Prozent mehr als 2013.

Polizei schützt rund um die Uhr

In Berlin nehmen bis Sonntag mehr als 400 junge Juden zwischen 18 und 35 Jahren am diesjährigen Jugendkongress teil. Das Treffen wird alljährlich vom Zentralrat der Juden in Deutschland und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden organisiert. Die Polizei schützt es rund um die Uhr. Zentralrats-Präsident Schuster bekräftigte dort seine Warnung. Sie gelte aber nicht nur für Viertel mit einem hohen Anteil muslimischer Zuwanderer, eine Bedrohung gebe es auch dort, wo überdurchschnittlich viele Rechtsradikale lebten. Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD), hatte Schusters Mahnung zuvor zurückgewiesen. Er nehme die Situation in Berlin nicht so wahr, sagte er. Momentan gebe es in der Hauptstadt keine Viertel, in denen man sich nicht frei bewegen könne.

Unions-Fraktionschef Volker Kauder wertete Schusters Worte dagegen als „Alarmsignal für die Gesellschaft“. Juden müssten sich auch künftig in Deutschland sicher fühlen können, „wir alle haben eine einzigartige Verantwortung gegenüber unseren jüdischen Mitbürgern“. Ähnlich äußerte sich Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD).

In der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, mit mehr als 10?000 Mitgliedern die größte in Deutschland, trifft die Sicherheits-Debatte einen Nerv. Bereits im Januar registrierte die Gemeinde, dass vor allem viele ältere Mitglieder Angst vor einem aufflammenden Antisemitismus haben. Der Gemeindevorstand hat seitdem mehrfach auf ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis in und vor jüdischen Einrichtungen aufmerksam gemacht. Zuletzt hatte die Gemeindeleitung beschlossen, die Zeitung Jüdisches Berlin nur noch in einem neutralen Umschlag zu versenden, damit die Empfänger nicht durch die Post in ihrem Briefkasten als Juden erkennbar sind. Ebenso sind aus der Gemeinde aber auch Stimmen zu hören, die vor Panikmache warnen.