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Das Alte Stadthaus erhält die historischen Figuren zurück: Turm mit neuer Glücksgöttin

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MITTE. Feiner Staub schwebt in der Luft. Auf dem Werkstattboden im Steinforum Alt-Heiligensee stehen riesige Steinblöcke. Jeder ist bis zu drei Tonnen schwer. Trotzdem haben die Steinmetze und Bildhauer nur zierliche Knüpfel und Eisen als Werkzeuge in der Hand. Wie die Handwerker vor hundert Jahren bearbeiten sie damit den Muschelkalk. Millimeter für Millimeter entstehen neue Formen. Wie die Vase mit den Löwenköpfen, die mit Girlanden verbunden sind. Kai-Uwe Dräger ist der Chef des Steinforums. Die Figuren, die in seiner Werkstatt restauriert oder neu angefertigt werden, sind für das Alte Stadthaus in Mitte bestimmt. Die Vasen und Plastiken schmückten einst den Turm. Weil sie jedoch durch Regen und Frost brüchig waren, wurden die Figuren 1974 abgenommen und in Friedrichsfelde eingelagert. "Wir mussten aufpassen, dass uns die Figuren nicht zwischen den Fingern zerbröselten", sagt Dräger. Die großen Vasen beispielsweise waren derart porös, dass nur zwei von ihnen restauriert werden konnten. Sechs mussten nachgebildet werden. Mehr als hundert Kubikmeter Kirschheimer Muschelkalk hat Dräger seit März verarbeitet. Außer den Figuren wurden auch neue Sockel, Brüstungen, Fensterumrandungen und Stufen für den Turm angefertigt. Insgesamt etwa 180 Teile. Darunter ist auch eine neue Säule. Denn der Turm war im Krieg von einer Bombe getroffen worden. Zwar wurde die beschädigte Säule in den 50er-Jahren repariert, allerdings wurde sie nur notdürftig mit Mauerwerk ausgebessert und verputzt. Außer den Steinfiguren wird auch die kupferne Glücksgöttin Fortuna nachgebildet, die wieder auf die Turmspitze gehoben werden soll. Dort war sie bis 1951 zu sehen. Der Tiergartener Künstler Joost van der Velden hat die 3,25 Meter große Fortuna aus Gips modelliert. Da die Originalfigur verschwunden ist, musste er sich mit einer 33 Zentimeter kleinen Miniatur als Vorlage begnügen. "Es ist schon etwas Besonderes, mal wieder nach einer historischen Vorlage zu arbeiten", sagt der Künstler. Jetzt wird die Figur von der Metallbau-Firma Hellmich in Kupfer getrieben. Rund 125 000 Euro wird die Kopie der Glücksgöttin kosten. Das Geld dafür kommt von dem Berliner Unternehmer und Kunstliebhaber Peter Dussmann. Dass die Fortuna dem Alten Stadthaus Glück bringen möge, hofft Peter Fleischmann von der Senatsinnenverwaltung. Denn wenn am Jahresende die Gerüste abgebaut werden, dann ist das Äußere des Turms noch nicht ganz komplett. An der Fassade fehlt ein winziges, aber wichtiges Detail: das Berliner Wappen über dem Eingang. Spuren des alten Reliefs sind noch zu sehen. Für die Nachbildung des Wappens wird ein Sponsor gesucht, der das Geld dafür aufbringt. Vermisste Fortuna // Das Alte Stadthaus: Das Gebäude zwischen Jüden- und Klosterstraße entstand von 1902 bis 1911 nach einem Entwurf von Ludwig Hoffmann. Es ist sein bedeutendstes Werk in Berlin. Der Turm ist knapp 100 Meter hoch. Die Fortuna: Die Glücksgöttin Fortuna krönte den Turm und ist ein Werk des Bildhauers Ignatius Taschner. Die Figur war aus Kupfer und stand auf einer vergoldeten Weltkugel. Nachdem das Haus Sitz des DDR-Ministerrates wurde, musste sie im Jahr 1951 einer Rundfunkantenne weichen. Bis in die 60er-Jahre war die Fortuna in der Kuppel eingelagert. Dann verliert sich ihre Spur. Sie wurde vermutlich eingeschmolzen. Die Restaurierung: Das Alte Stadthaus wird seit 1993 saniert. Unter anderem wurden Teile des ursprünglichen Mansardendaches wieder hergestellt. Die Turmrekonstruktion soll im kommendenJahr abgeschlossen werden. Ab 2004 geht dann der Dachausbau weiter. BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Steinbildhauer Robert Lüttge vor einer Vase mit Löwenköpfen. Bald schmückt das Kunstwerk wieder das Stadthaus.

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