Der russische Feldmarschall Grigori Alexandrowitsch Potjomkin hatte es nicht leicht am russischen Hof. Seinen Erfolg bei der Zarin Katharina II. neideten ihm seine Gegner. Sie setzten deshalb das Gerücht in Umlauf, dass er auf der neu eroberten Halbinsel Krim Dörfer aus bemalten Kulissen habe errichten lassen, um die Zarin zu beeindrucken – und um den verheerenden Zustand der Gegend zu verschleiern. So entstand die Legende von den Potemkinschen Dörfern.
Auch die Bundesregierung freut sich derzeit außerordentlich über die Lage am Arbeitsmarkt. Im Oktober gab es 2,737 Millionen Menschen ohne Arbeit, auch das vergangene Jahr mit einer offiziellen Arbeitslosenzahl von 3,244 Millionen Menschen verbucht die Bundesregierung als großen Erfolg. Doch worauf es wirklich ankommt, nämlich auf die Frage, ob die Menschen nach ihrem eigenen Dafürhalten ausreichend Arbeit finden, das messen diese Zahlen nicht.
Hinter die Kulissen hat nun das Statistische Bundesamt geblickt. Es hat bei einem Prozent der Haushalte oder etwa 830.000 Menschen nachgefragt, ob sie genügend Arbeit hätten. Diese Zahlen wurden dann auf Deutschland hochgerechnet.
Das Ergebnis der aufschlussreichen Studie ist nicht berauschend. 8,4 Millionen Menschen zwischen 15 und 78 Jahren haben demnach keine Arbeit oder würden gerne mehr arbeiten, wenn sie die Gelegenheit dazu erhielten. Das sind mehr als zehn Prozent der Bevölkerung, die mit ihrer Erwerbssituation nicht zufrieden sind.
Dass die Zahl so hoch ist, hat eine Menge mit der offiziellen Arbeitslosenstatistik zu tun. Sie zählt Menschen, die mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten, als Beschäftigte. Auch wer sich in Weiterbildung oder Programmen zur beruflichen Wiedereingliederung befindet, wird nicht als arbeitslos gezählt. Das wird beim Jubel über die offizielle Arbeitsmarktstatistik gerne vergessen.
Immerhin können aber auch die Statistiker aus Wiesbaden einen Erfolg vermelden. Wenn es im vergangenen Jahr 8,4 Millionen Menschen waren, die gerne mehr gearbeitet hätten, dann waren das immerhin 324.000 Personen oder 3,7 Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor. Das Statistische Bundesamt schlussfolgert dennoch: „Trotz der günstigen Entwicklung am Arbeitsmarkt bleibt somit weiterhin ein erhebliches Potenzial an Arbeitskräften ungenutzt.“
Die Erhebung erlaubt auch einen Einblick, wer gerne mehr arbeiten würde. Dazu gehören natürlich offiziell Erwerbslose, aber auch Studenten, Selbstständige, Hausfrauen, Schüler und Rentner, die nicht als arbeitslos gelten. Auch viele Arbeitnehmer würden gerne länger arbeiten. 22 Prozent der Teilzeitbeschäftigten und 7,3 Prozent der Vollzeitbeschäftigten wünschten sich zusätzliche Arbeitsstunden.
Vor allem Frauen arbeiten häufig in Teilzeit. Sie würden sich laut einem Bericht der Bundesregierung wünschen, zwischen 22 und 29 Stunden arbeiten zu können. Das verhindern oft fehlende Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder oder der Arbeitgeber. Dass selbst Vollzeitbeschäftigte mehr Arbeit suchen, verwundert ebenfalls nicht, schließlich gilt bereits als vollzeitbeschäftigt, wer mehr als 32 Stunden pro Woche arbeitet – ein Pensum, das sich in vier Tagen ohne Probleme erledigen lässt.
Die Arbeitgeber, die in den unterschiedlichsten Branchen über Arbeits- und Fachkräfteknappheit klagen, dürften diese Zahlen ermuntern. Allerdings dürften viele Umschulungen notwendig sein, um das brachliegende Arbeitskräftepotenzial tatsächlich heben zu können.
Andererseits gibt es eine Reihe von Beschäftigten, die nach eigenen Angaben zu viel arbeiten. Die letzte fundierte Erhebung dazu hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung im Jahr 2009 auf der Basis von Daten für das Jahr 2007 gemacht.
Demnach wünschen sich vor allem vollzeitbeschäftigte Männer kürzere Arbeitszeiten. Statt durchschnittlich 43 Stunden pro Woche wollen sie nur 39 Stunden arbeiten.
Weibliche Vollzeitkräfte wünschen sich dagegen vor allem eine Erhöhung ihrer Wochenarbeitszeit. In einer älteren Studie von 2004 kam das DIW zu dem Schluss, dass insgesamt 16 Millionen Menschen gerne kürzer arbeiten würden.
Wirkliche Zufriedenheit am Arbeitsmarkt gibt es also bei vielen Menschen nicht. Lässt sich das Problem lösen? „Ja, klar“, sagt Arbeitsmarktforscher Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Er schlägt einen Kompromiss zwischen kurzen und langen Arbeitszeiten vor: „Das Ideal liegt bei einer kürzeren Vollzeitarbeit für alle.“
Dafür aber muss sich am Arbeitsmarkt noch viel tun. Denn wenn ein Gleichgewicht bei der Arbeitszeit hergestellt werden soll, braucht es auch in jedem Beruf genügend Arbeitskräfte.

