11.05.2011

Dem Suizid von Gunter Sachs lag vermutlich eine nicht therapierte Depression zugrunde, sagt der Psychiater Ulrich Hegerl: "Man muss sich helfen lassen wollen"

Von Lilo Berg

Ist der Suizid von Gunter Sachs die mutige Tat eines selbstbestimmten Menschen oder handelt es sich um den Verzweiflungsakt eines psychisch Kranken? Ulrich Hegerl, Direktor der Leipziger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, hält es für möglich, dass Sachs an einer schweren Depression litt. Herr Hegerl, viele Menschen empfinden eine gewisse Bewunderung für Gunter Sachs, es ist die Rede von einem Freitod im besten Sinne. Wenn ich das Wort Freitod schon höre! Neunzig Prozent aller Suizide gehen auf eine psychische Erkrankung zurück, die meisten auf eine Depression. Das ist durch viele Studien nachgewiesen, daran gibt es keinen Zweifel. Auch bei den restlichen zehn Prozent vermute ich einen psychiatrischen Hintergrund. Welche Indizien für eine Depression sehen Sie bei Sachs? Schon sein Vater hat sich erschossen. Da liegt der Verdacht auf eine genetische Belastung nahe. Womöglich hatte Herr Sachs schon früher depressive Phasen, wir werden darüber sicher bald mehr erfahren. Was meine Verdachtsdiagnose bestärkt: Er machte sich große Sorgen über einen Befund, den er gar nicht genau kennen konnte. Im Abschiedsbrief, den Sachs hinterlassen hat, ist die Rede von einer rapiden Verschlechterung des Gedächtnisses und von Wortfindungsstörungen. Dafür kommen viele Ursachen infrage, ein Hirntumor etwa, aber auch Stoffwechseldefekte, Schilddrüsenkrankheiten und Durchblutungsstörungen. Herr Sachs hat sich offenbar nicht von einem Arzt untersuchen lassen, er ist vielmehr nach eigenen Literaturrecherchen zum Schluss gekommen, dass er Alzheimer hat. Möglicherweise stimmt das nicht, vielleicht hätte er geheilt werden können. Häufig versteckt sich hinter der Sorge, Alzheimer zu haben, eine Depression, die ja vorübergehend auch mit Gedächtnisstörungen einhergeht. Verliert ein Mensch mit Depressionen denn seinen freien Willen? In der Depression sieht man alles durch eine schwarze Brille und schätzt seine Situation dadurch falsch ein. Mit einer guten Therapie sieht die Welt ganz anders aus, und an Suizid denkt dann eigentlich keiner mehr. Welche Behandlung empfehlen Sie? Am wichtigsten sind Antidepressiva und Psychotherapie. Die Medikamente machen nicht süchtig und verändern auch nicht die Persönlichkeit. Aber man muss sich helfen lassen wollen, das ist der erste und wichtigste Schritt. Einem Mann wie Gunter Sachs, mit diesem Image, dürfte das sehr schwer gefallen sein. Nahestehende hätten ihn drängen können. Oft werden die Symptome nicht erkannt. Für die Angehörigen ist der Suizid eines Familienmitglieds eine Katastrophe, eine Wunde, die lebenslang bleibt. Gibt es alarmierende Anzeichen einer Depression? Ja, charakteristisch ist die Gefühllosigkeit, die Unfähigkeit, Freude, Trauer oder Ärger zu empfinden. Auch übertriebene Schuldgefühle können auf die Krankheit hindeuten. Wie verbreitet ist das Leiden? Etwa 5 Prozent der Bevölkerung leiden an einer behandlungsbedürftigen Depression. Dieser Wert gilt weltweit. Wichtig: Es geht dabei nicht um Stimmungsschwankungen, sondern um ernsthafte, oft lebensbedrohliche Beschwerden. Jeder von uns hat ein Risiko von zehn Prozent, im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken. Es heißt oft, dass Depressionen vermehrt im Alter auftreten. Das stimmt nicht. Vor allem die schweren Formen sind bei Betagten sogar eher seltener als bei Jüngeren. Beginnt eine Demenz nicht häufig mit einer Depression? Nein. Depressive Symptome lassen sich zu Beginn der Krankheit nur etwas öfter beobachten als bei Gesunden. In den meisten Fällen sind die Betroffenen recht ausgeglichen, das kann ich in meiner Klinik beobachten. Wer leidet, sind eher die Angehörigen. Heute gibt es in Deutschland 1,2 Millionen Demenzkranke, im Jahr 2050 rechnet die deutsche Alzheimer-Gesellschaft mit 2,6 Millionen. Wie sehen Sie die Zukunft? Demenz scheint der Preis für ein langes Leben zu sein. Über das eine können wir uns freuen, über das andere Sorgen machen. Aber erschießen müssen wir uns deshalb noch lange nicht. Das Gespräch führte Lilo Berg. ------------------------------ Foto: Ulrich Hegerl, 57, Psychiater und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die Forschungsprojekte und Öffentlichkeitsarbeit betreibt (www.deutsche-depressionshilfe.de).

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