02.08.2006

Die karierte Decke

Von Barbara Wrede

Das Haus meiner Eltern ist ein Nichtraucherhaus. Ich bin ein vorbildlicher Raucher und gehe zum Rauchen auf die Terrasse, gleich nach dem Aufstehen. Summerchild, it sits by the water, sang ich und tänzelte barfuß und in Unterhose die Treppe herunter, drehte und sog den ersten Zug ein, als wäre es mein letzter. Vater und Hund waren bereits auf den Äckern unterwegs. Meine Mutter half, gemeinsam mit den anderen Frauen des Dorfes bei Elsa Ferch, der Frau des Schützenkönigs aus dem vergangenen Jahr, das Frühstück für die Schützenmannschaft vorzubereiten. Morgendliche Ruhe. Weder halbnackte Jungschützen, die in irgendwelchen selbstausgebuddelten Schlammlöchern planschten noch blecherne Musik zu hören. Ich nahm einen zweiten Zug. Er würde herkommen, zum Schützenfest, hatte er versprochen, nachdem ich ihn ein halbes Jahr lang weichgekocht hatte. Lauer Wind wehte meinen Rauch über das Kräuterbeet. Endlich Sommer, und es war, als ob Unmengen von angestautem Serotonin, dem Frühlingsgefühlauslöser schlechthin, ausgeschüttet wurden. Und dann war auch noch Schützenfest. Nee, nee, da fahre ich nicht mit, da kannst du betteln wie du willst, von mir aus auch heulen, dich auf den Boden schmeißen oder sonstwas, mich kriegen keine zehn Pferde in dein Kaff. Der arme Zorro hat damals auch nur gelitten, als du ihn mitschlepptest. Dem stehen noch heute die Haare zu Berge, wenn du das Lied mit der Maus, die sich ausziehen soll, vor dich hinträllerst. Kann mir schon vorstellen, wie es da zugeht: Saufen bis zum Kontrollverlust, dann rumschmaddern und nackt auf der Dorfstraße tanzen. Bis zum Umfallen. Sich am nächsten Tag an nichts erinnern können. Sogar deine Freundin Katharina hat es neulich und das auch noch öffentlich mit Zuständen wie in Papua Neuguinea verglichen, entrüstete er sich. Erstens wisse ich nichts über die Zustände da, nicht mal, wo das liegt und zweitens hatte Katharina was verwechselt, sagte ich, um mich und meine Heimat zu verteidigen. Sie dachte, wir hätten den Schlachter, der abgeschnippelte und am Nummernschild seines Audis baumelnde Euterzitzen hatte, in meinem Dorf gesehen. Dabei war das in der Schwalm, damals, als sie mich während eines Stipendiums besuchte, fügte ich hinzu und dass es so jemanden in meinem Dorf nicht geben würde. Aber andere, quakte er. Zum Glück, erwiderte ich. Wie es dazu kam, dass er seine Meinung änderte, weiß ich nicht, vielleicht war er auch nur neugierig und wollte wissen, warum ich es so interessant fand, einmal im Jahr für ein paar Tage in meiner Vergangenheit rumzupopeln. Oder? Egal. Ich hustete und dachte an ihn. Es gab einen Knall, die Terrassentür flog zu und mir fiel ein, dass ich hier in Unterhose stand, keinen Hausschlüssel hatte und er in einer Stunde am Bahnhof sein würde. Ich lief ums Haus zum alten Schuppen, drehte leere Blumentöpfe um und wischte über verstaubte Regalbretter. Nirgendwo ein Zweitschlüssel. Wieder zur Terrasse. Zigarette. Dann knotete ich mir die alte rot-weiß karierte Plastik-Tischdecke vom Gartentisch um die Schultern, rannte zurück zum Schuppen und zwirbelte die Decke mit einem Draht vorm Bauch zusammen. An der Wand stand das alte Rad meines Vaters. Ich sprang drauf. Und fuhr den Berg hinunter ins Dorf. Meine Mutter verdünnte gerade Himbeersaft, als ich vor ihr bremste. Elsa Ferch kam mit einem Tablett voll bepackt mit Seelachsschnitzelbrötchen um die Ecke und runzelte die Stirn. Wie die sich immer anklostert, sagte sie zu meiner Mutter. Die warf mir den Schlüssel zu. Ich aufs Fahrrad. Blasmusik von Ferne. Schnell den Berg hoch. Tür auf. Und zu. Luftholen. Nie mehr rauchen. Anziehen. Ins Auto. Zum Bahnhof. Er war nicht da. Hätte ich mir denken können. Ob er Angst vor seiner eigenen Courage bekommen hatte? Und nun? Sollte ich warten? Tat ich. Auf den nächsten Zug. Er stieg nicht aus. Ging ja prima los hier. Mir schossen Tränen in die Augen. Schon wieder versetzt. Zurück nach Berlin? Bleiben? Oder war alles ein Zeichen? Meine Zeit hier einfach vorbei? Ich wohnte ja schon so lange nicht mehr hier, wie ich mal hier gelebt hatte. Blöde Zeitgedanken. Gekniffen wird nicht. Und sicher würde Ole heute Abend auf dem Schützenfest sein. Teil II folgt morgen.

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