29.06.2001

Club am Ostbahnhof schließt / Zwölf Jahre nach Mauerfall gibt es kaum freie Räume für die Szene: Maria fliegt raus

Von Brenda Strohmaier, Iris Brennberger

Wenigstens einen Winter hätte Ben de Biel gerne noch mit Maria verbracht. Er hätte Gäste eingeladen, die Musik aufgedreht und manche Nächte durchgemacht. Doch Ende Oktober ist Schluss. Biel muss seinen Club "Maria am Ostbahnhof" schließen. Die Immobiliengesellschaft der Deutschen Post hat den Mietvertrag gekündigt und will das Gelände an der Straße der Pariser Kommune möglichst rasch an einen Investor verkaufen. "Die Maria", wie das alte Postzeitungsvertriebsamt der DDR heute kurz genannt wird, ist nur einer von mehreren Clubs, die sich ein neues Quartier suchen müssen. Das "103" in der Oranienburger Straße in Mitte ist bereits geschlossen. Andere wie das Ostgut und das Deli in Nachbarschaft der "Maria" sowie das WMF in der Ziegelstraße in Mitte werden bald Investoren weichen müssen. Das Kulturzentrum Pfefferberg, Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg, macht samt seiner Clubs "Pfefferbank" und "Subground" noch vor Jahresende dicht. Verlust für die Stadt Früher reagierten die Partyveranstalter auf Club-Schließungen stets gleich: Sie eröffneten in irgendeinem anderen alten Gebäude einen neuen Laden. Zunächst zog es die Subkultur nach Mitte und Prenzlauer Berg, dann folgte Friedrichshain. Doch nun wird der Raum für Clubs in zentraler Lage knapp. "Es wird immer schwerer, neue Locations aufzureißen", sagt Bastian Fritz vom "Casino", das gleich um die Ecke der "Maria" liegt. In zehn Jahren hat sich in Berlin eine Clubszene entwickelt, die mit anderen Metropolen mithalten kann. Selbst in New York und Sydney gilt die deutsche Hauptstadt als hip. "Berlin ist angesagt", hat Volker Hassemer, Chef von Partner für Berlin, erkannt. Die Schließung von Clubs sei ein großer Verlust. Zumal das Nachtleben auch Unternehmen anzieht. Wie den Musik-Giganten Universal aus Hamburg. Erst Mittwoch gab er seine neue Adresse bekannt: Ab 2002 wird die Plattenfirma am Spreeufer der Oberbaumcity residieren - ganz in der Nähe der Friedrichshainer Szene. Ihr heute gut vermarktbares Image verdankt die Hauptstadt den Techno-Pionieren der Nachwendezeit. Fans der damals neuen harten Elektro-Klänge quartierten sich mit Vorliebe in den Ruinen der DDR ein: HO-Gaststätten, Kaufhallen, Verwaltungsgebäude und Truppenübungsplätze - je skurriler der Ort, desto besser. Club-Namen wie Tresor, Bunker, WMF und E-Werk erinnerten an die frühere Funktion. Die baufälligen Gebäude hatten sicher nicht die besten Sanitäranlagen der Welt, dafür kamen die besten DJs angereist. Die meisten Clubs operierten entweder illegal oder am Rande der Legalität. Und die Behörden sahen manchmal weg. Berlin war eine Stadt im Ausnahmezustand. Jetzt kehrt Normalität ein. Zwölf Jahre nach Mauerfall sind die Eigentumsverhältnisse weitgehend geklärt, Investoren stehen am Start, Zwischennutzer wie die Clubbetreiber müssen raus. Auf dem Gelände der "Maria am Ostbahnhof" sollen Wohnhäuser und Bürogebäude entstehen. Der Baubeginn steht noch nicht fest. Club-Betreiber Ben de Biel würde gerne erst ausziehen, wenn die Bagger anrücken. So lange könnten in der "Maria" weiter regelmäßig Indie-Größen und Elektro-Pioniere auftreten. Am Wochenende würde gefeiert. Aber die Eigentümerin des Geländes, die Immobiliengesellschaft der Deutschen Post, will sich den Club nicht länger leisten: "Wir haben höhere Heizkosten als Mieteinnahmen", sagte Post-Sprecher Rolf Schulz. Die "Maria" ist die einzige Mieterin in dem 1962 gebauten DDR-Relikt. Aus technischen Gründen muss das ganze Gebäude beheizt werden, obwohl der Club nur 800 der 14 000 Quadratmeter nutzt. Die "Maria" war 1998 einer der ersten Clubs an der Spree in Friedrichshain, jetzt ist er der Erste, der gehen muss. Ganz in der Nähe liegen das Deli, Casino und das Ostgut. Letzteres ist den Plänen für eine große Veranstaltungshalle der Anschutzgruppe im Weg. Unter anderem soll dort der EHC Eisbären Eishockey spielen. In eineinhalb Jahren ist voraussichtlich Schluss. Das Casino liegt direkt daneben, aber die Betreiber hoffen, dass sie bleiben können. Das Deli an der Schillingbrücke liegt laut Bezirksamt in einem Entwicklungsgebiet - auch hier wird irgendwann gebaut. Das WMF zieht schon wieder um Neben den Clubs in Friedrichshain trifft es demnächst auch das WMF. Die Diskothek - nach vier Umzügen bereits in Übung - muss wohl noch in diesem Jahr aus dem Gebäude in der Ziegelstraße raus. Hier sind Büros geplant. Das Kulturzentrum Pfefferberg macht samt "Subground" Ende September zu, der ebenfalls dort ansässige Club "Pfefferbank" schließt spätestens Ende des Jahres. Das Gelände wurde an einen Investor verkauft. Er will die Gebäude an der Schönhauser Allee renovieren. 2003 soll dort laut Wolfgang Barnick vom Verein Pfefferberg "wieder Kultur stattfinden". In welcher Form ist allerdings noch nicht ganz klar. Ben de Biel von der "Maria am Ostbahnhof" sieht sich bereits jetzt nach einem neuen Quartier in Berlin um. Vielleicht zieht er über die Spree an die Köpenicker Straße nach Kreuzberg, vielleicht ein paar S-Bahn-Stationen Richtung City. "Maria am Lehrter Bahnhof" - das klingt fast vertraut. Informationen zur Clubszene im Internet unter: www.clubmaria.de und www.club-commission-berlin.net "Es macht für uns keinen Sinn, in den Wedding zu ziehen." Ben de Biel, Clubbetreiber "Clubs gehören zu den großen Attraktionen der Stadt." Volker Hassemer, Partner für Berlin WOLFGANG BRÜCKNER Schlechte Zeiten für Partymacher. Außer dem Club "Maria am Ostbahnhof" stehen noch andere Diskos vor dem Aus.

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