Der Künstler Peter Kern entdeckte Zeichnungen aus der NS-Zeit - und forscht in der Vergangenheit: Die Geschichte der Amelie Theys

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ALTLANDSBERG. Das kleine urpreußische Ackerbauernstädtchen östlich Berlins erzählt viel über alte Zeiten: Die mittelalterliche Stadtmauer, der an preußische Garnisonszeiten erinnernde Marktplatz, denkmalgeschützte, sorgsam restaurierte Häuserzüge prägen Altlandsberg auf Schritt und Tritt. Am Storchenturm, wo bald die Stadt-Information einzieht, ist soeben eine Galerie entstanden. 60 Kinderzeichnungen bedecken die Wände - Zeichnungen, die zu einer tragischen Geschichte gehören, die knapp 70 Jahre zurückliegt und in der finstersten Zeit der deutschen Vergangenheit spielt. Eine Geschichte, die bis heute nur ein einziger, ein zugezogener Altlandsberger mühsam erforscht hat und nun öffentlich macht. Der Bildhauer Peter Kern, gebürtiger Dresdner und Jahrgang 1945, hat vor Jahren am Stadtrand ein damals marodes, altes preußisches Haus gekauft, in dem um 1800 der Stadtrichter lebte. Es steht samt Garten genau auf dem Areal, wo sich einmal der Weinberg von Friedrich I. von Preußen erstreckte. Der hatte in Altlandsberg sein Lustschloss, es ist im Krieg abgebrannt. Der Denkmalschutz hatte dem Bildhauer schier unerfüllbare Auflagen erteilt. Zentimeter für Zentimeter nur konnte Kern das historische Gemäuer restaurieren. Bei diesem endlosen Akt, der bis heute andauert, beim Stöbern und Entsorgen des Haus-Gerümpels seiner Vorbesitzer fand er irgendwann einen Koffer. Darin lagen, wie für eine plötzliche Abreise gepackt, Kinderzeichnungen, Aquarelle, Pastelle. Die Bilder sind originell, witzig, mit Talent gemalt und gezeichnet. Es sind Zirkusszenen, Straßenmotive, Feste, Jahrmärkte, Blumenbuketts, Parks, auch eine Arche Noah lag im Koffer - und jede Menge kesser Selbstporträts halbwüchsiger, sehr hübscher Mädchen. Viele von ihnen haben schweres, dunkles, geflochtenes Haar und schwarze Augen. Jüdische Mädchen. In anderen Räumen fanden sich Ölbilder, die von einer älteren Hand stammen mussten - von der Lehrerin jener Schülerinnen, wie Kern inzwischen weiß. Und im verlassenen Bienenstock im Garten lagen ebenfalls zusammengerollte Blätter mit Kinderzeichnungen. Sie dienten dem wohl wenig kunstsinnigen Imker als Abdichtungen und Dämmungen. Peter Kern nahm den rätselhaften Fund - insgesamt 147 Bilder - als Vermächtnis an. Er erfragte mühsam, was es damit auf sich haben könnte. Später, als die damals noch lebenden Vorbesitzer des Hauses ihm den Namen der einstigen Untermieterin, der Zeichenlehrerin Amelie Theys, nannten, restaurierte er, was zu retten war. Und er forschte: Nach dem Leben - und dem Tod der Berlinerin, geboren 1892, gestorben aller Wahrscheinlichkeit nach durch Euthanasie in einer Irrenanstalt der Nazis. Es gibt kein Dokument über das Was, Wann und Wo dieses Endes. Herausgefunden hat Peter Kern, dass sie in den 20er- und 30er-Jahren an zwei höheren Mädchenschulen in Berlin-Neukölln und Wilmersdorf lehrte, dass sie, bedrängt und nervlich angeschlagen, um 1940 frühpensioniert nach Altlandsberg in jenes besagte Haus zog - und malte: Wundervolle, bisweilen neusachliche, dann wieder surreale oder romantische Altlandsberg-Motive, die nun auch im Storchenturm ausgestellt sind. Die Bilder zeigen den Garten des Hauses, in dem heute Peter Kern lebt. Andere zeigen den Blick von der Stadtmauer zur alten Mühle, die Sicht hin zum Friedhof mit Kriegerwitwen in einem fiktiven Trauerzug. Und es gibt traumartige Szenen von Paaren, Kindern am See, Blumenstillleben. Auch ein Selbstporträt. Es gab enge Kontakte zu einstigen Berliner Schülerinnen, das hat Kern durch die Vorbesitzer seines Hauses noch in Erfahrung bringen können. Anfangs sollen noch jüdische Mädchen darunter gewesen sein. Und oft, das hat man ihm erzählt, sei die feine stille Frau aus der Haut gefahren, habe verzweifelt wütende Dinge über die Nazis, deren Umgang mit den Juden und gegen den Krieg gesagt. Das war in dem Städtchen an die falschen Ohren gedrungen, das war ihr Tod. Amelie Theys war, auch das fand Kern in Berliner Archiven heraus, Mitglied der NSDAP gewesen. Von ihrer Zivilcourage hat sie das nicht abgehalten. Sie wurde denunziert, abgeholt, in eine Irrenanstalt gesperrt. Tage später, so berichteten Nachbarn, hätten sie vom Tod der Malerin erfahren; niemand sprach es aus, aber alle wussten es: Sie wurde ein Opfer der Euthanasie. Das Todesdatum ist nicht überliefert. Die Frau und ihr Schicksal waren rasch vergessen. Was bleibt, ist nur ihr spärlicher, aber beredter Nachlass. Ein ideeller Schatz, eine kunstvolle Zeitzeugenschaft von Zivilcourage in düsterster Zeit - jetzt zu sehen in Altlandsberg. ------------------------------ Foto: Köpfe im neuen Altlandsberger Ausstellungshaus: Peter Kern mit seiner Plastik "Gaia" und einem von ihm entdeckten Selbstporträt der Amelie Theys. Foto: Die Bilder (hier die Zirkusszene eines unbekannten jüdischen Mädchens um 1936) sind zusammen mit Plastiken von Peter Kern im Altlandsberger Storchenturm, Am Strausberger Tor 1, zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung jeweils Fr 15-18 Uhr, Sa und So 13-18 Uhr. Mehr: Tel. 03 34 38/645 72

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