07.04.2005

Der Dokumentarfilm "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß" erzählt von den Kindern eines NS-Täters: Für mich war er ein Widerstandskämpfer

Von Christian Westheide

Malte Ludins neuer Dokumentarfilm will "eine typisch deutsche Geschichte" über den Nationalsozialismus erzählen, und sie ist tatsächlich auf interessante Weise typisch. Der Boom von Erinnerungsliteratur, Spiel- und Dokumentarfilmen über den Nationalsozialismus mag damit zusammenhängen, dass die Zeitzeugengeneration schnell ausstirbt und man sie also sehr bald befragen muss. Sie verdankt sich aber gewiss auch der Tatsache, dass oft erst mit dem Verschwinden der Großelterngeneration die Möglichkeit erwächst, dunkle Kapitel der Familiengeschichte ungehindert und ohne Rücksichtnahme zu erforschen. Malte Ludin kann den Schatten seines Nazi-Vaters erst abschreiten, nachdem die Mutter gestorben ist. Drei Generationen seiner Familie befragt er im Film, ältere Schwestern und junge Neffen und Nichten. Man sieht Malte Ludin in Kisten, Kellern und Archiven nach Bildern und Briefen suchen. Dass seine Mutter, die Lordsiegelbewahrerin der Familienerinnerungen, hier in alten Videoaufnahmen präsent bleibt, ist kein Zufall: Ihre Lebenslüge hat die nachfolgenden Generationen erfasst und schwebt über dem ganzen Film. Warum es Kindern von Nazis oft schwer fällt zu sagen, mein Vater, meine Mutter hat sich schuldig gemacht, weiß Malte Ludin: "Ich muss mit der Tatsache leben, dass mein Vater ein Verbrecher war und zugleich mein liebender, guter Vater." Von dieser inneren Zerrissenheit und vom Ringen um Klarheit erzählt "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß". Die älteren Schwestern des Regisseurs können ihren Vater bis heute nicht Täter nennen, ja nicht einmal einen Beteiligten. Ihr Blick ist noch immer der eines Kindes auf den imposanten Vater: einen zu unrecht beschuldigten, anständigen Mann. Ein Opfer gar. Dokumente, Zeitzeugenaussagen und Forschungsarbeiten, die Ludin in seinem Film zitiert, beweisen jedoch das Gegenteil: Hanns Elard Ludin war Nationalsozialist der ersten Stunde; er deckte bereits vor der Machtergreifung Hitlers einen SA-Mörder und stieg nach 1933 schnell zum Vertrauten Hitlers auf. Als Botschafter in Bratislava war er verantwortlich für die Deportation und Ermordung tausender slowakischer Juden. Doch auch nach seiner Hinrichtung nach Kriegsende bleibt der Vater für seine Töchter ein Vorbild an Anständigkeit. Offenbar nicht aus Ignoranz - sie alle wirken gebildet, die historischen Fakten sind ihnen teilweise sogar bekannt. Doch gerade die Art der Umwertung dieser Fakten zum Familienroman ist es, die Malte Ludins Film so eindringlich werden lässt. So legt es eine der Schwestern als Beweis für die Unschuld des Vaters aus, dass dieser seine Beteiligung an Deportationen geleugnet hat. Denn "der hätte doch nie gelogen! Das hat er uns auch so beigebracht. Der wusste von all dem wirklich nichts!" Wenn sich Malte Ludins Schwestern körperlich und sprachlich vor der Kamera winden, weil Fakten und Fragen ein weiteres Leugnen väterlicher Schuld grotesk erscheinen lassen, möchte man als Zuschauer manchmal gern wegschauen, genau wie diese Frauen, und es gut sein lassen. Es spricht für die Wahrhaftigkeit des Regisseurs, dass er eine Szene im Film belassen hat, die ihn selbst als einen von innerfamiliären Kontrollmechanismen geprägten Menschen zeigt: Als Malte Ludin in der Slowakei mit dem Dichter Tuvia Rübner spricht, dessen gesamte Familie von den Nazis ermordet wurde, traut er sich zunächst nicht, seinen Namen zu nennen, und als er es tut, reagiert Rübner trocken: "Ach, dann ist Ihr Vater also dafür verantwortlich, dass mir meine gesamte Familie genommen wurde." Daraufhin windet sich auch Malte Ludin; er nennt andere Nazi-Täter und formuliert gewunden, dass sein Vater "nicht direkt physisch verantwortlich" gewesen sei. Doch in dem Filmemacher Malte Ludin ist die Strategie der Familie nicht aufgegangen, Verantwortung zu verlagern - sein Film ist der Beweis. Mutig führt er sich selbst vor. Ob die Familie jetzt noch die seine ist, wusste Ludin nach der Premiere seines Films nicht zu sagen. 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß Dtl. 2005. Dokumentarfilm. Buch & Regie: Malte Ludin, Kamera: Franz Lustig, Musik: Werner Pirchner, Hakim Ludin, Jaroslav Nohovica, Produzentin: Iva Svarcova. 120 Minuten, Farbe. ------------------------------ Foto: Der Vater: Hanns Elard Ludin. ------------------------------ Foto: Die Kinder: Malte Ludin (r.) mit seiner Schwester Barbel.

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