24.12.2009

Der leise Amerikaner

Von Ralf Schenk

RALF SCHENK über den Filmpublizisten Ron Holloway und die Filme seines Lebens Die Nachricht von seinem Tod kam nicht unerwartet, und doch traf sie wie ein Blitz. Seit Jahren litt Ron Holloway an Krebs, aber jedes Mal, wenn er operiert worden war, rappelte er sich wieder auf, um einem Hobby zu frönen, das zugleich sein Beruf war. Mit großer Regelmäßigkeit bereiste er die Filmfestivals der Welt; kaum eines, auf dem er nicht gewesen ist, um für das Fachblatt "Variety", später für "Hollywood Reporter" und "Moving Pictures" zu berichten. Hoch gebildet und zugleich von höflicher Bescheidenheit, kannte er sich im internationalen Kino bestens aus. Seine große Liebe aber galt dem deutschen und osteuropäischen Film. Seit er den frühen Werken von Herzog, Fassbinder und Wenders begegnet war, war es ihm eine Herzenssache, diese Arbeiten zu popularisieren. So gründete er im Herbst 1979 eine Zeitschrift, "Kino - German Film", die er, weitgehend auf eigene Kosten, bei Oktoberdruck in Kreuzberg herstellen ließ und vorwiegend mit selbst verfassten Texten füllte. Überall, wohin er zu Gast kam, holte er das neueste Heft aus seiner Umhängetasche, verschenkte es an Bekannte und Unbekannte. Die Redaktionsarbeit und seine fast tägliche journalistische Tätigkeit für die US-amerikanische Fachpresse verlangten ihm eine unerhörte Disziplin ab. Mag sein, dass die Wurzeln für diese Ernst- und Gewissenhaftigkeit in seinem ursprünglichen Beruf lagen: Vor seiner filmpublizistischen Karriere war Ron katholischer Priester, besaß sogar ein Doktorexamen der Theologie. Große Worte machte er darüber nie. Viel lieber plauderte er über seine Begegnungen mit Regisseuren und anderen Leuten vom Fach. Und wen er nicht alles kannte! Zum Beispiel Henri Langlois, den charismatischen Leiter der Cinémathèque Français, dem er 1965 in einem Piratenakt seltene Kopien aus dem Besitz US-amerikanischer Verleiher nach Paris gebracht hatte. Lotte H. Eisner, die engste Mitarbeiterin von Langlois und legendäre Autorin der "Dämonischen Leinwand", schickte ihn im selben Jahr nach Berlin, zu den Filmfestspielen, die er von nun an regelmäßig besuchte. Drei Jahre später, als Stipendiat der Rockefeller Foundation, nahm er an den heißen Diskussionen der Filmfestspiele Karlovy Vary teil, mitten im "Prager Frühling". Während des Festivals lernte er die Schauspielerin Dorothea Moritz kennen, die er nur drei Monate später, im September 1968, heiratete und die seine treue Lebens- und Arbeitsgefährtin wurde. Mitte der 1970er-Jahre lud ihn der damalige Direktor der Berlinale, Wolf Donner, ins Auswahlgremium des Festivals ein; daneben avancierte er zum Leiter der Informationsreihe, aus der später die Berlinale-Sektion "Panorama" hervorging. Ron Holloway machte das alles mit nie erlahmender Leidenschaft, freundlich, aber bestimmt und ehrgeizig, ohne je verbissen zu sein. Vorige Woche ist Ron, der in Berlin lebende Amerikaner, 77-jährig gestorben. Schön wäre es, wenn sich im neuen Jahr ein Kino fände, das mit einer kleinen Werkschau an ihn erinnert. Gern möchte man seinen berührenden Dokumentarfilm "Paradzhanov, ein Requiem" wieder sehen, das Porträt des armenisch-georgischen Regisseurs Sergej Paradzhanov, das zwischen 1988 und 1994 entstand und für das Ron selbst seinen letzten Groschen herzugeben bereit war. Oder den Dokumentarfilm "Die Mauertänzerin" (2009), in dem Rons und Dorotheas Videoaufnahmen aus der Zeit zwischen dem 9. November 1989 und Mitte 1990 verarbeitet wurden: eine Reminiszenz an eines der aufregendsten Kapitel auch ihres Lebens. Nicht zu vergessen ein paar Kurzfilme der von Regina Ziegler produzierten "Erotic Tales", an denen Ron als Berater mitwirkte. Einmal wurde er hier sogar als Darsteller engagiert: In Bob Rafelsons "Porn.com" (2002) spielte er einen Journalisten, der am Flughafen Tegel einen Starregisseur aus den USA in Empfang nimmt. Graubärtig und mit leisem Lächeln, genau so, wie wir ihn kannten. Und in bleibender Erinnerung behalten. ------------------------------ Foto: Das Titelblatt der neuesten und wahrscheinlich letzten Ausgabe von Ron Holloways Zeitschrift (oben). 2007 erhielt der stille Amerikaner die Berlinale-Kamera (unten).

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