06.05.2008

"40 Jahre 1968. Die letzte Schlacht gewinnen wir" - ein Kongress der Linken.SDS: Pop-Rudi im Beutel

Von Franka Nagel

Freitag morgen, kurz nach 10 Uhr im Audimax der Berliner Humboldt-Universität. Ein lauter Schlag auf das Geländer der Balustrade. Plötzlich segelt ein Schwung Flugblätter auf die ahnungslose, einvernehmlich linke Menschenmenge in den Sitzreihen. Ein Transparent mit Lenins Kopf wird entrollt, "10 Millionen Tote" steht darauf. Durchs Megafon brüllen die Mitglieder der "Konservativ-subversiven Aktion", die sich heimlich auf die Balustrade geschlichen hatten, etwas in die Menge, aber das geht in erbosten Rufen unter: "Hoch die internationale Solidarität!" Dann werden die paar Störenfriede von der Balustrade gedrängt. "Scheiß Sozialisten", kann einer der Aktivisten gerade noch rufen. "War das echt oder getürkt?", fragt ein aus Göttingen angereister Student aufgebracht. In der Tat passte diese Aktion mit ihrem pathetisch platten Gestus so gut zum folgenden Teil der Veranstaltung, dass man das Ganze glatt für eine Inszenierung halten konnte. Unter Applaus und Pfiffen der Anwesenden wird ein rotes Banner gehisst. Es verkündet: "Die letzte Schlacht gewinnen wir" - Motto und Auftakt des Kongresses "40 Jahre 1968", den der im letzten Jahr gegründete Studentenverband Die Linke.SDS und die Linksjugend am Wochenende in der Humboldt-Uni veranstalteten. 70 Podiumsdiskussionen, Workshops und Vorträge sollten die Debatte um '68 "von links besetzen", wie es im Programmheft hieß. Der junge Studentenverband selbst wollte damit den größten Kongress zum Thema organisiert haben: Da diskutierte Elmar Altvater mit anderen über die Wiederentdeckung des Kapitals, Hans-Christian Ströbele versuchte, die Frage zu klären, ob die APO zum Terrorismus führte, und in Workshops konnte man antisexistische Praktiken erproben oder gar das "Aktionstraining ziviler Ungehorsam" absolvieren. Was bleibt? Gleich zu Beginn des Kongresses diskutierten die Bundestagsabgeordnete Nele Hirsch (Die Linke), Alex Demirovic und Wolfgang Nitsch - einer der damals Beteiligten - die historische Denkschrift des SDS von 1961. Den Hintergrund der Diskussion bildete eine neue Denkschrift, an der Die Linke.SDS arbeitet. "Natürlich kann die Denkschrift nicht Wort für Wort übernommen werden, wohl aber die Herangehensweise", fand Nele Hirsch. Die Vermutung, dass es dem neuen SDS vornehmlich um Selbstfindung vor dem Hintergrund von 1968 geht, drängte sich während des Kongresses immer wieder auf. Doch ein Unterschied zum historischen SDS ist frappierend: Dieser hatte sich bekanntermaßen von jeglicher Partei losgesagt und gehörte der APO an, während der neue Studentenverband eng mit der Linkspartei verbandelt ist. Vor diesem Hintergrund scheinen gewollte Parallelen und Vergleiche fragwürdig. Wolfgang Nitsch bezeichnete es denn auch bei aller offenkundigen Sympathie für die Studenten als "problematisch, dass der SDS sich auf den historischen SDS bezieht". Wie Hirsch fand auch Katharina Volk, die Geschäftsführerin der Vereinigung, der neue SDS sollte "versuchen, aus '68 und dem alten SDS strategisch zu lernen". Denn die meisten Ziele der 68er seien nicht erreicht - noch nicht, beklagte sie auf der Podiumsdiskussion "Gesiegt? Gescheitert? Was bleibt von 1968?". Schlagwortreich rief sie zum "erneuten Kampf gegen den Kapitalismus" auf, für den die Zeit vielleicht jetzt gekommen sei. Ihr Diskussionspartner Gerd Koenen, ehemaliger linksradikaler Aktivist und inzwischen öffentlicher Kritiker der 68er, konnte zwar durchaus verstehen, "dass der neue Studentenverband vom alten SDS etwas im Beutel davontragen wolle", doch könne man es dabei nicht belassen. Die Auseinandersetzung mit der DDR und dem real existierende Sozialismus habe zu seinem Bedauern keinen Platz auf dem Kongress gefunden. So bleibe die Auseinandersetzung oberflächlich. "Bastelt euch doch nicht so einen Pop-Rudi", war sein Rat.

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