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Antje Vollmer: „Auch die Grünen scheinen mir sehr geschichtsvergessen“

Antje Vollmer.

Antje Vollmer.

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Frau Vollmer, zweifeln sie noch, dass die Krim ein Teil Russlands wird?

Nein, zu viel ist schief gelaufen.

Welchen Sinn machen dann Drohungen mit Sanktionen oder der Ruf nach Härte gegen Putin, den man auch von den Grünen hört?

Sanktionen sind immer eine primitive Maßnahme, deren gewünschte Wirkung selten eintrifft.

Reisebeschränkungen und gesperrte Konten sollen nur jene treffen, die Verantwortung tragen.

Viel Glück beim Trennen der Westkonten von bösen und guten Oligarchen! Das enthebt uns auch nicht der Pflicht, die Ursachen dieses Konflikts zu analysieren. Mir scheinen, das sage ich mit großer Trauer, auch die Grünen sehr geschichtsvergessen. Sie agieren, als kennten sie kein Heute und Morgen, sondern nur den starken Moment der euphorischen Gesinnung. Das ist politischer Narzissmus, aber keine Lösung des realen Konflikts.

Was wird denn vergessen?

Derzeit wird an den Ersten Weltkrieg erinnert. Der ist auch deswegen ausgebrochen, weil Politiker sich leichtfertig in eine Fehleinschätzung der Lage hineingesteigert hatten. Von diesem Baum sind sie dann nicht wieder heruntergekommen. Die Grünen ähneln jetzt der SPD 1914. Im Augenblick ist es wichtig, die Politiker auf beiden Seiten des gerade wieder entstehenden Eisernen Vorhangs von diesen Bäumen der Hysterie wieder herunterzukriegen.

Wie erklären Sie sich diesen Rückfall in Konfrontation und Blockdenken?

Diesmal zum Ende des Ersten Weltkriegs: Der Versailler Vertrag hatte ignoriert, dass der Sieger eines Krieges mit dem Besiegten in eine friedliche Nachkriegsordnung einbinden müssen. Die Folge war permanente Instabilität. Nach 1989 bestand der Fehler des Westens darin, dass er der besiegten Sowjetunion auch keine Rolle in einer Friedensordnung angeboten hat, obwohl sie darauf einen legitimen Anspruch gehabt hätte. Immerhin hat sie die Länder des östlichen Europas ohne Blutvergießen in die Freiheit ziehen lassen. Das hätte man honorieren müssen. Stattdessen fand Gorbatschow keinen Partner für seine Idee des „gemeinsamen Hauses Europa“. Putin ist die Antwort auf diese historische Erfahrung. Das gefällt mir auch nicht, aber ich kann es begreifen.

Was helfen historische Analysen in dieser aktuellen Situation?

Wir müssen unsere Ziele bestimmen: Wir wollen keinen Krieg, und die Ukraine soll eine weitgehend ungeteilte und selbstständige Entwicklung nehmen. Wir müssen anfangen, den Russen eine Perspektive auf eine wirklich vertrauensvolle Kooperation mit dem Westen zu geben. Dafür muss der Westen seinen Triumphalismus aufgeben.

Nimmt sich Russland das Vorgehen des Westens im Kosovo zum Vorbild?

Ich habe immer gewusst, dass wir für den Bruch des Völkerrechts im Kosovo-Krieg irgendwann von Russland oder China die Rechnung vorgelegt bekommen.

In Kiew begann alles als zivilgesellschaftliche Bewegung Richtung EU. Jetzt behaupten einige, der Maidan sei von Faschisten unterwandert.

Es ist völlig unsinnig, den Maidan zu einer rechten Bewegung zu erklären. Aber der Protest ist durch leichtfertige Ermutigungen und Versprechungen, die der Westen nie einhalten kann, eskaliert. In diesem Moment fehlten ernsthafte Berater, gute Freunde.

Eine dieser Beraterinnen ist Ihre Parteifreundin Rebecca Harms.

Sie hat zweifellos seit den Zeiten von Tschernobyl enge Freunde in Kiew. Die Zuspitzung der grünen Position durch sie und Marie-Louise Beck halte ich jedoch für verheerend. Plötzlich finden sich die Grünen rechts von Egon Bahr, Henry Kissinger und Helmut Kohl. Grüne Politik begann immer damit, Bomben und Feindbilder im eigenen Kopf zu entschärfen und Auswege aus Konfrontationen zu suchen, die die andere Seite auch realistisch gehen kann.

Am Ende bleibt die Frage: Was tun?

Die Zeit zwischen dem Sonntag und den ukrainischen Wahlen im Mai darf nicht mit weiteren Eskalationen gefüllt werden. Stattdessen müssen Pläne entwickelt werden, um die Ukraine zusammenzuhalten. Die EU hat sehr leichtfertig Versprechungen gemacht. Wir bringen nicht einmal das Geld für einen Marshall-Plan für Griechenland auf, wir werden nicht fertig mit der Korruption und den Oligarchen in Rumänien und Bulgarien – und trauen uns mal eben zu, die Ukraine zu beglücken. Das ist nicht glaubwürdig.

Das Gespräch führte Frank Herold.