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Ausstellung in Sachsenhausen zeigt Fotos von der Entstehung des Lagers: Das Album des KZ-Kommandanten

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ORANIENBURG. Der Fund im Moskauer Geheimdienst-Archiv war einzigartig: Ein akkurat geführtes Fotoalbum von Karl Otto Koch, dem ersten KZ-Kommandanten von Sachsenhausen. Er und seine SS-Schergen hielten den Aufbau des Konzentrationslagers in den Jahren 1936 und 1937 auf Fotos fest, klebten 200 davon in das Album ein und beschrifteten es säuberlich. 100 Bilder dieses Dienstalbums sind ab Sonntag in einer Ausstellung in der Gedenkstätte zu sehen. Gefangene sind darauf zu erkennen, die als normale Menschen noch im Anzug ankommen und wenig später kahl geschoren und in verlumpter Häftlingskleidung zum Appell antreten. Im Hintergrund lachen SS-Aufseher. "Laufschritt - sonst gibt es Dunst", hat der Zyniker Koch unter ein Bild exerzierender Häftlinge geschrieben. Gerne sah der KZ-Kommandant auch sich selbst im Album. Ein Foto zeigt ihn in schwarzer SS-Uniform in Feldherren-Pose auf einem Sandhügel, daneben seine deutsche Dogge namens Afra. Der einstige Lohnbuchhalter inszenierte sich als so genannter Herrenmensch. "Der KZ-Kommandant präsentiert im Album seine Arbeit mit Stolz", sagt Günter Morsch, Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Das KZ Sachsenhausen entstand im Sommer 1936, währen die Massen sich für die Olympischen Spiele im nahen Berlin begeisterten. Die Häftlinge mussten innerhalb kürzester Zeit 80 Hektar Wald roden und Baracken errichten. Bernhard Kuiper, der Architekt des Terrorlagers, sprach später allen Ernstes davon, dass er "das schönste Konzentrationslager in Deutschland" gebaut habe. Tatsächlich legte er hier Blumenbeete vor dem tödlichen Elektrozaun an, im SS-Bereich gab es kniehohe Holzzäune und einen künstlichen See, um den kleine Findlinge gruppiert wurden. Koch und seine Männer wurden hoch zu Pferde oder fechtend abgelichtet. "Sie führten sich als neuer Adel auf", sagt Morsch. Kommandant Koch fotografierte gerne auch blitzblanke Spinde mit Uniformen. Er verherrlichte Ordnung, Disziplin, Sauberkeit. Das Album gewährt bezeichnende Einblicke in das Selbstbild der SS-Leute. Etwa zwei Drittel der Gefangenen damals waren politische Häftlinge - Kommunisten, Sozialdemokraten, auch Zeugen Jehovas. "Kamen wir müde von der Arbeit in die Baracke, war alles durcheinander geworfen", erinnerte sich der Kommunist Harry Naujoks. Aber auch Kleinstkriminelle mussten die nächtlichen Übergriffe der SS erdulden. Als Ende 1936 sieben Gefangene durch einen Tunnel flüchteten, wurden sechs von ihnen gefasst und während der Weihnachtstage auf dem Appellplatz kopfüber an Kreuze gehängt. Die Schriftstellerin Anna Seghers griff dies in ihrem Roman "Das siebte Kreuz" auf. Im Juli 1937 ging Koch, SS-Mann der ersten Generation, nach Buchenwald und baute dort das KZ auf. Der korrupte Mann überlebte den Krieg nicht. Koch wurde, 1942 wegen Veruntreuung verurteilt, im April 1945 hingerichtet. Seine Frau Ilse - brutale KZ-Aufseherin in Buchenwald - brachte sich 1967 in westdeutscher Haft um. Geheiratet hatte die beiden noch in Sachsenhausen. Auch das Hochzeitsfoto ist in der Ausstellung zu sehen. ------------------------------ Gedenkstätte Austellung: "Von der Sachsenburg nach Sachsenhausen" heißt die Ausstellung in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Gezeigt werden auch Bilder aus den KZ Sachsenburg, Columbia in Berlin und Esterwege, wo Koch zunächst Kommandant war. Öffnungszeiten: Ab Sonntagnachmittag bis zum 28. Oktober täglich von 8.30 Uhr bis 18 Uhr, ab 15. Oktober ist nur noch bis 16.30 Uhr geöffnet. ------------------------------ Foto : Von SS-Leuten fotografiert: Häftlinge beim Bau des KZs Sachsenhausen.

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