Über Jahrzehnte haben Gewerkschaften für kürzere Arbeitszeiten gekämpft: In den 1960er-Jahren wurde in vielen Branchen die 40-Stunden-Woche eingeführt, erst 20 Jahre später gelangen weitere Verkürzungen. Doch nun wollen Unternehmen zurück in die Vergangenheit: Die Chemie-Arbeitgeber bringen Arbeitszeiten von 42 Stunden und mehr ins Spiel.
„Wir müssen länger arbeiten und wir müssen flexibler arbeiten“, befand der Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Chemie, Hans-Carsten Hansen, zum Auftakt der Tarifrunde für die Chemieindustrie. Denn aufgrund der demografischen Entwicklung steige der Anteil älterer Beschäftigter.
Gleichzeitig würden immer weniger junge Fachkräfte nachrücken. Unternehmen bräuchten mehr Flexibilität, „etwa durch die Verlängerung der tariflichen Arbeitszeit“.
42 Stunden in der Woche
Derzeit gilt in der Chemie-Branche die 37,5-Stunden-Woche. Eine Öffnungsklausel ermöglicht es Betrieben schon heute, die Arbeitszeit auf 35 Stunden zu senken – oder auf 40 Stunden zu erhöhen.
Das reicht den Arbeitgebern nicht. Vorstellbar sei, dass einzelne Mitarbeiter oder Beschäftigtengruppen künftig 42 Stunden arbeiten, sagte ein Sprecher. Zudem wollen sie Entlastungen für ältere Schichtarbeiter auf den Prüfstand stellen. Bislang gilt: Wer 15 Jahre im Schichtdienst malocht hat und älter als 55 Jahre ist, arbeitet dreieinhalb Stunden pro Woche weniger. Das sei nicht mehr zeitgemäß, so Hansen: „Menschen über 50 sind heute wesentlich fitter als früher“. Das dürften viele Schichtarbeiter, deren Belastung unbestritten ist, als pure Provokation empfinden.
Offenbar wollen die traditionell konsensorientierten Chemie-Arbeitgeber diesmal mehr Härte zeigen. Es ist das erste Mal, dass sie mit solch weitreichenden Gegenforderungen in die Tarifrunde gehen. Ihre Arbeitszeit-Wünsche veröffentlichten sie just an dem Tag, an dem die Chemie-Gewerkschaft IG BCE ihre Lohnforderung von sechs Prozent präsentierte. Deren Verhandlungsführer stellte klar: „Eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche wird es mit der IG BCE nicht geben.“
Mit ihrem Arbeitszeit-Vorstoß stehen die Chemie-Arbeitgeber nicht allein da. Auch die Metall-Arbeitgeber deuten vorsichtig an, dass sie in die gleiche Richtung marschieren wollen: „Eine Erfahrung aus der Krise und dem nachfolgenden Boom ist der Umgang mit der Arbeitszeit“, sagte Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer des regionalen Arbeitgeberverbands Südwestmetall. „In der Krise gab es eine Flexibilität nach unten, in einem Boom und bei fehlenden Fachkräften wünschen wir uns mehr Flexibilität nach oben. Darüber wollen wir mit der IG Metall reden.“
Dabei gibt es seit einiger Zeit den Trend zu flexibleren und längeren Arbeitszeiten. Im öffentlichen Dienst und in der Baubranche wurde die tarifliche Arbeitszeit ausgedehnt. In der Metall-Industrie kann für einen Teil Beschäftigten die 40- statt der 35-Stunden-Woche vereinbart werden. In diesem größten Industriezweig ist die durchschnittliche tatsächliche Arbeitszeit inzwischen auf mehr als 40 Stunden gestiegen. In der Gesamtwirtschaft leisten Vollzeit-Beschäftigte sogar im Schnitt fast 41 Stunden, ergab eine Auswertung des Instituts für Arbeit und Qualifikation. Auch an Wochenenden müssen Beschäftigte heute öfter in die Firma als früher.

