23.03.2004

Betrüger wecken die Gier von naiven Internet-Benutzern. Aber auch Betrüger werden mal betrogen: Fisch auf dem Kopf

Von Johannes Gernert

BERLIN, im März. Mike mag Rollenspiele. Und er mag Computer, schließlich arbeitet er in Manchester als Informatiker. Besonders gerne mag er Rollenspiele am Computer. Er muss sich dabei nicht verkleiden, um eine andere Identität anzunehmen. Es genügt, sich eine Figur auszudenken. Geschlecht, Name, Alter, E-Mail-Adresse. Dann kann es losgehen. Er braucht nicht einmal Kontakt mit jemandem aufzunehmen. Die Leute melden sich ganz von selbst. Scharenweise. Mit den übelsten Absichten. Das Vergehen Nr. 419 Mike ist ein Scambaiter: Er betrügt Internet-Betrüger, so genannte Scammer, beim Betrügen. Besonders in Nigeria häuft sich in den vergangen Jahren ein Delikt namens "Advance Fee Fraud" - Betrug über Vorauszahlungen heißt das. Im nigerianischen Polizeicode wird das Vergehen mit der Nummer 419 beschrieben. Deshalb heißt Mikes Internetseite auch 419eater.com. Seinen Nachnamen behält der 41-Jährige lieber für sich. Es gibt einige Leute da draußen, die schlecht auf ihn zu sprechen sein dürften. Das Online-Übel, das Mike bekämpft, kennt fast jeder Internet-Nutzer. Unter den unerwünschten Werbe- und Spammails, die seit geraumer Zeit die elektronischen Briefkästen überquellen lassen, befinden sich immer wieder kuriose Angebote von afrikanischen Anwälten oder selbst ernannten Mitgliedern einer exotischen Königsfamilie. Die E-Mail-Adressen finden die Absender vor allem in Gästebüchern von Homepages. Ihr Vorgehen folgt einem gängigen Muster. Angeblich muss beispielsweise der Direktor der staatlichen Ölgesellschaft Nigerias aus dubiosen Gründen eine hohe Geldsumme von zehn oder 20 Millionen Dollar auf ein Konto im Ausland überweisen. Er bittet den Email-Empfänger, seines zur Verfügung zu stellen und verspricht ihm dafür eine großzügige Belohnung. Wer sich tatsächlich auf den Deal einlässt, wird früher oder später von Komplikationen hören und zwischenzeitlich immer wieder gefragt, ob er nicht einige tausend Dollar auslegen könne. Für Überweisungsgebühren oder ähnliches. In der Hoffnung auf die üppige Entlohnung tun das offensichtlich einige. So lange, bis sie merken, dass da einer nur zum Betrügen ins Netz gegangen ist. Mike hat sich irgendwann so sehr über die Mail-Plage geärgert, dass er anfing zurückzuschlagen. Er ging auf die Angebote ein. Nur zum Schein allerdings. Und während sich die Betrüger unredlich mühten, ihm einige Dollar zu entlocken, brachte er sie dazu, sich öffentlich lächerlich zu machen. Einmal gab er sich als Priester einer Gemeinde mit Namen "Fisch und Brot" aus, als Father Bateyoo Reelgud. Im Englischen kann man das auch als "bait you real good" lesen. "Habe ich dich richtig gut geködert, was?" bedeutet das. Mike verlangte zur Identitätsprüfung und als Glaubensbekenntnis ein Foto, auf dem der junge Nigerianer sich einen Fisch auf den Kopf legt und einen Laib Brot in der Hand hält. Auf dem ersten Bild, das Gutgläubige schickte, war es nur eine Scheibe Toast. Noch mal, bat Mike. Das zweite Foto akzeptierte er dann. "Die meisten Betrüger sind jung, arbeitslos und ziemlich arm. Viele kommen aus Afrika. Sie glauben so, einfach ans schnelle Geld zu kommen", sagt Mike. Und wenn sie nicht an ihn oder einen seiner Mitstreiter gelangen, mag es ihnen manchmal gelingen. Mittlerweile gibt es aber an die 150 Webseiten, deren Betreiber gegen Scammer vorgehen. Fein säuberlich wird dort dokumentiert, wie genau die Betrüger genarrt wurden - oft mit äußerst komischen Fotos von den zum Opfer gewandelten Tätern. Am Ende der vereitelten Betrugsversuche werden sie meist informiert, dass es sie diesmal selbst erwischt hat. Ein bisschen erinnert das Ganze an die Späße der versteckten Kamera. Nur fotografieren die Überführten sich hier selbst. Besser als jedes Computerspiel Mike hat an der Sache so viel Spaß gefunden, dass er einen Großteil seiner Freizeit damit verbringt, unter falschen Vorgaben Fotos einzufordern oder manchmal sogar selbst kleine Geldsummen zu kassieren. "Das ist so eine Art mentales Training. Viel besser als ein Computerspiel, weil man in diesem Fall gegen echte Feinde spielt und nicht gegen computeranimierte", findet er. Außerdem sieht er einen praktischen Nutzen: "Je mehr Zeit diese Betrüger an mich verschwenden, desto weniger Zeit bleibt übrig, um andere abzuzocken." Foto: Reingefallen: ein Internet-Betrüger bei der Selbstidentifizierung.

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