Anton Maegerle recherchiert Informationen über Neonazis und ihre Verbindungen. Mit den Jahren entstand daraus ein Archiv - das wichtigste seiner Art: Sammler und Jäger

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BERLIN, im April. Wenn irgendwann in diesem Jahr das Verbotsverfahren gegen die NPD doch noch beginnt, wird er unauffällig im Gerichtssaal sitzen. Er wird sicher sein können, dass seine Informationen auf dem Schreibtisch der Verfassungsrichter gelandet sind und in dem Prozess eine wichtige Rolle spielen. Er wird die Magazine des Landes, den "Spiegel", den "Stern", "Report" und "Panorama", mit Informationen über rechte Drahtzieher versorgt und sich mit Staatsschützern ausgetauscht haben. Aber sein Name wird nirgendwo erscheinen. Keiner wird ihm danken, man wird ihn nicht erkennen. Und falls ihn doch jemand erkennt, wird der ihn mit einem falschem Namen anreden. Der Mann nennt sich Anton Maegerle, aber so heißt er nicht. Wie er wirklich heißt, darf hier keine Rolle spielen. Denn Anton Maegerle ist in Gefahr. Seit Jahren schon. Die Fenster seines Hauses sind vergittert, die Tür ist gegen Bomben gesichert, immer wieder hat er die gleiche Sicherheitsstufe wie Ministerpräsident Erwin Teufel. Maegerle ist einer der wichtigsten Nazi-Jäger dieses Landes. Vielleicht ist er der wichtigste. Will man ihn besuchen, fährt man von der Autobahn ab, durch ein kleines Dorf, durch ein weiteres Dorf und noch eins, und am Ende einer Straße, deren Name nach idyllischem Landleben klingt, steht sein Einfamilienhaus, daneben Flutlichtmasten, demnächst kommen Videokameras dazu. Die Tür, vor die man tritt, hat achttausend Mark gekostet, sie ist aus Stahl. Und hinter der Tür steht er dann. "Hasch gfune?", fragt er, "kommsch rei?" Anton Maegerle ist ein kleiner Mann mit etwas Bauch, Anfang vierzig, er hat dichtes Haar, einen dichten Bart und trägt Sandalen. Das Haus des Anton Maegerle ist wie jedes andere hier: die Scheiben blank, der Hof gekehrt, in dieser Gegend ist nichts so unverzeihlich wie ein vernachlässigtes Grundstück. Und doch sieht seine Wohnung etwas anders aus. Es ist eigentlich keine Wohnung. Es ist ein Archiv. Vielleicht auch kein Archiv. Vielleicht eher eine einzigartige Sammlung. 5 000 Ordner, 550 000 Einträge, 17 000 Personen-Dateien über Rechtsextremisten, Rechtsradikale und Sympathisanten. CDs von Bands mit Namen wie Oithanasie. Bilder von Hitler, Goebbels, Hess. Maegerles Sammlung ist eine der größten über Rechtsextremismus in Deutschland. "Nächste Woche kommt ein Statiker und prüft das Haus", sagt Maegerle. "Bei diesen Mengen Papier machen die Decken nicht mehr lang mit." Er steht in der Küche und gießt sich ein Glas Cola ein. Auf der Spüle steht eine Flasche Cabernet Sauvignon, darauf klebt ein Etikett mit Hitler-Bild und dem Schriftzug "Der Führer". Ein Freund hat die Flasche in Italien entdeckt. Neonazis bestellen sie über einschlägige Versandhandelskataloge. In der Küche befinden sich noch andere Dinge, die man in einer Küche nicht erwartet. Ein Kopierer, ein Schreibtisch mit PC und Drucker, Zeitungen und Ordner. Im Gästezimmer stehen hunderte Ordner, im Flur und im Bad. Material über Jörg Haider (5 324 Seiten) und Horst Mahler (2 879 Seiten), aber auch über den FDP-Mann Alexander von Stahl. Weil von Stahl die umstrittene Wochenzeitung "Junge Freiheit" unterstützt. Maegerle zieht einen Ordner aus dem Regal. "Heino" steht darauf. "Heino singt nicht nur Lieder wie Schwarzbraun ist die Haselnuss", sagt er und blättert in Vertragskopien, "der lässt seine Platten auch von rechtsextremen Verlegern vertreiben. Das weiß nur keiner." Es sind Allianzen, die Maegerle am meisten interessieren, die weitgehend unbekannten Verbindungen von Rechtsextremen mit Rechtskonservativen, Nahtstellen von Gesellschaft und Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Der Tag des Anton Maegerle beginnt pünktlich um halb sieben. Er steht dann auf, frühstückt mit seinem Sohn, gibt seiner Frau einen Abschiedskuss und taucht in das ein, was er seine Berufung nennt. Durchstöbert Zeitungen, vierzig bis fünfzig Stück, das Provinz-Blatt und die Washington Post. Liest Propaganda-Material, rechte Websites, drei Computer laufen, auf einem vierten speichert er Informationen. Ein Informant aus Hamburg schickt ihm Neues über die norddeutsche Szene zu, ein anderer ein verfassungsfeindliches Pamphlet eines Bonner Politikprofessors, ein dritter eine Hetzschrift des Holocaustleugners Germar Rudolf, der sich eines besonderen Pseudonyms bedient: Anton Maegerle. Was macht man da? "Ignorieren. Der Staatsanwalt sagt, ignorieren." Ein einzigartiges Netz von Informanten spielt Maegerle alles zu, selbst aus Südafrika, Peru, Belgien und Paraguay. Jeden Tag Holocaustleugnungen und rassistische Parolen, Liedtexte über "tote Nigger" und "brennende Juden". "Manchmal wird mir da schlecht" , sagt Maegerle. Doch er sitzt still da, registriert, wertet aus. Auch Privatbriefe von Altnazis aus Südamerika sind schon bei ihm gelandet. Das sind die Schmuckstücke der Sammlung. Das Telefon klingelt. Ein Journalist der "Süddeutschen Zeitung" hat Fragen zu einem CSU-Mann. Maegerle sagt, was er weiß. Als er aufgelegt hat, meint er: "Wenn gesagt wird, ich sei ein personifiziertes Wissenslexikon, dann trifft das zu." Bescheiden klingt das nicht, aber Maegerle ist bescheiden. Er sammelt und stellt fest. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist sein Leben. Er gibt seine Nachrichten weiter, aus dem Dorf im Süddeutschen in die Redaktionen nach München, Hamburg oder Mainz, von dort über die Nachrichtenticker hinaus in die Welt. Manchmal landen sie so bei der Herald Tribune. Und wieder bei Maegerle. Einmal um die Welt und zurück. Die Karriere einer Nachricht. Damit verdient Maegerle sein Geld, von Beruf ist er Journalist. Mal bringt eine Information 100 Mark ein, mal 2 000 Mark, vielleicht wird sie wieder einen Skinhead ins Gefängnis führen. Das ist Erfolg. Nicht Geld. Das Gefängnis. Ein Nazi im Gefängnis. Maegerle glaubt an die wehrhafte Demokratie. Sein größter Erfolg war die Enttarnung der Bankkonten von Rechtsextremisten im Herbst 2000. "Report" sendete den Beitrag, am Tag darauf stieg "Bild" ein, "und bis heute werden flächendeckend Konten der Rechtsextremen gekündigt", wie Maegerle sagt. Das mag ein wenig übertrieben sein, aber es war ein schwerer Schlag für die Szene. So etwas bereitet Maegerle Genugtuung. Es gab schon andere Zeiten. Manchmal fuhr er morgens mit dem Fahrrad zur Post, vor ihm ein Polizeiwagen, einer hinter ihm. Für einige Tage standen vor dem Haus auch schon Schützenpanzer. Und wenn er das Haus verließ, um etwas weiter wegzufahren, so stieg er in eine Limousine mit Panzerglas und die uniformierten Männer darin baten ihn: Bitte ziehen sie die schusssichere Weste an. Das alles begann 1996, als Alfred Mechtersheimer - ehemaliger CSU-Mann, ehemaliger Grüner, inzwischen vom Verfassungsschutz als Rechtsextremer geführt - ihn geoutet und seinen wahren Namen und seine Adresse verbreitet hatte und plötzlich Skinheads vor Maegerles Tür auftauchten. Damals heiratete er seine langjährige Freundin, falls etwas passiert. Er überlegte aufzuhören mit der Arbeit, "es war so ein Schock". Aber seine Frau bestärkte ihn weiterzumachen. Also fuhr Maegerle wieder zu Vorträgen, die er zu der Zeit regelmäßig hielt, aber jede Fahrt wurde anstrengender als die vorige. Durch Seiteneingänge wurde er von Sicherheitsbeamten in die Säle geleitet. Die Auftritte wurden zur Show. Zum Spektakel. Für die Neonazis im Saal. Für die Besucher. Nur für Maegerle nicht. Er beschloss, nur noch auf geschlossenen Veranstaltungen zu referieren. So hält er es seit Jahren. Das Telefon klingelt wieder. Der "Tatort" braucht Ausstattungsgegenstände für einen Neonazi-Film, Flugblätter, T-Shirts, Poster, original Mitglieder-Listen von rechtsextremen Parteien. "Ein paar Mal im Jahr rufen die an", sagt Maegerle. "Ist schön, wenn man dann im Fernsehen die eigenen Sachen sieht." Mehr sagt er nicht dazu, er ist kein Mann der Emotionen. Wenn man mit Maegerle durch sein Dorf geht, so grüßt er die Menschen und die Menschen grüßen ihn, aber es ist eine Fremde zwischen ihnen, eine Entfernung, obwohl er bis auf seine Studienzeit immer hier gewohnt hat. Lange Jahre hielten ihn die Dörfler für einen Faulenzer, der daheim saß und nichts tat. Nichts schaffte. Man sah ihn ja nicht schaffen. Seine Frau ging arbeiten, er selbst kassiere wohl Sozialhilfe, glaubten die Dörfler. Was er wirklich tat, wusste keiner. Bis die Polizei auftauchte und sie alles erfuhren. Glücklich sind sie darüber nicht. Begonnen hat Maegerles Suche am 27. November 1983. Er studierte Sozialwissenschaft, als Franz Josef Strauß den Milliardenkredit für die DDR einfädelte und sich der rechte Block der CSU daraufhin an jenem Tag in die "Republikaner" abspaltete. Damit fiel Maegerle seine Lebensaufgabe vor die Füße. "Das war eine Initialzündung", sagt Maegerle. Nach dem Studium kehrte er in sein Dorf zurück und blieb beim Thema. Er schloss sich ein in sein kleines Haus und sammelte. Er wurde Vater und sammelte weiter. Er aß mit der Familie zu Abend, und sammelte, wenn das Kind im Bett lag. Seine Frau findet das in Ordnung. Diesen Job, der keiner ist, der nicht mit acht Stunden am Tag auskommt und eigentlich auch nicht mit sieben Tagen in der Woche. Urlaub? Muss man verbinden, die Nordsee mit dem Besuch von Bergen-Belsen, Bayern mit Dachau, Italien mit der Mussolini-Gruft. Kein Minister hat sich je bedankt bei Maegerle, keine Zeitung ihn gewürdigt. Vielleicht liegt es daran, dass ihn einige Politiker fürchten. Über den Christdemokraten Georg-Berndt Oschatz beispielsweise, den scheidenden Direktor des Deutschen Bundesrats, sagt er, dass der am 7.Oktober 2001 die Festansprache beim österreichischen Ulrichsbergtreffen gehalten habe. "Das organisieren auch ehemalige Mitglieder der Waffen-SS, unter dem Vorwand, der Opfer zu gedenken", sagt Maegerle. Vielleicht verklagt ihn Oschatz jetzt deshalb. Immer wieder gibt es Klagen gegen Maegerle, verloren hat er noch nie. Das Telefon klingelt noch einmal, diesmal sagt niemand etwas, es wird aufgelegt. Direkt, mit Worten, wurde Maegerle noch nie bedroht, aber trotzdem machen ihn solche Momente kurz nachdenklich. Er blickt dann raus auf die leere Straße. Ist sie leer? Meist kommen sie abends, wenn es dunkel ist, dann sitzen sie stundenlang im Auto vor Maegerles Haus, Skinheads und Scheitelträger, blicken auf sein Haus. Mehr tun sie nicht. Nur starren. Patrouillieren. Es ist der kleine Hinweis: Maegerle, wir sind dir auf den Fersen, und wenn wir wollen, rauben wir dir den Schlaf. "Aber aufgeben werde ich nicht", sagt Maegerle. Nächste Woche kommt ein Statiker und prüft das Haus. Bei diesen Mengen Papier machen die Decken nicht mehr lange mit. ANDREAS REEG "Wenn über mich gesagt wird, ich sei ein personifiziertes Wissenslexikon, dann trifft das zu. " Anton Maegerle in seinem Haus in Süddeutschland.

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