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Die Bundesrepublik schloß ihre Kultureinrichtung in der sudanesischen Hauptstadt Khartum ein privater Verein gründete sich und setzt die Arbeit in dem Haus fort: An der Tür steht nicht mehr "Goethe-Institut"

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KHARTUM, im März. Das Goethe-Institut ist ein Orientierungspunkt in Khartum. Jeder Taxifahrer, jeder Passant weiß, wo es steht. Das zweistöckige Gebäude liegt hinter einer strahlend weißen Mauer, umgeben von blühenden Sträuchern und kleinen Palmen. Vor dem Haus rumpeln Lastwagen auf einer staubigen Straße vorbei, im Garten hinter der weißen Mauer zwitschern Vögel. Das Institut ist eine kleine Oase in der sudanesischen Hauptstadt. In einem Schaukasten hängt das Kinoprogramm aus. Jeden Freitag werden hier alte deutsche Filme gezeigt, Werner Herzog oder Wim Wenders etwa. Das typische Programm eines Goethe-Instituts. Daneben das Angebot der Sprachabteilung: Deutsch als Fremdsprache. Die Tür steht offen. Im Lesesaal der Bibliothek sitzen sudanesische Studenten und lesen deutsche Romane, blättern in Zeitschriften. Ein Goethe-Institut wie jedes andere, irgendwo auf der Welt. Mit einem kleinen Schönheitsfehler das Goethe-Institut von Khartum wurde im Juli 1997 geschlossen. Aus Kostengründen. Khartum war einer von fünf Standorten, von denen sich das Goethe-Institut im vergangenen Jahr zurückgezogen hat. Bisher wurde jedoch vermieden, Institute in den Hauptstädten der Gastländer zu schließen oder Institute, die die einzigen in dem jeweiligen Land sind. Khartum war daher ein Sonderfall. Professoren und Geschäftsleute Das Goethe-Institut von Khartum heißt jetzt "Sudanesisch Deutsche Kulturgesellschaft". Sonst ist fast alles beim alten. "Es war ein Schock, als beschlossen wurde, das Goethe-Institut zu schließen", erzählt Margaret Giese, die jetzt das Haus leitet. Es gebe nur noch wenige Kultureinrichtungen in Khartum, da nach dem Militärputsch unter islamistischen Vorzeichen viele Kinos und Theater geschlossen wurden und sich ausländische Organisationen zurückgezogen hätten. "Die Menschen hier fühlten sich im Stich gelassen", sagt Margaret Giese. "Da hat sich eine Gruppe von Professoren und Geschäftsleuten zusammengetan und einen Verein gegründet. Jetzt machen wir die Kulturarbeit in eigener Regie." Margaret Giese fühlt sich in ihrer Rolle sichtlich wohl. Die 48jährige sitzt im ehemaligen Büro von Markus Litz, der hier der Leiter des Goethe-Instituts war. Schreibtisch, Computer und Aktenschrank hat sie von Litz übernommen, als dieser im vergangenen Sommer den Sudan verließ. "Ich bin zugleich die Chefin und meine eigene Sekretärin", sagt Margaret Giese. Außer ihr stehen noch eine deutsche Bibliothekarin und drei sudanesische Mitarbeiter auf der Gehaltsliste der Kulturgesellschaft. Hinzu kommen mehrere freiberufliche Deutschlehrer. Früher hatte das Goethe-Institut 15 Mitarbeiter, davon vier entsandte Goethe-Angestellte. Statt der Auslandsbezüge zahlt sich die jetzige Leiterin der Kultureinrichtung "nur ein Taschengeld", wie sie sagt. Die gesamte Einrichtung kommt mit einem Jahresbudget von 160 000 Mark aus. Das ist weniger als die Hälfte des Etats des Goethe-Instituts. Knapp 70 000 Mark des Budgets bringt die Kulturgesellschaft aus eigenen Mitteln, durch Kursgebühren, Mitgliedsbeiträge und Spenden auf. Die restlichen 90 000 Mark sollen, wenn die Anträge genehmigt werden, aus verschiedenen Kulturtöpfen der Bundesregierung kommen. "Inhaltlich setzen wir die Arbeit des Goethe-Instituts fort", sagt Margaret Giese. Sie steht weiter auf der Verteilerliste für Filme, Ausstellungen und Lehrbücher für die Sprachkurse. Damit sich die Bemühungen der Sprachschüler auch lohnen, ihre Zertifikate in Deutschland anerkannt werden, soll zu Prüfungen ein Goethe-Mitarbeiter eingeflogen werden. "Ich bin erleichtert zu wissen, daß unsere Arbeit wenn auch auf einem anderen Niveau fortgesetzt wird", sagt der ehemalige Leiter Markus Litz, der die Arbeit der Kulturgesellschaft unterstützt. Es mache natürlich einen Unterschied, ob die Arbeit von einem ausgebildeten Experten oder von ehrenamtlichen Ortskräften gemacht werde. Auch das drastisch verkleinerte Budget schränke die Arbeit ein. So haben fast alle Sprachlehrer gekündigt, da die Kulturgesellschaft nicht die Gehälter eines Goethe-Instituts zahlen kann. Neue Lehrer mußten gesucht und ausgebildet werden. Neue Unabhängigkeit Margaret Giese sieht in der neuen Unabhängigkeit aber auch Vorteile. "Die inhaltliche Planung wird jetzt vom Vorstand der Gesellschaft gemacht", sagt sie. "Wir können so viel stärker auf die Wünsche der Teilnehmer eingehen." So wird in den Sprachkursen jetzt mehr Wert auf Konversation gelegt. Geplant ist auch ein Diskussionskreis, der die Verbindung der arabischen und europäischen Philosophie besprechen will. Seit die Philosophische Fakultät der Universität Khartum islamisiert wurde, werden solche Diskussionen dort nicht mehr geführt. Gerade für junge Leute gibt es in Khartum kaum einen Raum, wo sie sich ungestört treffen, diskutieren und etwas über die Welt erfahren können. Bei Veranstaltungen seien ihre Räume immer bis auf den letzten Platz besetzt, sagt Margaret Giese. Sie kam 1989 nach dem Putsch als Entwicklungshelferin ins Land. "Damals gab es zwölf Stunden Ausgangssperre, es war schrecklich", erinnert sie sich. Jetzt habe sich die Lage verbessert. "Die Sudanesen sind viel zu selbstbewußt, um sich ein so radikales System aufdrücken zu lassen", erklärt sie. Trotz einer islamistischen Regierung und trotz des blutigen Bürgerkrieges im Süden des Landes sind die Menschen in Khartum "hungrig nach Kultur", wie Margaret Giese sagt. Auch der kleinste Freiraum wird genutzt. Das Haus hinter der weißen Mauer war und ist ein solcher Ort. Es steht zwar nicht mehr "Goethe-Institut" an der Tür, dennoch weiß jeder, wo es ist.

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