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Die Charité hat einen exzellenten Neurochirurgen gewonnen. Er wagt komplizierte Eingriffe bei Hirntumoren: Der Mann fürs Feine

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Chefärzte stellt man sich nicht so unkompliziert vor. Weil die Sekretärin im Virchow-Klinikum einen privaten Termin hat, will Peter Vajkoczy seinen Gästen selbst den Kaffee servieren. "Wenn noch welcher da ist", sagt die Sekretärin - und geht. Der Klinikdirektor für Neurochirurgie der Berliner Charité macht sich auf die Suche nach dem Kaffee. Es ist noch welcher da. Mit 38 Jahren ist Peter Vajkoczy, seit 1. Mai im Amt, der gegenwärtig jüngste Chefarzt der Charité. Vajkoczy gilt als einer der führenden Hirntumorexperten Deutschlands. Er hat sich in der Forschung einen Namen gemacht und gehört zu den wenigen Neurochirurgen in Deutschland, die bestimmte hoch riskante Operationen am Schädel vornehmen. Um den vielversprechenden Wissenschaftler - nach der Emeritierung seines Vorgängers Mario Brock - von der Universität Heidelberg nach Berlin zu locken, hat Detlev Ganten, der Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums, Platz für eine Forschungsstätte in Mitte sowie sechs zusätzliche Stellen in den neurochirurgischen Kliniken der Charité in Steglitz und Wedding geschaffen. Dass jemand so viel Extra-Personal bekommt, ist ungewöhnlich. Noch vor zwei Jahren haben die Ärzte in der Charité vergebens für mehr Planstellen gestreikt. Vajkoczys Problem: Er sieht aus wie 28. In diesem Alter machen Medizinstudenten im Krankenhaus ihr Praktisches Jahr. "Es kommt schon mal vor, dass mich Patienten anfangs nicht ernst nehmen", sagt er. Doch im OP ist Vajkoczy unumstritten der Chef. An diesem Morgen steht ein komplizierter minimal-invasiver Eingriff auf dem Plan. Der junge Chirurg hat in der Nacht zuvor schlecht geschlafen - ausnahmsweise, wie er betont. Eine Patientin mit einem etwa acht Zentimeter langen Schnitt oberhalb des rechten Auges liegt auf dem OP-Tisch. Weil sie unter Kopfschmerzen litt, stießen Ärzte zufällig auf ein Aneurysma. Das ist eine Gefäßaussackung, die zu einer tödlichen Hirnblutung führen kann. Mit einem Titan-Clip will Vajkoczy die Ausbuchtung verschließen, damit das Blut nicht mehr durch das Aneurysma fließen und es gegebenenfalls zum Platzen bringen kann. Vajkoczy sitzt auf einem Hocker und blickt durch ein Mikroskop, das auf den Kopf der Patientin gerichtet ist, während er behutsam mit einem winzigen Sauger Gewebe neben dem Aneurysma entfernt. Millimeterarbeit. Keiner spricht ein Wort, nur hinten im Saal flüstern zwei Assistenzärzte miteinander. Wenn Vajkoczy ein Gefäß verletzt, wird die Frau eine schwere Behinderung davontragen. Kaum ein anderer Neurochirurg an der Charité wagt den riskanten Eingriff. Doch der neue Chefarzt zieht in vielen Fällen das Clipping, wie diese Operation genannt wird, der ebenso angewandten Kathetermethode, dem Coiling, vor. Dabei werden haarfeine Platinspiralen (Coils) an einen Stahldraht fixiert und über einen Katheter von der Leiste zum Aneurysma geschoben. Dort wird der Coil aus dem Katheter gelöst: Sofort rollt er sich zu einer Spirale auf. Diese soll die Aussackung im Gefäß dauerhaft ausfüllen. Der Eingriff ist zwar nicht so riskant wie das Clipping. Aber es besteht die Gefahr, dass die Coils sich verschieben und das Aneurysma wieder durchblutet wird. Bei der Patientin, die Vajkoczy nun seit anderthalb Stunden mit der Clipping-Methode operiert, geht alles gut. Ohne Zwischenfälle bringt der Chirurg die Titanklemme an dem pulsierenden Gefäß an. In einer Ecke des OP-Saales verfolgen drei weitere Ärzte per Monitor den Eingriff. "Sehr elegant", sagt einer leise. Manche Ärzte machen sich aber auch Sorgen, seit der neue Chefarzt da ist. "Die glauben, dass es mit dem Coiling nun zu Ende ist", sagt Vajkoczy. Ein Kollege habe eine solche Befürchtung geäußert, berichtet die Ärztin Wibke Jakob, die eng mit dem neuen Chefarzt zusammenarbeitet. Einige Minuten später begegnet der Neue genau diesem Arzt auf dem Gang: "Es wird immer wieder Patienten geben, für die das Coilen sich besonders eignet", sagt Vajkoczy und beruhigt den Kollegen in seiner einnehmenden Art schnell wieder. Es scheint, als habe der junge Chirurg die Charité im Sturm erobert, wobei die Frauen vielleicht noch ein wenig hingerissener sind. Vajkoczy überlegt, die beiden Kliniken der Neurochirurgie am Benjamin-Franklin-Klinikum in Steglitz und dem Virchow-Krankenhaus in Mitte an einem Standort zu konzentrieren oder zumindest Schwerpunkte zu bilden. Er will nicht immer wieder im Auto sitzen müssen und Zeit verlieren. Morgens ist er um halb sieben in der Charité und verlässt sie selten vor neun am Abend. Seine kleine Tochter und seine Frau sehen ihn wochentags selten. Gegen 22.30 Uhr geht Vajkoczy zu Bett. "Ich brauche ausreichend Schlaf", sagt er. Einen neuen Schwerpunkt plant der smarte Mediziner auch in der Forschung, die er ausbauen will. Die Ergebnisse der Grundlagenforschung will er möglichst schnell an das Patientenbett bringen: "So können wir den Kranken besser helfen." Vajkoczy arbeitet nicht nur mit dem Skalpell, sondern auch mit Medikamenten. Bei Krebspatienten etwa mit Angiogenesehemmern. Sie blockieren das Wachstum von Blutgefäßen, die den Tumor mit Nährstoffen versorgen und hungern ihn so gewissermaßen aus. Auch wenn Vajkoczy und seine Kollegen all ihre Künste aufbieten - Operation, Strahlentherapie und Medikamente - zur Heilung reicht es in den seltensten Fällen. "Aber wir können das Leben unserer Hirntumorpatienten verlängern", sagt der Neurochirurg. Immerhin leben Menschen, die an der schlimmsten Tumorart, dem Glioblastom, erkrankt sind, heute doppelt so lang wie noch vor zehn Jahren: Nach der Diagnose bleiben einer Vielzahl Kranker jetzt immerhin noch 20 bis 24 Monate. Vajkoczys Vater ist ebenfalls Arzt. Aber das war nicht der Grund für die Berufswahl des Sohnes. "Ich habe mich für die Medizin entschieden, weil ich mein naturwissenschaftliches Interesse mit Handwerk verbinden konnte", sagt er. Die Neurochirurgie habe er gewählt, weil das Fach so ästhetisch sei. "Es fließt kaum Blut, es gibt keinen Gestank." Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit sind Bypass-Operationen bei verschlossenen Blutgefäßen und Aneurysmen. Dadurch kann Schlaganfällen vorgebeugt werden. Der Chefarzt wird in einen Behandlungsraum zu einem russischen Privatpatienten gerufen. Der Mann leidet an den Folgen einer Schussverletzung; er ist im Ritz-Carlton abgestiegen. Vajkoczy hält eine Operation für wenig hilfreich und empfiehlt Medikamente und Krankengymnastik. Er fragt seinen Kollegen aus der Neurologie, Karl Max Einhäupl, am Telefon um Rat. Einhäupl ist derselben Meinung. Die Fachärztin Wibke Jakob begleitet den Chefarzt auf dem Weg zur Intensivstation. Man merkt der jungen Frau an, wie engagiert sie in ihrem Beruf ist. Noch vor zwei Jahren war das ganz anders. Damals hat sie mitgemacht beim Streik an der Charité. Ihr war gerade ein Ein-Monats-Vertrag angeboten worden, der in letzter Sekunde verlängert wurde - um ein Jahr. Wibke Jakob war drei Jahre lang für die Betreuung der Privatpatienten zuständig und hat sich auf der Station um sie gekümmert. Doch dann kam Peter Vajkoczy und seitdem darf sie wieder operieren. Jakob: "Durch die zusätzlichen Stellen haben wir jetzt geregelte Arbeitszeiten und müssen endlich nicht mehr nur nach Feierabend forschen." ------------------------------ Und zwischendurch immer wieder in die USA Peter Vajkoczy wurde 1968 in München geboren. Seine Eltern stammen aus Ungarn und wanderten ein Jahr vor seiner Geburt nach Deutschland aus. Sein Medizinstudium schloss Vajkoczy 1995 in München ab. Danach folgte er seinem Mentor, dem Neurochirurgen Peter Schmiedek, nach Mannheim. Dort, am zweiten Standort der Universitätsklinik Heidelberg, half er beim Aufbau der Klinik für Neurochirurgie. Im Jahr 2003 wurde Vajkoczy in Mannheim zum leitenden Oberarzt befördert, 2005 zum stellvertretenden Klinikdirektor. Am 1. Mai 2007 hat er seine Stelle als Klinikdirektor der neurochirurgischen Kliniken an der Charité angetreten. Zu Forschungsaufenthalten und zur klinischen Weiterbildung reiste Vajkoczy mehrfach in die USA: 1992 war er in San Diego, 2002 in Chicago und 2005 in Phoenix, Arizona - "im Mekka der Neurochirurgie", sagt der Mediziner. Er hat mehr als siebzig wissenschaftliche Arbeiten als Autor oder Mitautor veröffentlicht. In der Forschung konzentriert sich Vajkoczy auf die Hirntumore und die Gefäßbiologie. Zu seinen praktischen Schwerpunkten in der Klinik zählen Hirntumor-Operationen, die Hirngefäßtherapie und die Wirbelsäulenchirurgie. Peter Vajkoczy ist verheiratet und hat eine 21 Monate alte Tochter. Er spielt Tennis und hört gern klassische Musik, vor allem aus dem osteuropäischen Raum. (tt.) ------------------------------ Foto: Vor der Operation studiert Peter Vajkoczy, der neue Charité-Chefarzt, die Röntgenbilder seiner Patientin. Der schwarze Fleck ist eine Gefäßaussackung.

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