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Das Opernfestival in Aix-en-Provence hat begonnen: Auftakt des Verführers

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Das Opernfestival in Aix-en-Provence begründete seinen Ruf 1949 mit Mozarts "Don Giovanni". In der Inszenierung von Peter Brook eröffnete 1998 Stéphane Lissner seine Festspielintendanz. Und mit eben dieser Oper wurden auch die diesjährigen Festspiele eröffnet: Bernard Focroulle hat die Hinterlassenschaft seines Vorgängers Lissner - den "Ring" der Berliner Philharmoniker in einem nagelneuen Opernhaus - 2009 abgearbeitet und nun mit Mozart und Glucks "Alceste" eine "Rückkehr zu den Anfängen" des Festivals im Hof des Erzbischöflichen Palais unternommen. Als Focroulle die Regie dieser "Don Giovanni"-Inszenierung dem russischen Nachwuchsstar Dmitri Tcherniakov übertrug, bestellte er eine Überraschung. Die fängt bei den Personen an: Donna Anna (Marlis Petersen) ist nicht nur die Tochter des Komturs (Anatoli Kotscherga), sondern auch die Mutter von Zerlina (Kerstin Avemo) und die Cousine von Donna Elvira (Kristine Opolais), die wiederum die Gattin von Don Giovanni (Bo Skovhus) ist. Auch Leporello (Kyle Ketelsen) ist "ein Verwandter, der im Haus lebt." Manche Einfälle des Regisseurs und Bühnenbildners Tcherniakov, sowie sein Entschluss nur das gewaltige Wohnzimmer als Ort der Handlung vorzusehen, haben Ungereimtheiten zur Folge. Doch dieser Preis ist nicht zu hoch für eine Inszenierung, die den Stoff neu zu interpretieren versucht und Mozarts Witz, Ironie und Doppelsinn erneuert. Tcherniakov schafft psychologische Rollenspiele, in denen sich die Protagonisten, in unerfüllte Beziehungen verstrickt, wissentlich täuschen lassen. Das Ensemble überzeugt mit schauspielerischem Können, weniger durch Stimmen - von Kyle Ketelsen und David Bizic abgesehen. Dazu passt das magere, aber wendige Freiburger Barockorchester unter Louis Langrée. Bo Skovhus, seit seinem Debüt als Don Giovanni 1988 an der Wiener Volksoper berühmt, wirkt am Premierenabend erschöpft. Das entspricht seiner Rolle: Diesem depressiven, lächelnden Don Juan sind Frauen wie Männer verfallen. Wie er selbst der Liebe, dem Alkohol und zunehmend seinen Halluzinationen. Da, wo auf der Bühne sonst eine Volksbelustigung zu sehen ist, tanzt Don Giovanni allein, während der Chor wie Geisterstimmen aus dem Orchestergraben herauf klingt. Die Verwandtschaft, die sich des störenden Elements entledigen will, engagiert ein Double des Komturs. Dieser provoziert einen Herzanfall, der Don Giovanni mehr oder weniger ins Jenseits befördert. Ganz anders ist von der Familie in Glucks Oper "Alceste" die Rede: Alceste, Vorbild ehelicher Hingabe, entreißt ihren Gemahl, König Admeto, dem Tod. Sie opfert sich, dem Orakel der Götter folgend, selbst - und wird von Herkules gerettet. Véronique Gens verleiht der Rolle ihre Noblesse, ihr ebenbürtiger Partner Joseph Kaiser fügt Sinnlichkeit hinzu, unterstützt von Ivor Bolton, der ein klangvolles Freiburger Barockorchester dirigiert. Und das obwohl Regisseur Christof Loy den Protagonisten die tragische Größe nicht recht gönnt und weder Farbe noch Dramatik in die Oper bringt. Das liegt am Konzept: In einem Raum mit hohen Fenstern ist das Volk - den Chor stellen die English Voices - eine oft ungehörige Kinderschar. Nachdem Alceste zunächst wie eine Grundschullehrerin erscheint, treten sie und Admeto im dritten Akt in Nachthemd und Wollsocken auf und durchschreiten die Hölle. Doch das muss sich der Zuschauer als Albtraum der Eheleute im Doppelbett selbst vorstellen. Am Ende kommen die Rabauken, als Götter der Unterwelt verkleidet, vom Dachboden. Den ungeteiltesten Beifall erhielt das mit Toronto koproduzierte und dort gefeierte musikalische Märchen "Die Nachtigall" von Igor Strawinsky nach Hans Christian Andersen, mit überbordender Fantasie als Puppentheater nach dem Vorbild des japanischen Bunraku inszeniert von Robert Lepage. Außerdem auf dem Programm in Aix: Die Uraufführung der Kammeroper "Die Rückkehr - El regreso" des 1970 geborenen franko-argentinischen Komponisten Oscar Strasnoy und Rameaus Gesangs-Ballett "Pygmalion", dirigiert von William Christie und inszeniert Trisha Brown. ------------------------------ Foto: Einsam, verzweifelt und verrückt: Bo Skovhus als Don Giovanni.

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