25.11.2004

Der Weihnachtsfilm "Der Polarexpress" wirkt technisch arriviert und ideologisch seltsam: Aufmarsch der Wichtel

Von Jens Balzer

Wir leben bekanntlich in gottlosen Zeiten. Anders, als gemeinhin dargestellt wird, leiden darunter freilich nicht nur die christlichen, muslimischen und sonstigen Weltkirchen - auch der Weihnachtsmann muss sich zunehmend um die Folgen der Säkularisierung besorgen. Skeptizimus und Rationalismus grassieren schon unter Grundschülern. Kaum ein Kind ist noch bereit, unbesehen an das Weihnachtsmannmärchen zu glauben. Den glaubensverzweifeltsten unter seinen kleinen Geschenkeempfängern spendiert der Weihnachtsmann darum einmal im Jahr eine glaubensstärkende Fahrt nach Weihnachtsmannhausen: Sein Polarexpress holt die kleinen Freigeister in der Nacht vor der Bescherung ab und fährt sie durchs winterlich schneeverzauberte Land in die Traumstadt am Nordpol, aus der all die schönen Geschenke stammen. "Der Polarexpress" von Robert Zemeckis ist ein bemerkenswerter Film, und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen handelt es sich um den zweifellos schmalzigsten und schnulzigsten Weihnachtsfilm dieser Weihnachtssaison; zum anderen um den auf höchstem Niveau gescheiterten Animationsfilm dieses an gescheiterten Animationsfilmen nicht eben armen Jahres. Zemeckis hat mit "Forrest Gump" und "Falsches Spiel mit Roger Rabbit" bereits verschiedentlich an der Verbindung von Realfilm und Animationskunst gearbeitet. Nun liefert er mit "Polarexpress" den ersten Film ab, der vollständig im "Performance-Capture"-Verfahren verfertigt wurde. Das heißt, der Film wurde zwar mit realen Schauspielern gedreht, doch gab es dabei weder Kostüme noch ausgestaltete Kulissen. Die Schauspieler steckten vielmehr in Ganzkörperkondomen, die mit Netzen lichtreflektierender Markierungen übersät waren; sie mimten und gestikulierten im leeren Raum und wurden dabei von allen Seiten fotografiert. Die dabei gewonnenen Bewegungsdaten wurden im Computer in einer dreidimensionalen Matrix gespeichert und konnten vom Regisseur, seinen Technikern und Animatoren dann nach Belieben mit allen nur denkbaren Vorder- und Hintergründen kombiniert werden; aus allen nur denkbaren Perspektiven immer wieder neu fragmentiert, montiert und in die Handlung ein- oder eben wieder ausgeklinkt. Auch Gesichtsgestaltung und Kostümierung der Charaktere waren völlig variabel - weswegen der fünffache Hauptdarsteller Tom Hanks unter anderem als achtjähriger Junge, schnurrbärtiger Eisenbahnschaffner mittleren Alters und äonenalter unsterblicher Weihnachtsmann zu sehen ist. Die Hoffnungen, die in diese finale Verschmelzung von Animations- und Realfilm investiert werden, sind enorm; allein deswegen lohnt sich der Besuch dieses Films. Wenn die Technik das Publikum überzeugt, könnte der Realfilm-Regisseur sich endlich dauerhaft von all jenen unkontrollierbaren Zufälligkeiten befreien, die bei der Arbeit mit realen Schauspielern in realen Umgebungen das Filmemachen so mühselig machen. Er könnte erstmals zu jenem allgewaltigen Weltenerschaffer und Bilderkontrolleur werden, wie man ihn bisher nur aus Animationsfilmen kannte. Diesen, wiederum, soll die Integration realer Schauspielkünste endlich zu jener Illusionsdichte verhelfen, die bei der Animation "realer" Menschen bisher stets fehlte. Dass die meisten Trickfilme sich auf die Darstellung karikierter Charaktere konzentrieren, liegt ja nicht zuletzt daran, dass eine Darstellung menschlicher Mimik und Physiognomie bisher nur in solchen Typisierungen und Parodien gelang, die vom Realismus konsequent abstrahierten. Beim "Polarexpress" ist es allerdings nicht anders. Trotz des neuartigen technischen Aufwands ist auch dieser Film gerade in jenen Szenen am eindrücklichsten geraten, die man auch mit konventionellen 3D-Animationsverfahren gut hinbekommen hätte: in den kinderbuchhaft warm beleuchteten Settings, den gewaltigen Panoramaaufnahmen mondbeschienener und -spiegelnder Schneewelten, den atemberaubenden "Kamerafahrten" und halsbrecherischen Perspektiven, in denen man die Fahrt an den Nordpol verfolgt. Die kleinen und großen Menschen, die durch diese Wunderwelt wandern, wirken jedoch so starr und leblos wie je in "realistischen" Animationsfilmen - gerade dort, wo diese ihre Problemzonen haben, versagt nämlich auch die Performance Capture: bei Mund und Augen. Weil sich dort aus leicht nachvollziehbaren Gründen keine Reflektoren anbringen lassen, mussten Mimik und Konstitution des menschlichen Antlitzes auch hier "manuell" animiert werden. Ästhetisch bleibt der "Polarexpress" also wenig mehr als ein Versprechen, und ob der Weihnachtsmann nach diesem Weihnachtsmannfilm mehr Freunde als vorher hat, steht ebenfalls dahin: Als die Kinder nach abenteuerlicher Fahrt endlich seine Heimstatt erreichen, präsentiert er sich ihnen als eine Art Mischung aus Jesus und Hitler. Einmal im Jahr hält er, wie wir erfahren, einen Aufmarsch der Weihnachtswichtel ab: ein gewaltiges Heer rotgrün uniformierter Vasallen exerziert laut jubelnd auf einem Platz, der um eine riesige Tanne gebaut ist. "Nur was ihr nicht sehen könnt, ist wirklich wahr", gibt der autoritäre Brummbart am Ende seinen Geschenkeempfängern nebst Geschenken mit auf den Heimweg. Eine spezielle 360-Grad-Sinnenüberwältigungsversion dieses Films ist demnächst in den Imax-Theatern zu sehen. Der Polarexpress USA 2004. Animationsfilm. Regie: Robert Zemeckis, Drehbuch: William Broyles jr., Robert Zemeckis, nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Chris Van Allsburg, Produktion: Tom Hanks, Jack Rapke, Chris Van Allsburg, Mitwirkende: Tom Hanks, Michael Jeter, Peter Scolari; 110 Minuten, Farbe. ------------------------------ Foto: Den Dampflokomotivendampf haben sie ja ganz prima hingekriegt! ------------------------------ Foto: Aber aus diesen Schnitzarbeiten hier müssen bitte noch Gesichter werden.

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