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Ab 2012 fliegen Jets über die nukleare Forschungsanlage und das Lager radioaktiven Mülls in Wannsee: Reaktor in der Einflugschneise

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So ein Reaktor gehöre ganz bestimmt nicht unter eine viel genutzte Flugroute, kritisiert Anja Schillhaneck, wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Wenn im Juni 2012 der Großflughafen BBI öffnet, wird einer der Start- und Landekorridore für die Passagiermaschinen ausgerechnet über dem Stadtteil Wannsee liegen. Die Maschinen werden über Berlins einzigen Atomreaktor fliegen, über die nukleare Forschungsanlage des Helmholtz-Zentrums. So sieht es die aktuelle Flugroutenplanung der Deutschen Flugsicherung (DFS) vor. Eine Entscheidung, die für die Grünen nicht tragbar ist: Sie fordern eine Verlegung der Route. Anders als große Atomkraftwerke hat der Forschungsreaktor BER II nur ein Hallendach und keine spezielle Schutzhülle, sagt Hannes Schlender, Sprecher des Helmholtz-Zentrums Berlin (HZB). Wie bei sogenannten Schwimmbadreaktoren üblich, sei das Wasserbecken nach oben offen - und der Reaktorkern damit ungeschützt. Der Reaktorkern mit den bis zu 40 Brennelementen und mehreren Kilogramm angereichertem Uran befindet sich in zehn Meter tiefem Wasser. An den Seiten wird er von zwei Meter dickem Spezialbeton geschützt. Auch das HZB bemüht sich nach Aussage Schlenders beim Senat um eine Verlegung des geplanten Luftkorridors. "Man hat uns damit keinen Gefallen getan", sagt Schlender. Aber er betont, dass der Forschungsreaktor mit Hochleistungsreaktoren in Kernkraftwerken nicht zu vergleichen sei, diese hätten das Vierhundertfache an Leistung. Die Gefahr einer Explosion bestehe nicht. Ein Restrisiko gebe es dennoch, so der Sprecher. "Im unwahrscheinlichen Fall, dass ein Flugzeug im rechten Winkel auf den Reaktor stürzt, kann das Restrisiko nicht ausgeschlossen werden, dass der Reaktor zerstört wird", sagt Schlender. Das Austreten von Radioaktivität könne dann die Folge sein. Nur eingeschränktes Flugverbot Über dem Forschungsreaktor besteht nur ein eingeschränktes Flugverbot. Die Jets, die laut DFS im Raum Wannsee in einer Höhe von etwa 2400 Metern fliegen sollen, betrifft das nicht. Die Flugroutenpläne lassen sich rechtlich deshalb nicht beanstanden. Zudem seien früher die Abflüge aus Tempelhof "viel näher dran gewesen", sagt DFS-Sprecherin Kristina Kelek. Die Kritiker beruhigt das allerdings nicht. Denn mit dem Start von BBI wird die Frequenz der startenden und landenden Maschinen viel größer werden. Norbert Kopp (CDU), Bürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, fühlt sich nicht wohl bei dem Gedanken, die Jets über dem Reaktor fliegen zu sehen. Vergangene Woche wurde sein Bezirk in die Fluglärmkommission aufgenommen. Dort will Kopp in der ersten Sitzung am 8. November die Problematik ansprechen und sich ebenfalls für eine Verlegung der Route aussprechen. Auf dem Gelände des Helmholtz-Zentrums befindet sich nicht nur der Reaktor, sondern noch eine weitere potenzielle Gefahrenquelle: die Zentralstelle für radioaktiven Abfall (ZRA) des Landes Berlin. Dort wird schwach- und mittelradioaktiver Müll aus Industrie, wissenschaftlichen Laboren und medizinischen Einrichtungen zwischengelagert. Alte Rauchgasmelder mit Radium-Zelle zum Beispiel und kontaminiertes Wasser aus der Klimaanlage des benachbarten Reaktors seien ebenso dabei, wie Bestrahlungsanlagen, mit denen Tumorpatienten behandelt werden, erklärt Jörn Beckmann, Leiter der ZRA. In zwei Hallen stapeln sich auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern 444 Fässer und 25 sogenannte Konrad-Container mit radioaktivem Abfall. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch, doch gegen einen Flugzeugabsturz ist auch die ZRA nicht geschützt, räumt Beckmann ein. Jedes Jahr gerät das Atommüllzwischenlager näher an den Rand seiner Kapazitäten. Denn ein Endlager gibt es bislang nicht. "Wir sind jetzt zu 80 Prozent voll", sagt Beckmann. Bei stetig steigender Müllmenge - pro Jahr kommen zwischen 20 und 50 Kubikmeter Abfall neu dazu - werde es ab dem Jahr 2014 eng, sagt der ZRA-Leiter. Seine Anlage ist mit großen Atommülllagern wie dem in Gorleben kaum vergleichbar. In der niedersächsischen Kleinstadt sind es fast 9000 Quadratmeter, auf denen Castor-Behälter und Atommüllfässer lagern. Zudem strahlt der Abfall dort mit einer bis zu einer Million Mal höheren Intensität. Auf den Reaktor will selbst die Grünen-Politikerin Schillhaneck nicht verzichten. "Die dort betriebene Forschung ist wichtig", sagt die Abgeordnete. BER II wird nämlich als Neutronenquelle verwendet, mit der Wissenschaftler zum Beispiel den molekularen Aufbau von Meeresalgen, die Echtheit von alten Gemälden oder aber die Struktur von Dinosaurierschädeln untersuchen. ------------------------------ Jodtabletten für den Katastrophenfall Reaktorunfall: Alle fünf Jahre finden Anwohner in einem Umkreis von vier Kilometern um den Forschungsreaktor BERII eine Infobroschüre des Helmholtz-Zentrums Berlin (HZB) in ihren Briefkästen. "Planungen für den Notfall" lautet eines der Kapitel, das jeder gelesen haben sollte. Dort wird der Katastrophenschutzplan für den Fall eines Unglücks im Reaktorgebäude beschrieben. Umgebungskarte: Den unmittelbaren Gefahrenbereich gliedert das HZB in eine 500-Meter-, eine Vier-Kilometer- und eine Acht-Kilometer-Zone - ersichtlich in einer Grafik der Broschüre. Evakuierung: Falls durch einen Störfall radioaktive Stoffe zum Beispiel in der Luft frei werden, können laut HZB-Sprecher Hannes Schlender die Bewohner im Umkreis von 500 Metern oder sogar vier Kilometern evakuiert werden. Wer kein eigenes Auto hat, kann einen der Busse nehmen, die in diesem Fall bereitgestellt werden. Fenster und Türen schließen: Je nach Windrichtung können die Anwohner bis zur Grenze der Acht-Kilometer-Zone aufgefordert werden, in ihren Häusern zu bleiben sowie Fenster und Türen zu schließen. Die Polizei informiert die Bürger über Lautsprecherwagen. Jodtabletten: Zum Schutz der Schilddrüsen von Kindern und Erwachsenen bis 45 Jahren erhalten Anwohner bis zu einer Entfernung von vier Kilometern Jodtabletten. Sie sollen verhindern, dass sich radioaktives Jod über die Atemwege in der Schilddrüse festsetzt und dort Krebs verursacht. In den betroffenen Gebieten in Berlin und dem angrenzenden Brandenburg werden Jodtabletten an jeder Haustür verteilt. Schwangeren, Kindern und Jugendlichen kann bis zu einer Distanz von 20 Kilometern die Einnahme von Jodtabletten angeraten werden. Atemschutz: Das HZB empfiehlt Anwohnern provisorische Atemschutzfilter zu nutzen, falls sie sich im Freien aufhalten. Das können Staubmasken, Handtücher oder Taschentücher sein. Die Broschüre gibt es im Internet: www.helmholtz-berlin.de ------------------------------ Karte: Maßnahmen des Katastrophenschutzplans des Helmholtz-Zentrums Foto: Im Atommüllzwischenlager des Helmholtz-Zentrums in Wannsee wird unweit des Reaktors schwach- und mittelradioaktiv strahlender Abfall gelagert. Foto: Der Eingang zum Helmholtz-Zentrum mit Forschungs- reaktor und dem Zwischenlager für radioaktiven Abfall befindet sich am Hahn-Meitner-Platz in Wannsee.

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