11.02.2006

Der Zufall als Metapher Die Polaroid-Künstlerin Stefanie Schneider, Shooting Star der Fotokunstszene, hat nie viel geplant in ihrem Leben

Von Erik Heier

Dieser Himmel, so blau. Maßlosblau, tiefseeblau. So blau ist doch kein Himmel. Sie geht auf und ab vor den drei Postern an der Wand. Lance wartet. Das Polaroid zittert in ihrer Hand, Takt unruhiger Schritte. Ewan McGregor hinten, Naomi Watts vorn, blauer Himmel, ein paar Wolkenfetzen nur, er greift nach ihrem Handgelenk. Bleib doch, bleib! Das Handy auf dem Küchentisch pingt und pingt, vielleicht ist sein Akku alle. Die Poster, das Polaroid, der blaue Himmel. Der blaue Himmel. "Ein bisschen mehr grün und blau", sagt Stefanie Schneider. Lance nickt. Wir setzen uns wieder in die Küche. Prenzlauer Berg, Altbau, Erdgeschoss. Nebenan im Fotolabor werkelt Lance weiter, ihr Freund, Kanadier. Er hilft ihr, die Polaroids zu großen Blow-ups zu reproduzieren, wie jene mit Watts und McGregor. Es sind Fotos aus "Stay", dem neuen Film von Marc Forster ("Monster's Ball"). Ihre Fotos. Stefanie Schneider, Jahrgang 1968, geboren in Cuxhaven. Seit geraumer Zeit wird sie in der Kunstszene als Shooting Star gehandelt. Sie redet viel und detailsatt, ihre Sätze nehmen den direkten Kurs, ohne Floskeln, ohne Selbstschutz. Ihr Liebes-, ihr Sexleben, das Hin und Her zwischen ihren Wohnorten Los Angeles (Fotoshootings) und Berlin (Produktion), der Zoff mit einer Galeristin, der Zufall. Alles hängt mit allem zusammen. Vor allem mit dem Zufall. Irgendwann hat Stefanie bewusst den Zufall zur Metapher ihres Lebens auserkoren. Schon diese Bilder: zufällig, unkalkulierbar. Das hat mit ihrer Methode zu tun. Sie benutzt abgelaufenes Polaroidmaterial. Man könnte sagen: Gammelfilme. Die betagte Chemie ätzt Fehlstellen in die Bilder, würfelt mit den Farben. Blond wird bleich. Blau wird grün. Teint wird Tapete. Sie sagt: "Ich bin Perfektionist, aber ich perfektioniere den Zufall." "Stay" ist ein komplex konfiguriertes Psychodrama voller expressiver Bilder. Ein junger Kunststudent (Ryan Gosling) kündigt seinen Selbstmord in drei Tagen an, seit einem Autounfall scheinen seine Erinnerungen ausgelöscht. Sein Psychiater (McGregor) will ihn retten wie einst seine eigene Freundin (Watts), drei senkrechte Narben auf ihrem Handgelenk. Aber die Identitäten verschwimmen immer weiter. Mittendrin flashen Stefanie Schneiders Polaroids auf, in Traumsequenzen, in Erinnerungen, in Ateliers. Viele hundert Bilder. Am Montagabend läuft der Film vor dem Kinostart am 23. Februar in der Panorama-Sektion der Berlinale im Zoopalast. Ab Dienstag stellt die Editionsgalerie Lumas in Berlin für einen Monat um die 30 "Stay"-Fotos aus, in diversen Größen. In ihrer Charlottenburger Dependance, Kudamm 217, haben sie dafür eine ganze Etage freigeräumt. Schneiders Polaroids gehen bei Lumas längst weg wie kaltes Bier in der Wüste. Ihr Handy pingt immer noch. Stefanie Schneiders Fotoserien verschlieren kalifornische Wüstenlandstriche zu einem illusorischen, mythisch aufgeladenen Irgendwo, zu einer europäischen Ahnung vom amerikanischen Traum. 29 Palms ist eine flirrende, fast unwirkliche Oase am Joshua Tree National Park, wenige Autostunden von Los Angeles weg. Großflächig hingeschleuderte Häuser und Trailerparks. Dort hat sie viele Projekte inszeniert, "Hitchhikers", "Sidewinder", "29 Palms CA". Telegrafenmasten, Tankstellen, Wüstengräser, Staubpisten. Männer mit Revolvern und bloßem Oberkörper. Mädchen mit grellen Perücken und nuttigem White-Trash-Outfit, wie herausgefallen aus 70er-Jahre-Sexplotation-D-Movies, meist Freunde wie die Schauspielerin Radha Mitchell und die Musikerin Max Sharam. Oder ihre jüngere Schwester Kirsten. Bei aller Inszenierung haben ihre Bilder etwas von vergilbten Schnappschüssen, die man unversehens aus der Schublade ausgräbt. Oft wirft sie sie bei der Arbeit sofort in den Sand, legt Mini-Serien zusammen, die Fotos tragen dabei Kratzer davon, wie Narben. Sie behandelt ihre Polaroids nicht wie Kunst. Polaroids sind heute ein Anachronismus im digitalen Zeitalter, ein analoges Kuriosum. Aber schon Andy Warhol knipste Anfang der 70er mit einer simplen Big-Shot-Kamera Drag Queens, anonyme Frauen- und Männerhintern, sich selbst. Auch Stefanie Schneider ist oft Teil ihrer eigenen Inszenierungen und überlässt die Kamera anderen. Im vergangenen Jahr stellte das Braunschweiger Museum für Photographie rund 20 aktuelle Polaroid-Künstler aus. "In sich schlüssig" nennt die Kuratorin und Kunsthistorikerin Barbara Lauterbach Schneiders Werk. "Es ist poppig, aber auch so geheimnisvoll, dass der Betrachter sich dabei eigene Geschichten denken kann." Bei Lumas haben sie einmal vorsichtig angefragt, ob Stefanie Schneider nicht doch Bildausschnitte und Materialfehler korrigieren wolle. "Das hat sie mit allergrößter Vehemenz abgelehnt", sagt Lumas-Chef Marc Ullrich. "Sie ist sich bei der Einschätzung ihres Werks unglaublich sicher." Reden wir also über den Zufall. "Man macht sich das ja erst zu einem bestimmten Zeitpunkt bewusst, ohne dass man es vorher registriert hat. Man könnte es auch Glück nennen." Ja, das könnte man. 1996 entdeckt sie in Los Angeles in einem Laden am Sunset Boulevard drei Kisten mit je 60 alten Polaroid-Streifen, 50 Cent der Karton. Die Fotografie- und Film-Absolventin der Essener Folkwang-Schule ist gerade mit ihrem damaligen Freund, einem Filmemacher, nach einem Studienjahr in Paris nach LA gezogen. Sie fühlt sich sofort zu Hause. Das Sonnenlicht, die Weite Kaliforniens. Was ist schon Cuxhaven dagegen, oder Essen? Sie arbeitet als Cutterin. Die Fotografie hat sie längst abgehakt. Sie besitzt nicht einmal eine Polaroid-Kamera. Am nächsten Tag kauft sie eine, nimmt ihre Schwester mit zum Strand, Venice Beach, schießt 20 Fotos. Und sie sieht, wie die Farben taumeln: "Das war genau mein Ding: Das sah nicht aus wie die Realität, das war nicht die Wirklichkeit." Noch heute arbeiten die meisten ihrer Freunde beim Film. Wie auch ihre Bilder mehr dem Kino verbunden sind als der Kunstfotografie. Filmen von Terrence Ma-lick, David Lynch, Oliver Stone. Vielleicht hat ihre Stilisierung des Zufalls zur Lebensmetapher damit zu tun, dass Stefanie Schneider diese Künstlerkarriere nie geplant hat. Es passierte einfach. Auf ihrer ersten Filmparty im August 1996 lernt sie den deutschen Generalkonsul von LA kennen. Dort trifft sie übrigens auch Marc Forster, Beginn einer langen Freundschaft. Der Konsul erzählt von einer geplanten Ausstellung über Künstler in LA. Er ruft sie später an. Bei der Kuratorin, Susanne Vielmetter, schüttet Stefanie Schneider die gerade gemachten Polaroids von Venice Beach auf den Tisch. Die beginnt sofort, sie hin- und herzupuzzeln. In Vielmetters Galerie in Los Angeles wird Stefanie Schneider wenig später erste Einzelausstellungen haben. "Ohne sie wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen." An ihrer Küchenwand in ihrem Berliner Labor hängt ein selbst gebastelter Kalender. Weißes Papier, schwarze Eintragungen. Erledigtes malt sie komplett schwarz aus. Noch scheint viel Weiß durch. Da ist die Ausstellung "Wasteland" ab 26. Februar im Zephyr-Raum für Fotografie in Mannheim. Das Buch dafür bei der Edition Braus muss fertig werden, und ein weiteres, "Stranger than Paradise", das bei Hatje Cantz erscheint. Weitere Exhibitionen in Hannover, in Zürich. Ganz unten auf dem Kalender hat sie mit dem Filzstift "YEAH! FREE!" hingemalt, tatsächlich in Großbuchstaben. Zufälle offenbaren sich oft erst in der Rückschau, manche nennen das Schicksal. Man kann den Zufall aber auch bewusst suchen. Ihn zum Komplizen machen. Stefanie Schneider tut genau das. Wie vergangenes Jahr, mitten im Beziehungschaos. Auf der einen Seite ihr damaliger Noch-Freund, 15 Jahre waren die beiden ein Paar. Auf der anderen Seite Lance, Liebe auf den ersten Blick in einem Berliner Freilichtkino. Dramatische Zusammenpralle, zornzerbrochene Gläser. Ihre Kunst und ihr Leben beginnen sich damals immer stärker zu vermengen. Bis ihr die Grenze ganz weggleitet. Sie gibt im "New Yorker" eine Kontaktanzeige auf. Es geht eigentlich um ein Polaroid- und Super-8-Projekt, das "Strange Love" heißt. Eine Gemeinschaftsarbeit. Zahlreiche Freunde schreiben dafür einzelne Geschichten. Für ihre Story stellt sie sich vor, mit sieben ihr völlig fremden Männern in die Wüste zu fahren, nach 29 Palms, ihnen die Kamera in die Hand zu drücken und zu warten, was passiert. Mit drei Unbekannten chattet sie wochenlang im Internet. Einer beobachtet sie rund um die Uhr per Webcam, "beim Duschen, Essen, Masturbieren". Sie lässt es zu, sie ist ganz Projekt. Nur ein Fremder fährt tatsächlich mit ihr nach 29 Palms, in einem rostroten Cadillac. J. D. Rudometkin war mal Prediger. Nun ist er Schauspieler, dreht Filme, schreibt Geschichten und Songs. Der Zufall hat manchmal schräge Ideen. Die beiden quartieren sich im Hotel 29 Palms Inn in einem silbernen Airstream-Wohnmobil ein, haben in einem Whirlpool "echt wilden Sex"; das erzählt Stefanie Schneider so beiläufig, wie man auf eine "Wie war dein Tag, Schatz?"-Frage antworten würde. Nachts steht der Mann auf, hämmert darüber eine Short Story in ihren Laptop, "Sidewinder". Sie ist schwer beeindruckt. Am nächsten Tag beginnen beide, "Sidewinder" fotografisch umzusetzen. Aus den Polaroids wird ein Buch und ein Kurzfilm, mit seiner Musik und ihren Bildern. Wir schauen uns den Film gemeinsam auf ihrem Computer an. Auf vielen der Fotos ist sie dürftig bekleidet. Oft gar nicht. Es scheint nur mir peinlich zu sein. "Das hat nichts mehr mit mir zu tun. Das ist ein Projekt. Für mich war das auch eine Art Katharsis. Hinterher ging es mir besser." Diese Ping-Laute sind immer noch da, sie nerven langsam. Ach so, das Handy. Stefanie Schneider schaltet es aus. Telefontechnik ist ihr manchmal ein Rätsel. Wenn ihre Fotos von etwas handeln, dann vom Fortbewegen, vom "On the Road" wie bei Kerouac, vom Ins-Auto-steigen-und-losfahren. Am besten in die Wüste, die so ist wie das Meer daheim vor Cuxhaven, schier endlose Fläche. Sie träumt von einem kleinen Häuschen im 3000-Seelen-Wüstenort Bishop, einem Haus mit Garten. Bishop ist nicht weit entfernt von 29 Palms, Kalifornien. Vielleicht ist dieses Haus ihr eigener amerikanischer Traum. Und es wäre nicht einmal zufällig, wenn er wahr würde. ------------------------------ Foto: (3) In der Mitte: Stefanie Schneider. Links und rechts: Traumsequenzen aus dem Film "Stay" mit Naomi Watts und Evan McGregor.

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