1890 Euro brutto sind nicht viel. Miete und Versicherung, Strom und Gas, Gebühr für die Kita – da ist schnell das Limit erreicht. Immer mehr Menschen müssen trotz Vollzeitjob mit solch kargem Lohn auskommen – in Hessen jeder Fünfte, so hat es das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Studie errechnet.
Brisante Zahlen. Und so sorgt die Studie für Streit. Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) sieht die Wirklichkeit durch die Studie verzerrt. Statt Niedriglöhne schlecht zu reden, wäre es hilfreicher, die Aufstiegschancen für Arbeitslose zu benennen, moniert VhU-Chef Volker Fasbender. DGB-Boss Stefan Körzell kontert: Es sei blanker Hohn, von einem Aufstieg in Arbeit zu sprechen. Die Studie beschreibe eine Entwicklung, die der DGB schon lange mit großer Sorge beobachte.
1890 Euro brutto gilt als Grenze zum Niedriglohn in Westdeutschland. So hat es das IAB errechnet. Zuerst wird das Median-Einkommen ermittelt; das ist das Maß für den mittleren Lohn. Niedriglohn bezieht der, der weniger als zwei Drittel des Mediangehalts bekommt.
Das IAB ist die Forschungseinrichtung der Arbeitsagentur. Das Institut veröffentlicht seit 1967 regelmäßig Analysen zum Arbeitsmarkt. Die Ergebnisse sollen der Politik helfen, Trends zu erkennen und gegenzusteuern. www.iab.de/de/publikationen.aspx
Ein Blick auf die Zahlen für Hessen: Der Anteil des Niedriglohnsektors habe deutlich zugenommen, meldet das IAB. 2010 verdienten landesweit 311.500 Beschäftigte weniger als 1890 Euro brutto im Monat; das entspreche einer Quote von 19,2 Prozent. Elf Jahre davor lag dieser Wert noch bei 14,4 Prozent.
Rasanter Anstieg
Mit dem ermittelten Wert liegt Hessen zwar unter dem Schnitt für Westdeutschland von 20,8 Prozent; der Zuwachs an schlecht bezahlten Beschäftigten sei dort aber im Vergleich zu anderen Ländern rasanter. „Der deutliche Anstieg von Niedriglöhnen in den letzten zehn Jahren stimmt bedenklich“, sagt Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen.
Laut Studie bezieht ein Drittel der Frauen mit Fulltime-Job nur Niedriglohn. Bei den Vollzeitbeschäftigten unter 25 Jahren ist der Anteil mit 48,5 Prozent noch höher – obwohl Azubis bei der Studie gar nicht berücksichtigt sind. Alarmierend: Auch Arbeitnehmer mit abgeschlossener Berufsausbildung und sogar mit Hochschulausbildung sind betroffen.
Krankenpfleger haben einen harten Job. Sie müssen Menschen vom Bett in den Rollstuhl heben, einsamen Patienten Trost zusprechen, auch nachts für andere da sein. Dennoch gehören viele Pfleger zur wachsenden Gruppe mit einem Gehalt unter der westdeutschen Niedriglohnschwelle. Auch viele Friseure und Gebäudereiniger gehören dazu, ebenso Pförtner, Busfahrer und Tankwarte.
Laut IAB-Studie werden geringe Löhne vor allem von Dienstleistern gezahlt. „Verfolgt man die Diskussion um den Fachkräftemangel im Bereich Pflege und Gesundheit ist gerade der hohe Anteil von Niedriglohnbeziehern bei den Gesundheitsberufen erstaunlich“, meinen die Autoren Alfred Garloff und Jan Machnig.
DGB fordert Mindestlohn
Der DGB Hessen warnt vor steigender Altersarmut sowie abnehmender Binnennachfrage – und erneuert seine Forderung nach Einführung eines Mindestlohns von 8,50 Euro die Stunde.
Der VhU dagegen warnt: Überhöhte Lohnforderungen verhinderten vielfach den Sprung aus der Arbeitslosigkeit in den Job. „Wir brauchen dringend einen Niedriglohnsektor, um auch gering qualifizierten Menschen ein selbst bestimmtes Leben mit Aufstiegschancen zu ermöglichen“, sagte Fasbender. Die IAB-Studie dagegen blende die gesunkene Arbeitslosigkeit und das Hoch bei den Erwerbstätigen als wesentlichen Grund für den Zuwachs beim Niedriglohn komplett aus. Deshalb sei die Studie wertlos.
DGB-Chef Körzell hält dagegen: Die Studie des IAB belege, dass der Fahrstuhl aus der Arbeitslosigkeit im Niedriglohn stecken bleibe. Sie sei eine gute Grundlage im Kampf gegen die weitere Entwertung der Arbeit.

