24.12.2009

Die EKD-Ratsvorsitzende, Margot Käßmann, über Krieg, Gewalt als Mittel der Politik und den Trost der Weihnachtsbotschaft: "Was in Afghanistan geschieht, ist nicht zu rechtfertigen"

Von Katja Tichomirowa

Die evangelische Theologin Margot Käßmann, 51, wird 1999 zur Bischöfin von Hannover gewählt. Für Aufsehen sorgt 2007 die Scheidung von ihrem Mann, sowie der offene Umgang mit ihrer Krebserkrankung. Seit Oktober ist sie Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Frau Käßmann, Sie sagen, Weihnachten soll eine Gelegenheit sein, zur Besinnung zu kommen. Kommen Sie dazu, inne zu halten? Das ist mir wichtig, dass ich nicht etwas verkünde, was ich nicht auch für mich finde. Ich persönlich brauche Ruhezeiten, damit ich noch weiß, wovon ich rede und predige. Das Fest ist wunderbar, der Einzelhandel darf gerne auch verdienen. Aber wenn der Inhalt verloren geht, wenn alles nur noch eine Winter-Wohlfühl-Veranstaltung ist, dann brauchen wir das Fest doch gar nicht mehr zu feiern. Kommt Gott zur Erde? Ist mitten im Elend der Welt ein Sinn zu erkennen? Das sind die großen Weihnachtsfragen. Sie haben in diesem Jahr auch auf einer spontanen Trauerfeier für den Fußballspieler Robert Enke gepredigt. Die Marktkirche in Hannover war brechend voll. Hat Sie das überrascht? Es hat mich nachdenklich gemacht. Es werfen sich täglich Menschen vor einen Zug. Diese Suizidhäufung in Deutschland hat mich schon lange beschäftigt. Hier war es ein Idol, der von vielen bewundert und anerkannt wurde. Das hat viele erschüttert. Ich wollte eigentlich keinen Gottesdienst als Teil eines großen Medienrummels. Aber viele Eltern von jungen Fußballfans haben mich darum gebeten. Es hat mich dann sehr berührt zu sehen, wie sehr wir diese Rituale brauchen. War das Mitgefühl? Da war ganz viel Empathie. Aber auch ein Erschrecken darüber, dass ein Mensch, der zum Idol gemacht worden war, der doch alles hatte, Geld, Erfolg, Sympathie, sich das Leben nimmt. Die bittere Erkenntnis, dass jeder Mensch Brüche hat. Und das Wissen: Er durfte seine Schwächen nicht zugeben. Hätte er es getan, wäre er nicht Nationaltorhüter geblieben. Das war allen klar. Fühlen sich viele wie Enke den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht mehr gewachsen? Ja, das denke ich. Die Arbeitswelt übt einen enormen Druck aus. Die, die in der Arbeitswelt bestehen, sind ihm ausgesetzt. Die anderen fallen heraus aus dem System . Wodurch der Druck für die anderen noch größer wird . Eine Ärztin hat mir erzählt, sie wisse von einer Firma, in der im nächsten Jahr ein Drittel der Belegschaft entlassen werden soll. Sie wissen noch nicht wer. Sie wissen nur, es wird ein Drittel sein. Jeder fragt sich, bin ich es? Die Leute kommen und sagen: Ich will nicht krankgeschrieben werden. Verschreiben Sie mir irgendwas, damit ich durchhalte. Dieser Druck ist enorm. Ich denke schon, dass viele nachempfinden können, wenn da jemand sagt, ich mache Schluss. Ich will nicht mehr mithalten müssen. Aber viele, auch ich, empfinden eine tiefe Trauer darüber. Viel wird in diesen Tagen über den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan diskutiert. Ist Weihnachten 2009 eine Kriegs-Weihnacht? Seit 1945 hat es viele viele Kriege gegeben . Aber ohne deutsche Beteiligung. Es ist eine große Gnade, dass wir seit 1945 keinen Krieg im eigenen Land erlebt haben. Aber es ist auch ein Realitätsgewinn, zu erkennen, dass deutsche Soldaten an einem Krieg beteiligt sind. Das ist lange verdrängt worden. Ich bin froh, dass diese Frage wieder auf der Tagesordnung steht. Deutschland stellt ja nicht nur das drittgrößte Kontingent in Afghanistan. Wir sind auch der drittgrößte Rüstungsexporteur. Wir verdienen auch noch an den Kriegen, die wir dann beklagen. Sollten wir in Afghanistan von Krieg sprechen? Die evangelische Kirche nennt, was dort geschieht, schon lange Krieg. Krieg ist nicht nur eine erklärte militärische Auseinandersetzung zwischen zwei Völkern. Krieg ist heute viel schwerer zu fassen. Er findet auch unerklärt, in einem Land zwischen zwei verfeindeten Gruppen statt. Was in Afghanistan geschieht, kann ich nicht anders bezeichnen. Die Zivilbevölkerung leidet unendlich. US-Präsident Barack Obama hat in seiner Nobelpreisrede die Frage nach einem gerechten Krieg gestellt . Wir haben das in unserer Friedensdenkschrift sehr klar gesagt: Es gibt keinen gerechten Krieg. Es mag Kriterien geben, mit denen man einen Krieg rechtfertigen kann, was mir schon schwer fiele. Aber nach diesen Kriterien, ist das, was in Afghanistan geschieht, in keiner Weise zu rechtfertigen. Es kann nur darum gehen, zu fragen, wie wir einen geordneten Rückzug antreten und wie eine zivile Lösungsstrategie gefunden werden kann. Diese Strategie wird aber nicht einmal gesucht. Am Ende sagen immer alle, jetzt müssen wir mit Waffengewalt eingreifen, dann wird es Frieden geben. Ich bin überzeugt, dass es andere Vermittlungsformen gibt. Obama hat also Unrecht, wenn er von einem gerechten Krieg spricht? Für mich kann es keinen gerechten Krieg geben. Ich kann ihn aus christlicher Sicht nicht legitimieren. Um gerechten Frieden geht es mir. Ist Krieg manchmal nötig, wie Obama behauptet? Das kann ich nicht sehen. Was ich befürworten könnte, wäre eine Art Polizeigewalt. Da könnte ich mir auch auf einer Weltebene vorstellen, dass die Uno so ausgestattet wird, dass sie diese Polizeigewalt ausüben kann. Krieg sehe ich nicht legitimiert, weil durch ihn am Ende immer die Zivilbevölkerung leidet. Von diesem Land ist ein schrecklicher Krieg ausgegangen. Wie hätte man dem anders begegnen können, als mit Gewalt? Das Argument lautet immer: Hätten die Alliierten nicht eingegriffen, hätte es keinen Frieden gegeben. Warum gab es vorher keine Strategien? Warum wurde die Opposition in Deutschland nicht gestärkt? Warum wurden die Gleise, die nach Auschwitz führten, nicht bombardiert? Schließlich heißt es immer: Jetzt müssen wir Waffen einsetzen. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist enorm hoch. Appeasement-Politik hat Hitler wenig beeindruckt. Dennoch: Krieg setzt ein Gewaltpotenzial frei, für das ich keine Rechtfertigung sehe. Krieg hat Unrecht, Zerstörung, Vergewaltigungen im Schlepptau. Krieg zerstört alle, die an ihm beteiligt sind. Ich hatte in jüngster Zeit Soldaten zu Besuch, die mit ihren Erlebnissen nicht fertig werden. Es ist gut, dass es zu diesen Weihnachten ein verstärktes Bewusstsein dafür gibt. Nun warten Christen seit mehr als 2000 Jahren auf den Frieden Gottes. Welcher Trost liegt in der Weihnachtsbotschaft? Sie ist die ständige Erinnerung, dass Gott es anders will. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, haben die Kirchen 1948 weltweit erklärt. Diese Ansage einer Kontrastgesellschaft wird Menschen immer wieder zum Nachdenken bringen, zu einer Gewissensentscheidung gegen den Krieg und zu einem klaren Bekenntnis ihres Glaubens. Helmuth James Graf von Moltke etwa imponiert mir, der vor dem Volksgerichtshof stand. Er hat gesagt: Sie können mich nicht erschüttern in meinem Glauben. Sie können mich zum Tode verurteilen, aber ich stehe hier mit meiner Überzeugung, dass Gewaltlosigkeit die richtige Haltung ist. Ich wünschte mir mehr Menschen, die mit ihrer christlichen Überzeugung gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von einer anderen Gesellschaft zu reden. Das Gespräch führte Katja Tichomirowa. ------------------------------ Foto: Gott will es anders, sagt Margot Käßmann. Seit Oktober ist die Landesbischöfin von Niedersachsen Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands.

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