25.08.2011

Der Fahrradverkehr boomt. Der Senat will ihm mehr Platz auf den Straßen schaffen - zu Lasten von Autos: Schnellwege, breitere Spuren und ein Parkhaus

Von Peter Neumann

Sie werden immer mehr - Berlins Radfahrer. Tag für Tag werden in dieser Stadt im Durchschnitt 1,5 Millionen Wege mit dem Fahrrad als Hauptverkehrsmittel zurückgelegt, mit steigender Tendenz. Aber schon heute sind die Anlagen dem Radler-Ansturm oft nicht mehr gewachsen. Jetzt liegt ein Senatskonzept auf dem Tisch, das Berlin fahrradfreundlicher gestalten und fit für die Zukunft machen soll - zum Beispiel mit breiteren Haltezonen vor Ampeln, "Radschnellwegen" für zügiges Vorankommen, grünen Wellen für Radfahrer und einem Fahrrad-Parkhaus. Zum Ausgleich sollen Autos weniger Platz erhalten. Das Konzept sieht auch vor, die jährlichen Ausgaben für den Radverkehr bis 2017 von fünf Millionen auf 17 Millionen Euro zu erhöhen. "Wir sehen die Planung sehr positiv", sagte Sarah Stark vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Doch für die Umsetzung fehle Personal. Der Regisseur Wim Wenders hat sich als Radler geoutet, auch der Schauspieler Boris Aljinovic ("Tatort") und die Sängerin Judith Holofernes treten in die Pedale. Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, fährt mit dem Trekking Bike von Kleinmachnow ins Büro nach Charlottenburg. Das Fahrrad, lange als Arme-Leute-Verkehrsmittel verpönt, ist in Mode. Nicht nur bei Prominenten: Radfahrer sind fast überall unterwegs - auch dort, wo sie nicht hingehören, was vor allem ältere Fußgänger ängstigt. "Das Auto hat an Image verloren, das Fahrrad gewonnen. Diese Chance gilt es zu nutzen." So steht es im Entwurf der neuen Radverkehrsstrategie, der jetzt vorliegt. Das 24-seitige Konzept ist eine Fortschreibung der ersten Strategie von 2004. Es wurde von der Verwaltung der Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und dem "FahrRat", in dem Verbände vertreten sind, erarbeitet. Fünf Euro pro Berliner Die Ziele sind anspruchsvoll. Eines davon lautet: 2025 sollen 18 bis 20Prozent aller Wege in Berlin per Rad bewältigt werden - 2008 betrug dieser Anteil noch rund 13 Prozent. Das hieße, dass sich pro Tag weitere 600 000 bis 900 000 Wege, die heute noch im Auto zurückgelegt werden, auf dieses Verkehrsmittel verlagern. Doch dafür sei noch viel zu tun. "Bereits heute gibt es Engpässe an Knotenpunkten, bei Fahrradabstellanlagen und bei der Mitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln." Folgerung: "Wachstumsvorsorge treffen". So soll es an Kreuzungen ausreichend dimensionierte Radverkehrsanlagen geben. Das bedeutet, Aufstellflächen, auf denen die Radler auf grünes Licht warten, zu vergrößern - zu Lasten der Autos. Anderswo seien ebenfalls "Erweiterungsmöglichkeiten zu prüfen". Auch die zusätzlichen Fahrradstellflächen, für die ein "Masterplan Fahrradparken" entwickelt werden soll, könnten Autos Platz wegnehmen. Von der "Umnutzung von Kfz-Stellplätzen" ist die Rede. Es sollen auch neue Lösungen erprobt werden - zum Beispiel mehrstöckige Abstellanlagen. Vorgesehen ist ein Modellprojekt für eine Fahrradstation mit Serviceangeboten und Platz für mindestens 500 Zweiräder. Heute legen die Berliner mit dem Fahrrad pro Tour durchschnittlich 3,7 Kilometer zurück. 2025 könnten es 4,6 Kilometer sein - was Berlins Straßen von weiteren Autofahrten entlasten würde. Um Radfahren auf längeren Distanzen attraktiver zu machen, sollen "leistungsfähige und zügig befahrbare Fahrradmagistralen" geschaffen werden - breit und mit guten Fahrbahnen, so dass sie mit Tempo 25 auch von Elektrorädern sicher befahren werden können. Der Senat soll prüfen, welche zwei Hauptrouten zu beschleunigten "Radschnellwegen" mit abgestimmten Ampelschaltungen ausgebaut werden könnten - vorrangig außerhalb des Zentrums. In den Niederlanden gibt es dies bereits. Auch viele kleinteilige Verbesserungen sind geplant. So müssten Sackgassen am Ende für Radfahrer geöffnet werden - und der Senat soll bis 2012 prüfen, welche weiteren Einbahnstraßen in der Gegenrichtung freigegeben werden könnten. Problemanalyse und Folgerungen seien richtig, sagte Sarah Stark. "Viele Radverkehrsanlagen sind der Nachfrage nicht mehr gewachsen - etwa die Wege an der Schönhauser Allee", so die ADFC-Landesvorsitzende auf Anfrage. Sie hält es für vertretbar, Straßenraum zu Lasten der Autos neu zu verteilen: "Der Radverkehr nimmt zu, und er ist die umweltfreundlichere Verkehrsart." Dass die jährlichen Ausgaben für den Radverkehr auf fünf Euro pro Berliner wachsen sollen, sei ein "guter Anfang", lobte Stark. Doch ohne mehr Personal in den Tiefbauämtern ließe sich das Geld kaum verbauen. Dort müssten zusätzliche Stellen geschaffen werden. Auch der Fahrradbeauftragte des Senats, der ehrenamtlich arbeitet, müsse einen hauptamtlichen Posten erhalten. ------------------------------ Das neue Konzept Fahrradstadt: Laut Senat gibt es in Berlin zirka 720 Fahrräder pro tausend Einwohner, aber nur etwas mehr als 320 Pkw. 1998 wurden zehn Prozent der Wege mit dem Fahrrad bewältigt, zehn Jahre später 13 Prozent. Auf der Kastanienallee (Prenzlauer Berg) wurden mehr Fahrräder als Autos gezählt. Strategie: 2004 hat der Senat die erste Radverkehrsstrategie verabschiedet. Der Entwurf für die Fortschreibung liegt jetzt vor. Er muss aber noch vom Senat beschlossen werden - was vor der Wahl wohl nicht mehr passieren wird. Gefahren: Von 2008 bis 2010 gab es in Berlin 20 910 Unfälle mit Radfahrern. 26 Radler wurden getötet, 14 390 verletzt. Weitere Unfallschwerpunkte sollen entschärft und (wo notwendig) das Auto- Tempo reduziert werden. Bis 2025 soll die Zahl der getöteten Radler um 40 und die der verletzten um 30 Prozent sinken. Radwege: Ordnungsämter sollen das Halten und Parken von Autos auf Fahrradwegen "konsequent" ahnden. Beim Winterdienst müsse die Freihaltung dieser Anlagen Priorität bekommen. Modellversuche: Auf einem Radroutenabschnitt mit mindestens fünf Ampeln soll eine grüne Welle erprobt werden. Vorgesehen ist auch ein Modellprojekt "fahrradfreundliche Einkaufstraße" - unter anderem mit einem Verleih von Transporträdern. ------------------------------ Foto: Hochbetrieb auf dem Fahrradstreifen am Strausberger Platz. Vielerorts reichen die Radverkehrsanlagen kaum noch aus. Das will der Senat ändern.

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