Die Nachfahrin des Berliner Milljöh-Malers Heinrich Zille ist Bürgermeisterin von Kapstadt. Kein leichtes Amt: Der Traum der Helen Zille

Von 

Der Himmel ist noch dunkel. Es ist einer dieser ungemütlichen grau-nassen Wintertage, die auf der südlichen Erdhalbkugel die Kälte doppelt spürbar werden lassen. Kapstadt, die "Mutterstadt", wie sie die Capetonians liebevoll nennen, erwacht erst langsam. Im Büro der Bürgermeisterin ist allerdings schon Betrieb. Helen Zille ist immer als eine der ersten an ihrem Arbeitsplatz im sechsten Stock des riesigen Gebäudes der Stadtverwaltung. Später als sieben Uhr kommt sie fast nie. "She is already running", sagen ihre Mitarbeiter - sie rennt schon, steht schon unter Volldampf. Dabei wirkt sie nicht hektisch, in Eile oder gestresst. Die schmale, mittelgroße Frau mit ihren 55 Jahren, ihrer leisen, aber festen Stimme vermittelt eher das Gefühl von Gelassenheit, von Ruhe. Sie nimmt sich zurück, kann zuhören. Vielleicht neigen ihre zahlreichen Gegner deshalb dazu, sie zuweilen zu unterschätzen. Aber hinter dieser Ausgeglichenheit, dieser Zurückhaltung stecken viel Kraft, viel Kampfeslust auch - und vor allem viel Selbstbewusstsein. Helen Zille ist eine starke Frau. "Sie ist eine Kämpferin", hat ihre 88-jährige Mutter einmal gesagt. "Wo ist denn nur mein dicker Zille", murmelt die Bürgermeisterin vor sich hin, kramt auf ihrem Schreibtisch, in einem Bücherregal. Schließlich zieht sie triumphierend "Das dicke Zille-Buch" heraus, ein Querschnitt durch das Werk des Berliner Milljöh-Malers. Es sei ein Geschenk der deutschen Entwicklungsbank KfW, erzählt sie - Erinnerung und Würdigung für ihren berühmten Vorfahren. "Ich weiß nicht, ob Heinrich Zille ein Bruder meines Großvaters war, ein Cousin oder ein Onkel", gibt sie zu. "Aber eins ist sicher: Er gehört zu meinen Vorfahren - und ich bin stolz auf ihn. Das soziale Engagement, das sein Werk prägt, sein Eintreten für die kleinen Leute, das alles ist kennzeichnend für meine ganze Familie." Bei ihrer Mutter in Johannesburg hängen fünf Originale von Heinrich Zille, Helen Zille selbst hat bisher nur eins. "Aber ich fange an zu sammeln", sagt sie. Ihre deutsche Herkunft hat Helen Zille geprägt: Vater Wolfgang Zille, geborener Dessauer, kehrte Deutschland schon 1934 den Rücken. Er ging nach Südafrika, weil er dort dem deutschen Rassenwahn zu entkommen hoffte. Ihre Mutter, die aus Essen stammt, emigrierte erst 1939, in letzter Minute, zunächst nach England, 1948 dann nach Südafrika. Dann ging alles sehr schnell: 1950 lernen die beiden jüdischen Emigranten Wolfgang Zille und Mila Cosmann sich in Johannesburg kennen, sie heiraten wenige Wochen später - und 1951 kommt Helen Zille zur Welt. Sie wächst in einer politisierten Umgebung auf: Ihre Familie ist vor den Nazis geflohen - und ist ausgerechnet in ein Land geraten, in dem die Rassentrennung gerade zur offiziellen Politik erklärt wird und in dem die unmenschlichen Rassengesetze fast täglich verschärft werden. "Meine Mutter stemmte sich sofort aktiv dagegen", erzählt Frau Zille. Sie unterstützt Apartheids-Opfer, gibt Rat, Trost und Hilfe, wo immer sie kann. "Mein Vater hat sie dabei im Hintergrund immer unterstützt." Für die junge jüdische Emigranten-Tochter und ihre beiden Geschwister wird politisches Engagement zur Selbstverständlichkeit. Helen Zille wird zunächst Journalistin, von 1974 bis 1981 arbeitet sie als politische Korrespondentin, eine glänzende Karriere scheint vor ihr zu liegen. Doch 1981 wirft sie alles hin, weil ihr Chefredakteur wegen seiner kritischen Haltung zur Apartheid gefeuert wird. Helen Zille wird politisch aktiv, arbeitet in Organisationen mit, die die Apartheid bekämpfen. Bei der "Black Sash", einer Anti-Apartheidsbewegung, die sich selbst "Anwalt für eine gerechte Welt" nennt, findet sie ihre politische Heimat. Sie engagiert sich auch für die Bewegung "South Africa Beyond Apartheid" und hilft jungen Südafrikanern, sich dem Wehrdienst in der Armee zu entziehen, die immer mehr zum Unterdrückungsinstrument der Herrschenden wird. Als Südafrika 1994 unabhängig wird, beginnt Helen Zilles Aufstieg. Sie macht sich einen Namen als Kämpferin für die Bürgerrechte, engagiert sich in der Demokratischen Allianz (DA), dem Zusammenschluss der früheren New National Party und der Democratic Party, wird Vizechefin der neuen Allianz, steigt 2000 zur Erziehungsministerin in der Provinzregierung am Kap auf. Als es in diesem Frühjahr darum geht, einen chancenreichen Kandidaten in der DA zu finden, der die Kapstädter Bürgermeisterin Nomaindia Mfeketo vom African National Council (ANC) schlagen könnte, fällt die Wahl automatisch auf Helen Zille. Sie schafft das schier Unmögliche: Bei der Kommunalwahl am 1. März legt der ANC zwar landesweit erheblich zu. Doch ausgerechnet in der "Mutterstadt" verliert er, zieht die DA an ihm vorbei. Kapstadt ist die einzige Großstadt in Südafrika, in der der ANC die Macht abgeben muss. Er kommt nur noch auf 37,9 Prozent der Stimmen, die DA auf 41,8 Prozent. Doch nach der Wahlschlacht bricht ein Krieg aus: Der ANC will die Niederlage nicht anerkennen. Mit allen Mitteln will er Helen Zilles Wahl zum Stadtoberhaupt verhindern, versucht, mit Versprechungen und Drohungen, Abgeordnete anderer Parteien auf seine Seite zu ziehen. Vergeblich. Frau Zille zimmert mit sechs kleineren Parteien eine Koalition, wird am 15. März mit nur drei Stimmen Vorsprung zur neuen Bürgermeisterin der Drei-Millionen-Metropole gewählt. Einen "Meilenstein" nennt sie ihre Wahl: "Zum ersten Mal seit 1994 hat der ANC eine wichtige Wahl verloren." Der ANC tobt und mobilisiert die Straße. Als Zille kurz nach ihrer Wahl den Vorort Kayelitza - eine ANC-Hochburg und einer der sozialen Brennpunkte Kapstadts - besucht, in dem sie fast 30 Jahre lang gearbeitet hat, werfen ANC-Anhänger mit Stühlen auf sie. Sie wird leicht am Kopf verletzt. ANC-Provinzvize Max Ozinsky erklärt kühl, sie habe ihren Besuch beim örtlichen ANC-Vertreter nicht angemeldet. Nun müsse sie die Folgen tragen. Die unprätentiöse Frau, die bis dahin auf ihren Dienstwagen verzichtet hatte und ohne Bewachung mit ihrem alten Opel durch die Gegend gefahren war, muss sich auf den dringenden Rat der Polizei ab sofort von einem Bodyguard schützen lassen. Auch an ihrem Haus im Stadtteil Obervatory, wo sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen lebt, werden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Sie ist stolz darauf, dass sie nie in einem der "weißen" Stadtteile Kapstadts gewohnt hat, dort, wo die Reichen sich mit Stacheldraht und Alarmanlagen eingeigelt haben. In Obervatory leben vor allem Schwarze, eine Mittelschicht, Mitarbeiter der Universität, an der auch ihr Mann lehrt. Sie ist dort anerkannt und respektiert. Doch in der vom ANC aufgeheizten Stimmung in der Stadt muss sie auch hier vorsichtig sein. Anfang Mai muss sie eine Restauranteröffnung in Kayelitza absagen, weil die Sicherheitsbehörden in letzter Minute aufgedeckt hatten, dass dort ein Anschlag auf die Bürgermeisterin geplant war. Die Bedrohung wird greifbar. Aber sie lässt sich nicht einschüchtern: "Ich kann dort nicht hingehen, wenn die Polizei sagt, es sei zu gefährlich. Aber ich werde ein anderes Mal kommen", kündigt sie an. Der ANC-Landesvorsitzende James Ngculu sagt trotzig, seine Partei werde erst Ruhe geben, wenn sie Zille aus dem Amt gejagt habe. "Das GodZille Monster" nennt er das demokratisch gewählte Stadtoberhaupt. Zille gibt zu, dass sie zunächst über den Hass und die Wut der Angriffe auf sie geschockt war. Ausgerechnet ihr, der christlich erzogenen Jüdin, deren Familie vor Hitler geflohen ist und die Apartheid bekämpft hat, wirft der ANC Rassismus vor. "Das Tragische ist, dass der ANC selbst wie die alte Nationale Partei den Rassismus als Instrument zur politischen Mobilisierung benutzt", schlägt sie zurück. Zille erbt vom ANC eine Stadt, deren Probleme von Tag zu Tag wachsen: Die Kriminalitätsrate Kapstadts ist erschreckend hoch. Überfälle sind an der Tagesordnung. Das überalterte Atomkraftwerk Koeberg vor den Toren der Stadt kann die Stromversorgung nicht mehr sichern. Stromausfälle führen zu chaotischen Zuständen in Kapstadt. Die Trinkwasserversorgung scheint gefährdet, immer häufiger werden bakterielle Verseuchungen gemeldet. Ein Streik der privaten Sicherheitskräfte, die eigentlich öffentliche Einrichtungen sowie Privathäuser und Unternehmen schützen sollen, gerät außer Kontrolle. Die Streikenden liefern sich wochenlang Straßenschlachten mit der Polizei, werfen Streikbrecher vor den Zug, prügeln auf ihre eigenen Leute ein. Die dem ANC nahestehende Gewerkschaft mahnt erst zur Besonnenheit, als einer ihrer Funktionäre verhaftet wird, Helen Zille die Demonstrationen verbietet und das Polizeiaufgebot massiv erhöht. Die Bürgermeisterin greift vom ersten Tag an durch: Sie lässt alle Verträge, die die Stadt in der Vergangenheit geschlossen hat, prüfen, ob Korruption im Spiel war. Offensichtlich, so die ersten Ergebnisse, ist kräftig abkassiert worden. Sie feuert Verwaltungschef Wallace Mgoqi, der im Wahlkampf ungeniert für den ANC eingetreten war, dessen Vertrag Zilles Vorgängerin Mfeketo kurz vor dem Wahltag eigenmächtig verlängert hatte. Doch er sträubt sich, seinen Schreibtisch zu räumen. Erst durch ein Gerichtsurteil wird er dazu gezwungen. Die Bürgermeisterin stoppt den Bau eines Fußballstadions für die WM 2010 mitten in Kapstadt, weil sie wissen will, ob die Finanzierung gesichert ist. Erst auf Druck der Fifa gibt sie den Bau wieder frei. Der ANC verlangt bei der Provinzregierung ihre Absetzung und die Einsetzung eines Staatskommissars. Die ANC-geführte Provinzregierung lehnt ab. In der Stadtverwaltung trifft Frau Zille auf unglaubliche Zustände: Die Zahl der Mitarbeiter wurde in der Zeit der ANC-Regierung zwar von 27 000 auf 22 000 verringert. In einigen Abteilungen gibt es aber mittlerweile bis zu vier hochbezahlte Direktoren, die alle die gleichen Aufgaben haben - alles ANC-Parteigänger. Die jährlich von der Stadt aufzubringende Lohnsumme stieg um 250 Millionen Rand (ca. 35 Millionen Euro). An der Autobahn, die vom Flughafen in die Stadt führt, hatte der ANC ein riesiges Wohnungsbauprojekt angekündigt und damit im Wahlkampf Furore gemacht. Helen Zille muss nun feststellen, dass die Finanzmittel nur für den Bau von 700 Wohnungen reichen - doch es gibt über 200 000 Bewerber. Wut und Enttäuschung sind die Folge, der ANC macht sie verantwortlich. Als die Angriffe nicht enden, geht sie zum Gegenangriff über: Sie stellt der Provinzregierung kurzerhand Wasser und Strom ab, weil die offen stehende Rechnungen in Millionenhöhe nicht zahlen will. Woher nimmt sie, die so gar nicht wie eine Powerfrau wirkt, die Kraft für ihren Kampf an so vielen Fronten? "Ich bin sehr religiös, meine Familie unterstützt mich geradezu unglaublich - und ich liebe die Herausforderung", sagt sie. Vor allem aber hat Helen Zille einen Traum: "Südafrika kann die erste große Demokratie werden, die die Rassenschranken wirklich überwindet." An der Verwirklichung dieses Traumes will sie mit ganzer Kraft mitarbeiten. Und schon rennt sie wieder, diese zierliche Frau mit dem Kämpferherzen und ihrer Drei-Stimmen-Mehrheit. ------------------------------ Foto: Helen Zille, seit dem 15. März 2006 Bürgermeisterin von Kapstadt, eine Frau mit drei Stimmen Mehrheit.

Anzeige