Der Rockmusiker Dieter Birr von den Puhdys wird 50- manchmal ist er noch Maschine~ Leute in Deutschland DIETER BIRR: Wenn ein Mensch lange Zeit lebt

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Herr und Frau Birr waren gerade zwei Wochen im Kluburlaub. In Kenia, von wo sie eine gesunde Gesichtsfarbe und eine dreiköpfige, haibmeterhohe Negergruppe aus Ebenholz mitgebracht haben, die jetzt neben dem Marmor-Kamin im Wohnzimmer steht. Herr Birr hat sich Ende des Jahres einen 7er BMW geleistet, Automatikgetriebe. Manchmal spielt er mit ein paar alten Kollegen Skat. Zum Beispiel mit dem Schlagersänger Peter Albert, der ein recht passabler Kartenpieler sein soll. An Wochentagen geht Herr Birr vormittags, so gegen elf aus dem Haus, quer durch den Garten vielleicht zwanzig Meter weit zur Arbeit. Von eins bis zwei ist Mittagspause und länger als 18 Uhr arbeitet er selten. Weil er die Nachbarn nicht verärgern will, mit denen er gelegentlich Tischtennis spielt. Herr Birr hat sich beruflich nicht verändert. Er macht Rock-Musik. * Meine erste Schallplatte kaufte ich im Centrum Warenhaus Sphl, wohin wir bei einem Ferienlagerausflug einen kleinen Abstecher gemacht hatten. Es war eine Single mit dem Titel "Carneval" von den Les Hu.mphries-Singers, der in diesem Falle leider nur von der Horst-Krüger-Band nachempfunden wurde. Die zweite Platte war dann schon von den Puhdys. Zwangsläufig. Früher oder später kaufte sich ja jeder jugendliche Schaliplattenliebhaber der DDR eine Puhdys-LP. Auch statistisch kommt das bei 14 Millionen verkauften Langspielplatten wohl ungeffthr hin. Meine erste Puhdys-Platte hieß "Die großen Erfolge" und läutete mit Titeln wie "Ikarus", "Alt wie ein Baum", "Geh zu ihr" und "Wenn ein Mensch lebt" den Beginn einer wunderbaren Freundschaft ein, In der Mitte des Plattencovers saß der Sänger der Gruppe, Dieter Birr, von allen nur Maschine genannt. Er trug Blue-Jeans mit Schlag, und hochhackige Schuhe, an seinem Hals baumelte ein Lederetui, in dem er sein Feuerzeug aufbewahrte. Verwegen blitzte er mich aus leicht schrägstehenden Augenschlitzen an. Als wir uns achtzehn Jahre später treffen, trägt Maschine Hausschuhe. Die kleinen Beutelchen unter seinen Augen sind zu richtiggehenden Säkken angewachsen, so daß man seine Augen nur manchmal sehen kann. Seine Nase ist größer geworden und knollig. Das schuttere Bärtchen ist grau wie die Haare, die vorsichtig an seinem Kopf herunterhängen, als könnten sie bei einer hastigen Bewegung abfallen. Dieter Birr wird in ein paar Tagen fünfzig. * In der Diele des zweistöckigen Gartenhauses steht ein Eimer mit Pantoffeln. Den Fußbodenbelag haben sie erst 1992 verlegt, als sie das kleine Demoband-Studio im Obergeschoß zu einem richtigen Studio mit vielen Tonspuren umbauten. Die schmale Wendeltreppe führt zu einem Raum mit blinkenden Geräten, einem halben Dutzend Gitarren, einer Sitzecke und Peter Meyer. Meyer ist der Keyboarder der Band und schrieb mit Maschine zusammen nahezu alle der etwa 170 Puhdys-Lieder, die es bislang gibt. Meyer ist 54, sieht schon seit 20 Jahren genauso alt aus und geht erst einmal Kaffee kochen. "Grüß Dich", sagt Maschine. "Wir machen gerade ,Zeiten ändern sich. Das wird vielleicht der Titelsong unserer neuen LP, die im Frühjahr rauskommt. Zeiten ändern sich. Merkste, was gemeint ist?" Wir klemmen uns in die kleine Bauernsitzecke. An der Wand hängen ein paar "Tip-Dlsko-Diplome" vom DDR-Rundfunk. 1980 gab es eins für "Fern von zuhaus", 1982 eins für "Im Nebelmeer", 1984 wurde die "Rockerrente" prämiert. Eine neue Platte also. Es müßte die achtzehnte sein. Wahrscheinlich ist sie nicht sehr viel anders als die siebzehnte, die "Wie ein Engel" hieß und so ähnlich klang wie die sechzehn Alben davor. "Wenn die Leute sich eine Stones-Platte kaufen, wollen sie doch auch nicht, daß die nach Genesis klingt", erklärt Maschine. "Man sollte schon typisch bleiben." Als sich die Band, die im Osten immer für 10 000 Fans pro Konzert gut war und 1981 auch mal 17 000 Leute in die West-Berliner Waldbühne lockte, im Herbst 89 auflöste, gründete Birr die Formation "Maschine und Männer". Er schrie sich in einer Disko in Königs Wusterhausen vor 40 Leuten die Seele aus dem Leib. In ein großes Stadion in Meißen, das für seine Band und für die andere berühmte Ost-Band Karat angemietet worden war, kam kurz nach der Wende "nur der Freund vom Eisverkäufer und sonst gar keiner. Wahrscheinlich hätte ich die Band ,Maschine von den Puhdys und Männer, nennen müssen", grübelt Dieter Birr. Also wurden die Puhdys wieder zusammengetrommelt, was nicht ganz so leicht war, weil der Bassist Harry Jeske mittlerweile an der Ostsee wohnt, und die kalten Winter in Thailand verbringt, eine Tournee wurde organisiert und eine Platte gemacht. Zu den 40 Konzerten des letzten Jahres kamen fast immer mindestens tausend Besucher, nach Kamenz in Sachsen pilgerten sogar 8 000 Fans. "Wie ein Engel" wurde 18 000 mal verkauft. "Das ist nun nicht gerade überwältigend, aber Bon Jovi und Madonna haben im Osten auch nicht mehr verkauft", sagt Maschine. * Meyer kommt mit dem Kaffee. Es ist das Zwiebelmuster-Service, das aus Kahla. Peter Meyer reicht Tassen, Teller und Untertassen herum. "Sahne?" -. "Zucker?" Er hat ein paar Stückchen Napfkuchen mit Rosinen zurechtgeschnitten. Maschine erzählt, daß er im Konzert den Sprung bei "Bis ans Ende der Welt" nicht mehr macht, seit er diesen gigantischen Hexenschuß hatte. "Jetzt reill ich in der kurzen Pause praktisch die Gitarre so ein bißchen hoch. Und dann geht s los! Ich meine, ich hätte das noch drauf." Maschine hat nie ein Hotelzimmer demoliert. Er hat nie ein Klavier angezündet. "Das hätte ich irgendwie sinnlos gefunden. Ich bin doch ein friedlicher Bürger." Meyer erzählt, während er die letzte Napfkuchenecke nicht aus den Augen verliert, daß er keine Lust mehr habe, 200 Konzerte im Jahr zu machen wie früher. Die 40 im letzten Jahr seien schon ganz in Ordnung gewesen, dieses Jahr machen sie wahrscheinlich ein paar mehr. "Aber dieses Jahr ist ja auch die Jubiläumstour. 25 Jahre Puhdys, weißte." Peter Meyer greift sich das Kuchenstück. "Früher war unser Leben natUrlich mehr Schwaudiwaudi", sinniert Maschine. "Jeden Tag bis Mittag gepennt, rumgefahren, gewartet. Was willste denn auch machen, wenn du auf Tour bist. Da sind die zwei, drei Stunden Konzert und sonst nichts. Da gehst du eben in die Kneipe, rauchste, säufste." Wobei, damit kein falscher Eindruck entstehe, mehr als fünf Bier vertrage er sowieso nicht. Gab es viele Mädchen? Groupies? "Naja , sagt Birr ein wenig verlegen. ,Manchmal merkste schon, wenn eine kiekt. Aber ich war da eigentlich nie so einer, weißte. Und heute ist es natürlich auch seltener geworden, wa." Kriegen sie noch viel Fanpost? Meyer und Birr schauen sich ratlos Maschine klopft sich eine Lulle aus dem Päckchen, zündet sie an, stellt sich vor das Mikrofon, das unmittelbar neben dem Kaffeetisch steht, stülpt sich ein paar große Kopfhörer über und nimmt mit dem rechten Hausschuh den Takt von "Zeiten ändern sich" auf. Meier schiebt Regler am Mischpult auf und ab. Er hat jetzt eine Art getönte Fliegerbrille mit dem Einschliff gegen die Alterssichtigkeit im Gesicht. Dann fängt Maschine an zu schreien. Seine Halsschlagader bekommt vollen Druck. So ohne jede Begleitung klingt seine Stimme seltsam, sagen wir mal, nackt. "Menschen , singt Maschine, ,ändern sich, unweigerlich Wir habens alle erlebt, sicherlich wenn der Alltagsschmerz wie Staub auf unsre Seelen schneit ändern wir vielleicht unser Leben doch wir ändern nicht die Zeit" Und dann: "Alles beginnt, alles vergeht doch manchmal ist alles zu spät." Maschine setzt die Kopfhörer ab, Meyer läßt jetzt alle Spuren zusammen und laut laufen. "Und?" fragt Maschine. Es ist richtige Puhdys-Musik. Mit Unterstützung der Technik sägt seine Stimme wie vor zwanzig Jahren und macht auch das weicheste "eh" zu einem alles wegschwemmenden "sch . Meyer gibt zu bedenken, daß man "schneit" vielleicht durch "fällt" ersetzen sollte. "Nee", sagt Maschine. "Bei schneit steckt irgendwie auch die Kälte mit drin." Texten, meint Maschine, sei das Schwierigste überhaupt. "Also nehmen wir mal die Ausländerfeindlichkeit. Da haben ja die Toten Hosen, Grönemeyer und Lindenberg alles gesagt. Da kann ich doch nicht hinkommen und singen: Ich bin dagegen, ich bin dagegen "Tralala", ergänzt Meyer. Aber zur Stasi hätten sie ja mal was machen können. Hat sie das nicht berührt? Meyer war doch selbst betroffen. "Ja", sagt Maschine. "Da haben wir schon drüber nachgedacht. Nur, gegen wen soll es gehen? Gegen die Stasi? Gegen die Presse? Das haben wir irgendwie nicht gewußt. Außerdem hatte ich das Gefühl, daß die Leute von Stasi die Schnauze voll hatten." Meyer schaut aus dem Fenster. Nun hat auch jemand was über ihren langjährigen Texter Wolfgang Tilgner in seiner Akte gefunden. Wer will schon Lieder über ein Tischtennisspiel mit dem Nachbarn hören. "Beim Texten ist es doch so. Je konkreter das wird, um so schwieriger ist es", erklärt Maschine. Als wolle er diesen Satz beweisen, drückt er mich in den schwarzen Drehsessel vorm Mischpult und wirft die Kassette mit den ersten sechs Titeln der neuen LP ein. Aus den Boxen strömt eine Kraft, die einem die Haare aus der Stirn weht. Der Wind bläst Gitarren, Trommeln, Maschines Knarr-Tenor und Botschaften wie "Es war wie es war -- es ist wie es ist -- und wie es sein wird -- wissen wir nicht Maschine dreht stolz an den Knöpfen und grinst, daß sich die Säcke über die Augen schieben. "Wir haben ganz schön Radau gemacht, Auf dem Kaffeetisch liegen CDs von Mr. Big, Metallica, den Spin Doctors, Tom Petty und Alphaville. Maschine versucht, soviel wie möglich zu hören. Er hat ~ich auch Nirvana gekauft, gefällt ihm aber nicht. Er liebt Queen, Led Zeppelin und "alles, was noch klingt wie ,ne Band". Das letzte Mal im Konzert war er voriges Jahr bei Aerasmith und davor, puh, da muß er überlegen, ja bei den Stones im Olympiastadion 1990. Früher in den 70er Jahren haben sie ihre "Westmuggen" so legen lassen, daß sie die Rolling Stones, Queen, Led Zeppelin und Santana mitnehmen konnten. In den B ern durften sie dann auch ohne eigenes Konzert rüberfahren, zuletzt sogar mit Ehefrau. Man wird eben bequem. Wie hieß denn nur die erste Band, die wir im Westen sahen? 1975 war das. Die, die immer das gleiche spielen?" fragt Meyer und rudert mit dem Arm über einer imaginären Gitarre. Er meint Status Quo. Maschine guckt ein bißchen traurig. Die, die immer das gleiche spielen. * An diesem Nachmittag nehmen sie noch einen kurzen Akkordeonlauf auf. Meyer mit dem "Weltmeister"-Instrument vor dem Bauch am Mikro neben dem Kaffeetisch und Maschine mit Haibschalen-Brille am Mischpult. Als Meyer fertig ist, beugt er sich bei Maschine über die Schulter. Da sehen die beiden aus wie Vorruheständler im Hobbykeller. Rüstig und konzentriert. Sie haben es wahrgemacht. Sie spielten bis zur Rokkerrente. Was jetzt kommt, ist Zugabe. * Kurz bevor der Arbeitstag zu Ende ist, will Herr Birr es noch mal wissen. Er greift sich eine Gitarre, die an der Wand lehnt und macht den Sprung, den er früher immer vor "Bis ans Ende der Welt" gemacht hat. Er kommt richtig vom Boden weg, zieht die Knie an den Bauch, die grauen Haare spritzen in alle Richtungen davon, der Mund öffnet sich zum Schrei. Einen bewunderswerten Moment lang hängt Herr Birr da in der Luft rum. Dann landet der alte Rokker sicher. Er hat es noch drauf.

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