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Die 90-jährige Margarete Ogaza hat eine Keramik vom Bären und seinem Pfleger geschaffen. Es sollte ein Geschenk für Thomas Dörflein werden: Knut aus weißem Ton

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SPANDAU. Die Devotionalien-Kiste hat Margarete Ogaza stets griffbereit. "Hier, in einem der Bücher ist es", sagt die 90-Jährige und öffnet einen Pappkarton. Ordentlich sortiert liegen sie da - Berichte über Knut und seinen Pfleger, stapelweise, und zwei Bücher über den Eisbären. Nein, persönlich gesehen habe sie den kleinen Bären und seinen Pfleger nie, sagt die Seniorin, "ich war schon Ewigkeiten nicht mehr im Zoo". Aber zu Hause am Fernseher, da habe sie alles angeschaut, jede Sendung über Knut und Thomas Dörflein, "da war ich ja sozusagen erste Reihe". Berührt von den Fernsehbildern Und Margarete Ogaza war berührt von dem, was sie da im Fernsehen sah. Berührt von dem kleinen Eisbären natürlich, aber eben auch von dessen Ziehvater Thomas Dörflein. Wie er Knut streichelte, wie er ihm die Flasche gab, ihm Lieder vorsang. Diese bedingungslose Liebe, die Dörflein Knut entgegen brachte, habe sie sehr beeindruckt, sagt Margarete Ogaza - so sehr, dass sie ihm etwas schenken wollte. Margarete Ogaza sieht man ihre 90 Jahre nicht an. Sie ist geistig rege, lacht gern und macht häufig Scherze. Vor sechs Jahren ist sie noch mal umgezogen in ihre jetzige Wohnung in Siemensstadt, unweit in der Einflugschneise des Flughafens Tegel. "Aber das hör ich gar nicht", sagt sie. Ihre Fenster weisen in die andere Richtung. Wer die kleine Wohnung von Margarete Ogaza betritt, sieht schnell, dass die Seniorin künstlerisch kein Laie ist. Im Schlafzimmer steht ein großes, selbst geschnitztes Schaf, im Wohnzimmer eine aus Pflaumenholz geschnitzte Madonnen-Figur ("die Haare hab ich wie bei Nina Ruge gemacht, die hatte die im Fernsehen immer schön"), am Fenster schimmert ein Bleiglasfenster in Blau, Gelb und Rot. Das jüngste Werk der Seniorin, die früher viel als Leiharbeiterin tätig war, steht auf dem Wohnzimmertisch. "Bedrohtes Leben in Deiner Hand" hat sie die weiße Keramik genannt. Sie zeigt den kleinen Eisbären auf dem Bauch liegend - gehalten von Thomas Dörfleins Händen. Sie habe Dörflein die Keramik eigentlich schenken wollen - zu Knuts zweitem Geburtstag Anfang Dezember. "Aber dann ist Dörflein gestorben." Es ist Margarete Ogaza anzumerken, wie sie die gemeinsamen Auftritte von Knut und Dörflein beeindruckt haben. In der Adventszeit 2007 hat sie eine kurze Geschichte geschrieben. Ihre "etwas andere Weihnachtsgeschichte", wie sie sie nannte, spielt nicht in Betlehem, sondern im Zoo. Und schließlich, so heißt es darin, "kamen nicht die drei Heiligen Könige - sondern der Minister Gabriel, der Zoodirektor, der Tierarzt und viele Reporter". Ein dreiviertel Jahr später beschloss sie, eine kleine Skulptur von Knut und Dörflein zu schaffen. Als Vorlage diente ihr ein Foto aus dem Buch "Knut, der kleine Eisbär". Es zeigt Knut auf Thomas Dörfleins Knien liegend, der ihn in seinen vergleichsweise groß wirkenden Händen hält. Die Idee für die Plastik sei ihr spontan gekommen, sagt die Seniorin. Zuerst habe sie den Kopf des kleinen Bären geformt, dann den Körper, an dem sie schließlich die Beine befestigte. Als Letztes seien die Hände von Thomas Dörflein an der Reihe gewesen. Vier Wochen habe sie daran gearbeitet - bis kurz vor Dörfleins Tod. "Es ist schön, die Keramik anzuschauen", sagt die 90-Jährige, die vier Kinder hat, 15 Enkel, 28 Urenkel und inzwischen sogar vier Ururenkel. Sie wisse ja, wie sich Liebe anfühle. Und der Dörflein, der sei ja so ein Naturbursche gewesen. Sie sei sehr traurig über seinen Tod gewesen. Dann überlegt Margarete Ogaza eine Weile und sagt: "Aber wer weiß, vielleicht hätte der Bär ihn ja eines Tages gefressen." Kurz nach dem Tod des Tierpflegers hat Margarete Ogaza an den Zoologischen Garten geschrieben und dem Zoo ihre Keramik als Leihgabe angeboten. Reagiert hat bis heute niemand. "Vielleicht behalt ich die Skulptur ja auch", sagt sie. "Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass sie eigentlich bei mir bleiben will." ------------------------------ Foto (2): Vor 40 Jahren während eines Krankenhausaufenthaltes hat Margarete Ogaza gelernt, wie man Keramiken macht - wie der Ton geformt und später gebrannt wird. Ihr jüngstes Werk heißt "Bedrohtes Leben in Deinen Händen". Sie wollte es Knuts Ziehvater Thomas Dörflein schenken. Nun würde sie die Keramik gern dem Zoo leihen.

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