Architektur

Elbphilharmonie Hamburg: Olaf, der Baubeschleuniger

Von 
Die Baustelle der Elbphilharmonie in Hamburg.
Die Baustelle der Elbphilharmonie in Hamburg.
Foto: dapd

Die Hamburger Elbphilharmonie wird zwar noch teurer, aber womöglich sogar fertig. Rund 200 Millionen Euro könnten zusätzlich in das Projekt fließen - Lob bekommt Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz dennoch vom Bund der Steuerzahler.

Sachen gibt’s , die gibt es gar nicht: Da wird ein öffentliches Bauwerk knapp 200 Millionen Euro teurer als gedacht – und der Bund der Steuerzahler verteilt dafür auch noch ein großes Lob am blauen Band.

Genau das ist gerade in Hamburg auf der Dauerbaustelle Elbphilharmonie geschehen. „Ein optimales Verhandlungsergebnis des Ersten Bürgermeisters“, lobt der Steuerzahlerbund Hamburg die Anstrengungen von Rathauschef Olaf Scholz (SPD), der die saure und unangenehme Aufgabe hat, Ordnung in das ewige Durcheinander auf der berühmtesten Baustelle der Hansestadt zu bringen. Ein ganzes Jahr lang ruht der Baubetrieb schon, weil sich Hamburg, das Architekturbüro Herzog & de Meuron und der Baukonzern Hochtief so zerstritten hatten, dass nichts mehr vor oder zurück ging. Im Rathaus spottete man, auf dem Bau im Hafen seien mehr Anwälte als Maurer, Trockenbauer und Elektriker unterwegs.

Mehrere Ultimaten verstrichen

Mehrere Ultimaten der Stadt Hamburg waren verstrichen, ohne dass irgendetwas passierte, während die Kosten in die Höhe schossen. Das Jahrhundertbauwerk ruhte vor sich hin. „Bauen Sie jetzt endlich fertig“, forderte die Opposition in der Hamburger Bürgerschaft Olaf Scholz kürzlich auf.

Nach Lage der Dinge könnte es nun tatsächlich vorangehen. Die Einigung der drei Verzankten sieht so aus: Hochtief will das Konzerthaus fertigbauen, übernimmt alle noch denkbaren Risiken und verhandelt direkt mit den Architekten. Die Rege, Hamburgs Realisierungsgesellschaft, welche das Treiben eigentlich steuern und überwachen sollte, hält sich fortan aus allem heraus. Dafür wird der Bau noch einmal 198 Millionen Euro teurer. Der Gesamtpauschalpreis, den Hochtief verlangt, beläuft sich auf 575 Millionen Euro. Ursprünglich sollte der öffentliche Anteil an dem, was einmal eines der allerfeinsten Konzerthäuser auf diesem Planeten werden soll, schmale 77 Millionen Euro betragen. Hier die neuen Daten: Fertigstellung 31. Oktober 2016, Eröffnungskonzert: Frühjahr 2017.

Die jetzt getroffene Vereinbarung dürfte Hochtiefs allerletzter Versuch sein. Bürgermeister Scholz war drauf und dran, den Baukonzern rauszuwerfen und die Fertigstellung neu zu vergeben. Aber das wäre wahrscheinlich noch teurer geworden als die nun gefundene Lösung. Alle Aufträge hätten neu ausgeschrieben, womöglich 150 Ingenieure neu eingestellt werden müssen. Ein jahrelanger Rechtsstreit mit Hochtief wäre zudem unausweichlich gewesen. Und der Eröffnungstermin ist außer Sichtweite geraten.

„Ideal ist beides nicht.“

„Emotional schwankt man da hin und her“, hatte Bürgermeister Scholz seine Lage am Samstag nach der alles entscheidenden Sondersitzung des Senats beschrieben. In der Nacht zuvor habe er schlecht geschlafen, was etwas heißen will bei dem ruhigen Mann. Aber nun sei es entschieden. Und so oder so – der Bau kostet mehr Geld. Scholz: „Ideal ist beides nicht.“ Dann wenigstens mit der Aussicht, dass noch etwas zu seinen Amts- und Lebenszeiten daraus werden könnte.

Aber ausgemacht ist auch das noch nicht, denn bis auf die spektakuläre Fassade und Außenhaut ist noch nicht viel gebaut. Der interessantere Teil kommt noch, und es kann eine Menge schiefgehen. Das komplizierte Innenleben der Elbphilharmonie mit ihren spektakulären, auf Federn gelagerten Konzertsälen ist noch gar nicht angefangen worden. Man ist erst beim Rohbau. Ende November wurde damit begonnen, vorsichtig das Dach auf das Gebäude abzusenken – eine Sache, um die Stadt und Baukonzern monatelang gestritten hatten: Hochtief fürchtete, die Konstruktion der Schweizer Architekten könnte das Haus einstürzen lassen. Die Stadt Hamburg hielt das für den plumpen Versuch, Druck aufzubauen.

Dennoch ist man in Hamburg seit dem Wochenende einigermaßen optimistisch, dass die Dinge vorangehen werden. Denn der Hauptkonstruktionsfehler des Projekts scheint behoben zu sein: Bislang machten die Schweizer fantastische Pläne, Hochtief jammerte, die Pläne seien nicht oder nur zu höheren Kosten überhaupt umsetzbar, Hamburg saß zwar mit seiner Realisierungsgesellschaft auch noch mit am Tisch, aber dummerweise zwischen allen Stühlen: Man war völlig überfordert, hatte keinerlei Kontrolle über das Geschehen und bekam immer höhere Rechnungen vorgelegt. Hochtief und Herzog & de Meuron funktionierten wie zwei Hunde, die eine Metzgerei bewachen sollten.

„Das ganze Projekt ist völlig verfahren“

„Das ganze Projekt ist völlig verfahren“, hatte die Grünen-Abgeordnete Eva Gümbel im Herbst entnervt festgestellt. „Es wurden Verträge abgeschlossen, bei denen der Hauptvertrag und die Anlagen sich an vielen Stellen widersprechen.“ Nach Ansicht Gümbels könnte das Vertragswerk allenfalls für ein Parkhaus taugen, nicht für einen Jahrhundertbau.

Das ist nun alles vorbei mit dem Pauschalangebot von 575 Millionen Euro und dem Versprechen Hochtiefs und der Architekten, die nötigen Dinge fortan direkt auszuhandeln. Hochtief klagte am Wochenende, man werde an der Elbphilharmonie keinen Cent verdienen.

Ursprünglich sollte sie einmal mit ihrem musikalischen Teil, den sündhaft teuren Wohnungen, der Gastronomie und dem Parkhaus vergangenes Jahr eingeweiht werden. Nun ist man in Hamburg froh, wenn das Werk irgendwann vollendet ist und man den Spott und den Vergleich mit dem Berlin-Brandenburger Flughafen nicht mehr länger ertragen muss.

Ganz zufrieden ist der Bund der Steuerzahler dennoch nicht. Man glaubt nämlich nicht, dass es beim Pauschalpreis von 575 Millionen Euro bleibt. Durch die Bauverzögerungen, so Verbandschef Marcel Schmelzer, würden es am Ende wohl eher 650 Millionen Euro.

Auch interessant
Neueste Bildergalerien Kultur & Medien
Serie zur Gentrifizierung
Sonderbeilagen & Prospekte
Galerie
Anzeige
Neu im Kino
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Galerie
Magazin
Weblogs
Die Blogs der Berliner Zeitung.

Anekdoten aus Berlin, Pop-Expertisen und Beziehungsfragen.

62. Internationale Filmfestspiele Berlin

Vom 9. bis 19. Februar wurde die Hauptstadt wieder zum Mekka für Cineasten aus aller Welt. Alle Filmkritiken, Gewinner und Bilder vom Roten Teppich zum jährlichen Highlight finden Sie in unserem Festival-Dossier. mehr...

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. €) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen