82 Menschen starben bei Katastrophe vor 60 Jahren: Brennende Balken töteten Ballgäste

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Vier Kanonenöfen hat der Wirt Julius Loebel angeheizt. Sie bullern ununterbrochen. Draußen ist es eisig kalt. 25 Grad minus und Dauerfrost. Die 750 Gäste, die zum Kostüm- und Maskenball des Sportvereins Spandau-Neustadt gekommen sind, sollen es warm haben im Lokal Karlslust an der Hakenfelder Straße in Hakenfelde. Die Feiern in Karlslust sind legendär. Bis 1947. Dann ist innerhalb von anderthalb Stunden Schluss mit dem Schwof. Für immer. Heute vor 60 Jahren, am 8. Februar 1947, fällt das Karlslust in Schutt und Asche. 82 Frauen und Männer sterben. Sie werden erschlagen, verbrennen oder ersticken. Mehr als 150 Gäste werden bei dem Brand verletzt. Das Feuer ist die schlimmste Katastrophe in Berlin seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Julius Loebel hat vor dem Fest die Polizeistunde von der Geschäftsstelle IV der Polizei-Inspektion-Spandau bis fünf Uhr verlängern lassen. 50 Karten hat die britische Besatzungsmacht erhalten. Alkolat, ein Alkoholersatz sowie dünnes Einheitsbier fließen in Strömen. Gegen 22 Uhr drehen Kunstradfahrer im Saal eins ihre letzten Runden. Anschließend bittet Wirt Loebel zum Tanz. Die Kapelle spielt bis 22.45 Uhr. Dann knistert und knackt es in der Decke über dem Tresen. Zunächst züngeln kleine Flammen an der Holzverschalung. Dann stürzt die Decke ein und begräbt dutzende Menschen. Das Licht fällt aus. Die Leute versuchen in Panik zu fliehen. Doch die Fenster sind aus Angst vor Einbrechern vergittert - die Notausgänge sind zugemauert. Viele Gäste, die meisten zwischen 19 und 25 Jahre alt, rennen in Panik ins Freie. Als sie merken, dass sie ihren Mantel vergessen haben, versuchen sie wieder in den Saal zu gelangen. Die meisten hatten in der Nachkriegszeit nur den einen. Der Weg zur Garderobe wird für viele zum Weg in den Tod. Sie werden von brennenden Balken erschlagen. Anderthalb Stunden dauert es, dann ist das Lokal bis auf die Mauern runtergebrannt. Die Versorgung der Überlebenden und ihr Transport wird bei der Kälte zum Problem. Um 22.50 Uhr ist der erste Notruf bei der Spandauer Feuerwehr eingegangen. Nach und nach treffen Wehrleute aus der ganzen Stadt ein. Eine einheitliche Notrufnummer für die Feuerwehr gibt es noch gar nicht. Jede Feuerwache muss direkt angerufen werden. Lange Umwege wegen zerstörter Brücken müssen in Kauf genommen werden. Außerdem dürfen die Retter nicht schneller als Tempo 40 fahren. Das ist von den Alliierten so festgelegt worden, damit die Besatzungsmächte mit ihren Autos immer Vorfahrt haben. Brandursache nie geklärt Am 25. Februar werden auf dem Friedhof "In den Kisseln" die Toten beerdigt. Die Brandursache wird nie geklärt. Zwei Wochen nach der Beerdigung der Opfer geben die Besatzungsmächte ihr Vorfahrtsrecht und das Tempolimit auf. Ab Oktober gibt es eine einheitliche Notrufnummer für die Feuerwehr. Die "02". Inzwischen ist über das Fundament von "Karlslust" längst Gras gewachsen. Vor zehn Jahren erinnerte das Bezirksamt Spandau mit einem Gottesdienst an die Katastrophe. Für dieses Jahr sei kein Gedenken an die Opfer geplant, hieß es gestern aus der Behörde. ------------------------------ Foto: Die Ruine des Lokals Karlslust 1947 einen Tag nach der Katastrophe

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