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Der Londoner Künstler Chris Newman schlägt Wurzeln in Berlin: Ich bin mein eigenes Labor

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Er trägt Trenchcoat und Hut, löffelt genüßlich sein Müsli und schlürft Pfefferminztee. So frühstücken in Berlin, das heißt, angekommen sein. Dann erzählt Chris Newman von den Insekten in seinem Kopf und meint damit die "Stoffsammlung" für ein Theaterstück in Berlin. Er sammelt seit 15 Jahren zu Textstücken geronnene "Wahrnehmungen": erlebte Zustände. Nun ist in zwei Wochen Premiere im Hamburger Bahnhof, dem gerade eröffneten Museum für Gegenwart, in dem Künstlern ein weites Versuchsfeld versprochen ist. Chris Newman freut sich auf sein Experiment wie auf Christmas, als er ein kleiner Junge war. Die besten Schauspieler aus der freien Szene hat er gewinnen können. Er beschreibt die Struktur des Stückes mit schnörkellos englischem Humor als kleine Mückenbiester, summende Bienen, brummende Hornissen und sanfte, flügelschlagende Schmetterlinge. Auf die Vermutung, das werde wohl recht "abgedreht", erwidert Newman: "Aber nein, meine Arbeit kommt direkt aus der Realität, aus dem Alltag. Ich versuche, innere Zustände mitzuteilen, die sich in Jahren ansammelten und die ich überallhin mitschleppe." Bis sie zu Texten, Musik oder Bildern werden. Newmans Gemälde hängen jetzt in der Galerie Zielke in Berlin-Mitte, und eine unglaubliche Leere ist in ihnen. Zugleich aber empfindet man darin immensen Druck. Die Leere und der Druck hätten beides unmittelbar mit Berlin zu tun, sagt er. Er wird hier wohl Wurzeln schlagen - nach London, der Stadt seiner Kindheit, und nach Paris und Köln, von wo er nach Jahren wegging. Der Boden Berlins sei ihm "unter die Füße gerutscht, bei jedem Besuch ein bißchen mehr". Bis er wußte, die Textur der Stadt tut ihm gut. "Berlin ist unmittelbar, auch rabiat und rauh. Es ist ehrlicher. Nicht überfeinert wie Paris und nicht künstlich wie Köln." Für den Maler, Dichter und Komponisten - er war nach dem Musikstudium in London Mauricio Kagels Schüler - scheint es keine medialen oder Genre-Grenzen in der Kunst zu geben. Auf der groben Leinwand nimmt man Spuren wahr: warmes, stark emotional wirkendes Kadmiumrot, weiß durchmischt, überzieht die Bildfläche, erst ganz dicht und flächendeckend, dann verebbend, sich in Strukturen verlierend. Auf dem nächsten Bild setzt sich die rote Farbspur fort. Wo sie abbricht, übernehmen schwarze Graphit-Kritzel die Wegsuche. Rot und Schwarz mäandert es, einem Flußbett gleich, durchs Bildgeschehen im übernächsten Gemälde, das mit zwei weiteren im angrenzenden Raum unmittelbar verbunden ist. Die vibrierenden Spuren des Pinsels und Stiftes setzten sich dort direkt fort: wie Schrift, wie Notate. Zeichen für auf- und abschwellende Töne. Das alles wirkt sehr angenehm, man fühlt sich leicht und mitgenommen auf einem seltsamen, unkontrolliert intuitiven Weg. Der Maler beschreibt diesen Weg, jedoch ohne von ihm zu erzählen. Der Betrachter muß alle Abenteuer allein bestehen, denn man fühlt sich ganz auf sich selbst rückgeworfen. "Es geht nur um Wahrnehmungen", so verweigert der in der Kunstszene bekannte künstlerische Grenzgänger jede Botschaft. Er sieht sich indes "als völliges Gegenteil der Szene" (im Sinne des Kulturbetriebes): "Ich will den ganzen Medienzauber und diese sture Trennung einfach auflösen, um auf die Substanz zu kommen", sagt er. Es sei eigentlich egal, ob er male, komponiere oder texte. Er arbeite in der Art von "displacement" - Dinge dahin zu tun, wohin sie eigentlich nicht gehören. Das jeweilige Genre wählt er auch keineswegs, weil es sich, um etwas Bestimmtes auszudrücken, besser eignet als das andere. Newman nämlich kann mit dem Begriff "Ausdruck" wenig anfangen. "Sich ausdrücken wollen" hieße, daß seine Musik, Gedichte, Bilder ganz aus dem Wollen heraus, gar nach einem Kopf-Plan entstehen würden. Er hält es allein mit der Intuition. Er nimmt banalste Erlebnisse auf, übersetzt sie aber so sensibel, daß sie was Besonderes werden. So kommt es ständig zu Transformationen. Bild wird Ton, Klang wird Wort. Er "produziert" immer auf die gleiche Weise - wie beim Komponieren. "Ich rolle den Ball und staune, wo er hinkommt." Seine Bilder, auch seine Musik haben eigentlich keine Oberfläche, nur dieses tiefe Innere, das sich aber nicht versperrt, sondern nach außen kehrt. "Warhol war genial, er holte alles an die Oberfläche, ich bewundere ihn sehr", sagt Newman, "Ich mache das Gegenteil. Es geht auch nicht um Stil, sondern und mein eigenes - inneres - Material. Ich versuche, verschiedene Ebenen von ganz alltäglichen Handlungen bewußt zu machen, dieses Spinnennetz von Bewußtem und Unbewußtem." Was so entsteht, wird von Newmans Umgebung mitunter als sehr komisch empfunden. "Das liegt daran", meint er, "daß die Welt so unglaublich künstlich geworden ist. Nur wenn die Leute Künstliches sehen, finden sie es okay." Es sind immer künstlerische Passagen, die er hervorbringt. Und stets spielen der Raum, das Umfeld, die Atmosphäre der Umgebung eine unmittelbare Rolle in seiner Kunst aus der er "alles Künstliche herausziehen" will. Das jedoch nicht im Sinne der Minimalisten, etwa seines berühmten amerikanischen Namensvetters Barnett Newman. Der arbeitete konzeptuell. Bei Chris Newman ist alles sehr irdisch, sehr körperhaft. "Mein Kosmos ist da, wo ich gerade bin. Ich bin mein eigenes Labor."Ingeborg Ruthe Galerie Zielke, Gipsstr. 7, bis 14.12., Di-Fr 14-19/Sa 11-14 Uhr. Premiere des Theaterstückes von Newmann: 28. 11., 20 Uhr Hamburger Bahnhof. +++

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