Die dänische Zeitung Jyllands-Posten hat eine internationale Krise ausgelöst. Die Redakteure zeigen weiter Haltung - ein Redaktionsbesuch: Allein in Arhus

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ARHUS. "Natürlich hätten wir auch etwas anderes machen können. Ein Feature vielleicht oder ein Interview." Flemming Rose fixiert sein Gegenüber: "Aber dann hätten wir nichts bewirkt. Vielleicht wäre ein Leserbrief gekommen. Zwei oder drei, wenn es hoch kommt. Dann hätte man die Sache vergessen. Das wollten wir nicht." Flemming Rose nimmt sich Zeit für jeden Satz, für jedes einzelne Wort. Ihm rutscht nichts einfach raus. Ganz ruhig liegen seine Hände auf dem Tisch. Weit über eine Stunde nimmt sich der Kulturchef der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten Zeit, um zwischen zwei Fernsehinterviews im Vorraum eines Kopenhagener Studios zu erklären, warum er im vergangenen Herbst gemeinsam mit seinen Kollegen beschloss, zwölf Karikaturen zu veröffentlichen, die den muslimischen Propheten Mohammed zeigen. Warum die Veröffentlichung keine Provokation gewesen sei, sondern ein "journalistisches Projekt" im Dienste der Meinungsfreiheit. Zur gleichen Zeit setzt in Damaskus ein wütender Mob die dänische Botschaft in Brand. Überall in der arabischen Welt geht in diesen Tagen der "Dannebrog" in Flammen auf, die geliebte Nationalflagge der Dänen. Schwer bewaffnete Männer verlesen in fernen Ländern Erklärungen, in denen sie dänischen Staatsbürgern mit dem Tod drohen. Imame bitten vor Tausenden von Gläubigen, dass Allah das dänische Volk seiner gerechten Strafe zuführen möge. Ausgerechnet die Dänen, denen man doch sonst immer nachsagt, dass sie so gemütlich seien und so liberal. Zwischendurch erscheint immer wieder Flemming Rose auf den Fernsehschirmen. Bei CNN, bei France Television, bei Al Dschasira, er ist überall. Zwischen fünfzig und hundert Interviews hat er seit September gegeben, er hat nicht mitgezählt. Selten hat er die Möglichkeit, länger als fünf Minuten zu reden. Nein, die Zeichnungen seien nicht als gezielte Beleidigung von Muslimen zu verstehen. Ja, sie seien trotzdem so verstanden worden und Jyllands-Posten bitte dafür um Entschuldigung. Er ist jetzt das Gesicht von Jyllands-Posten, und für manche ist er das Gesicht ganz Dänemarks oder der ganzen westlichen Welt. Einigen ist sein Gesicht verhasst. Manche fordern seine Hinrichtung. Für ihn ist es selbstverständlich, die Verantwortung für all das zu übernehmen. "Ich kann am besten erklären, worum es geht." Und dann erzählt er. Von dem islamkritischen Dozenten an der Kopenhagener Universität, der an einem Abend im vorigen Sommer nach seiner Vorlesung von Unbekannten verprügelt und eindringlich gewarnt wurde. Von dem Kunstwerk, das die Tate Modern Gallery in London zur gleichen Zeit aus ihrer Ausstellung entfernte, um Proteste von Muslimen zu vermeiden. Von dem beliebten dänischen Komiker, der sagte, die Bibel sei ihm für keine Obszönität zu heilig, aber über den Koran würde er in der Öffentlichkeit nicht einmal leise spotten. Und vom Kinderbuchautor Kre Bluitgen, der niemanden fand, der ihm ein Bild von Mohammed als historischer Person gemalt hätte. Die Redaktion der Jyllands-Posten, die als rechtsliberal gilt, sieht "die Gefahr einer Selbstzensur" und geht in die Offensive. Die Zeitung fordert 48 dänische Karikaturisten auf, ein Tabu zu brechen und ihr Bild von Mohammed zu Papier zu bringen. Zwölf liefern. Eine der Arbeiten wird später um die Welt gehen. Sie zeigt den Propheten mit einer Bombe unter dem Turban. Eine andere kriegt fast niemand außerhalb von Dänemark zu sehen. Darin schreibt ein kleiner Schuljunge namens Mohammed auf Arabisch an die Tafel: "Jyllands-Postens Kulturredaktion ist ein Haufen reaktionärer alter Säcke." Ausgerechnet der Zeichner dieser Karikatur hat als erster eine Morddrohung erhalten. Arhus ist die zweitgrößte Stadt Dänemarks und die größte Stadt Jütlands, der dänischen Festlandprovinz zwischen Nord- und Ostsee. Kaum ein Haus hier hat mehr als drei Stockwerke. Fast nirgendwo sieht man Säulen oder prächtige Ornamente. Es ist kein Ort, der bisher auf irgendeiner Weltkarte verzeichnet war. Im Süden der Stadt, an einer Ausfallstraße, hat Jyllands-Posten ihr Hauptquartier. Der unauffällige Flachbau ist in den letzten Jahren mehrmals erweitert worden. In zwanzig Jahren hat Jyllands-Posten ihre Auflage verdoppelt, ist vom Lokalblatt zur größten Zeitung des Landes geworden. In einem kleinen Konferenzraum sitzt Chefredakteur Jörn Mikkelsen und sagt: "Die Sache ist - neben vielem anderen - zu einem Konflikt zwischen Geld und Prinzipien geworden." Man sieht Mikkelsen die Anspannung der vergangenen Tage und Wochen deutlich an. Immer wieder reibt er sich die Augen, sinkt tief in seinen Stuhl. Aber er gibt sich kämpferisch. Die Ereignisse der letzten Tage hätten doch gezeigt, dass sie mit dem Thema richtig gelegen hätten. Er erzählt von den Tausenden von Leserbriefen aus aller Welt. "95 Prozent haben uns Mut gemacht." Die beiden anderen großen dänischen Tageszeitungen Politiken und Berlingske Tidende überzieht Jyllands-Posten am Sonntag dagegen mit ätzender Kritik. "Die Heuchler" ist der Leitartikel an diesem Tag überschrieben. Zuvor haben die beiden Konkurrenten klar gestellt, dass sie trotz gegenteiliger Verlautbarungen keine der umstrittenen Karikaturen nachdrucken werden. "Jyllands-Posten ist es gewohnt, alleine zu stehen und gegen den Strom zu schwimmen. Aber die Heuchlerei unserer Konkurrenten ist einfach zu massiv geworden." Auch von der Politik fühlt sich der Chefredakteur allein gelassen. "Mit der dänischen Regierung hatten wir keinen Kontakt, überhaupt keinen", sagt er. Die Veröffentlichung der Karikaturen hat Mikkelsens Zeitung zu einem der bekanntesten Blätter der Welt gemacht. Menschen, die noch nie ein Wort Dänisch gelesen oder gehört haben, werden wütend oder euphorisch, wenn sie den Namen Jyllands-Posten hören. Je nach Position, je nach Glauben. Im Redaktionshaus in Arhus merkt man davon auf den ersten Blick nicht viel. "Wir versuchen, den Betrieb so normal wie möglich laufen zu lassen. Wir wollen ein offenes Haus sein, keine Festung", sagt Jörn Mikkelsen. Am Eingang steht ein Sicherheitsmann, es wurden ein paar Kameras angebracht. Zwei Bombendrohungen hat es gegeben. Bisher hatten sie Glück. Es gab keine Bomben. Und beide Male kamen die Anrufe erst am Abend, als die Zeitung fast fertig war. Fünfzehn bis zwanzig Seiten nimmt die Berichterstattung in eigener Sache jeden Tag ein. Es ist nicht abzusehen, wann die Redakteure wieder eine normale Zeitung machen können. Und es ist nicht abzusehen, ob die Solidarität mit Jyllands-Posten anhält, wenn etwas passiert - wenn sich die Krise ausweitet, wenn Menschen zu Schaden kommen. Durch manche geschlossene Tür kann man hören, wie Redakteure am Telefon sehr laut werden. "Niemand hat diese Entwicklung vorausgesehen. Die ganze Sache ist völlig außer Rand und Band", sagt Jörn Mikkelsen. Der Kulturchef Flemming Rose sagt, dass es in Dänemark nun endlich eine Debatte über die Grenzen und den Wert der Meinungsfreiheit gibt. Eine Debatte zwischen Dänen und Nicht-Dänen, zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Eine produktive Debatte, findet Rose. Am Wochenende hat sich ein Netzwerk moderater Muslime unter der Leitung des linken Parlamentariers Naser Khader gegründet. Er will das Repräsentationsmonopol der Imame brechen, will anderen Stimmen Gehör verschaffen. Rose hat als Korrespondent den Zusammenbruch der Sowjetunion miterlebt. Er glaubt fest an die Kraft der freien Meinung. Und er versteht den Chef des dänischen Industrieverbandes nicht, der ihm neulich vorgerechnet hat, dass die dänische Wirtschaft bis zu drei Milliarden Kronen durch den Boykott verlieren kann. Rose lacht kurz und trocken. "Die Dänen sind ein Volk von Kaufleuten", sagt er. "Aber diese Argumentation ist kurzsichtig. Unsere Meinungsfreiheit ist die Grundlage unseres Wohlstands. Ohne Meinungsfreiheit gibt es kein kritisches Denken, keine kritische Wissenschaft, keine Innovation." Eine der wichtigsten Debatten steht Dänemark aber noch bevor, glaubt Rose. Die Diskussion darüber, wie sich die dänische Gesellschaft verändern muss, welche Werte und Positionen, welche Schrulligkeiten und Eigenarten sie aufgeben muss, um Menschen aus fremden Kulturen integrieren zu können. Einen Vorgeschmack bekamen die Dänen am vergangenen Donnerstag, als Premier Fogh Rasmussen dem Fernsehsender Al-Arabiyah ein Interview gab. Fogh war perfekt vorbereitet. Er sprach wie eine Art arabischer Stammesfürst, benutzte Gleichnisse, drückte immer wieder seinen tiefen Respekt vor dem arabischen Volk und seiner Religion aus. Fogh erklärte, dass er die Zeichnungen ablehne, dass er aber keine Zugriffsmöglichkeiten auf die dänische Presse habe. In Dänemark bekommt der Ministerpräsident viel Lob. In den arabischen Ländern verhallt sein Appell an die Dialogbereitschaft ungehört. Fogh hat sich nicht ausdrücklich entschuldigt. Die Lage eskaliert derweil immer weiter. Dass sich die Proteste überhaupt noch auf die Veröffentlichung in Jyllands-Posten beziehen, wird in Dänemark inzwischen stark bezweifelt. Die Hinweise verdichten sich, dass die Delegation dänischer Muslime, die seit Oktober in der arabischen Welt um Unterstützung wirbt, gezielt falsche Informationen gestreut hat. In zweifelhaftem Licht erscheint auch der Kopenhagener Imam Abu Lavan, der in der Krise immer wieder als Sprecher der dänischen Muslime auftritt. Während er in Dänemark dafür warb, den Konflikt möglichst rasch beizulegen, forderte in arabischen Sendern dazu auf, den Boykott gegen Dänemark fortzusetzen. Auch die Zerstörung der dänischen Botschaft in Damaskus soll das Ergebnis gezielt gestreuter Gerüchte gewesen sein. In Kopenhagen soll am Sonnabend der Koran öffentlich verbrannt werden, habe es in Damaskus geheißen. Auf die Vorwürfe angesprochen, fand Kassem Ahmed, der der Delegation der dänischen Muslime angehört, folgende Erklärung: "Wir haben nur von unseren Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht. Etwas Ungesetzliches haben wir nicht getan." ------------------------------ Foto: "Es erstaunt mich, dass sich die Wut auf die Karikaturen richtet und nicht auf die Leute, die ihre Religion missbrauchen." Flemming Rose, Kulturchef des Jyllands-Posten ------------------------------ Foto: Auch das Büro von Jyllands-Posten in Kopenhagen steht unter Polizeischutz.

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